Glückwunsch, du bist ein Mädchen!

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

Kassandra ist 17 Jahre alt und hat in ihrem Leben kaum Wurzeln fassen können. Ihre Mutter scheint von einer inneren Unruhe getrieben und zieht ständig um. Für Kassandra und ihre jüngere Schwester Oya heisst dies, dass sie mit einer immer wieder anderen Realität konfrontiert sind und sich in einem neuen Leben zurechtfinden müssen. Jetzt, als junge Frau, will Kassandra der Unstetigkeit ihrer Mutter auf den Grund gehen. Sie stellt Fragen. Eine davon ist, weshalb sie zu den Eltern ihres verstorbenen Vaters keinen Kontakt mehr haben können. Weil ihre Mutter darüber nicht redet, zieht Kassandra los und sucht die Wahrheit bei den Grosseltern direkt. Zunächst tun sich diese schwer damit, doch dann ermöglichen sie Kassandra, zu verstehen. Was die junge Frau erfährt und erlebt erschüttert sie zutiefst. Ihr Weltbild gerät in Schieflage und sie verliert das Vertrauen in die Menschen, die ihr bisher nahe gestanden sind. Da wird sie von einem Lehrer an ihrer Schule, Elija Rosen, aufgefangen. Doch damit begibt sich die verstörte junge Frau auf gefährliches Terrain.

Es sind gleich mehrere Problemkreise, die Jana Frey in ihren Roman einbaut. Ihre Protagonistin Kassandra hat einige Schwierigkeiten zu meistern. Durch die in Ich-Form gehaltenen Schilderungen Kassandras werden die Leser sehr nahe ans Geschehen heran geholt. Die Erzählung ist mit einer grossen Portion trockenen Humors durchsetzt – gut dosiert und niemals zu stark aufgetragen. Doch es nimmt der Geschichte etwas an Schärfe und lässt den Verdacht aufkommen, dass sich die Protagonistin weigert, sich ernsthaft mit ihrem Leben auseinander zu setzen.

Kassandra schildert zunächst die zahlreichen Veränderungen, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt war. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wird erkennen, dass es sich bei Kassandras Mutter um eine Getriebene handelt, die versucht, vor sich selber davon zu laufen. Doch zunächst mag man darüber schmunzeln, mit welchem Selbstverständnis die beiden Töchter Kassandra und Oya die Umziehwut ihrer Mutter mitmachen und sich immer wieder in neue Schulsysteme einleben und einen neuen Freundeskreis aufbauen. Auch hier kommt wieder der Humor zum Zuge, scheinbar locker erzählt Kassandra von den Menschen, mit denen sie jeweils eine Zeitspanne verbrachten, von denen sie sich verabschieden mussten oder mit denen sie virtuell weiter Kontakt pflegen. Diese lockere Erzählweise ist zwar sehr angenehm zu lesen und entlockt immer mal wieder ein Schmunzeln, ist aber auch einer der Kritikpunkte am Roman: Kassandra zeigt deutlich, dass die ständigen Umzüge an ihr nagen. Da will weder Humor noch Pragmatismus so richtig dazu passen.

Jana Frey schafft es, die verschiedenen Themenbereiche stimmig miteinander zu verknüpfen. Kassandras erschütternde Erkenntnis wird zur Grundlage für spätere Fehlentscheidungen und die Verunsicherung der jungen Frau ist nachvollziehbar. Nicht ganz passend scheint dabei das Verhalten des Lehrers,  der durch seine Handlung nicht eben sympathisch wird und zumindest bei einer erwachsenen Leserschaft mehrere Fragen aufwirft. Hier dürfte Jana Frey sehr wohl der Realität sehr nahe kommen, dennoch dürfte es vielen sauer aufstossen, wie die Situation sich auflöst.  So hinterlässt "Weil Du fehlst" ein leicht schales Gefühl, das jedoch mehr der Handlungsweise der Protagonisten gilt als dem Konzept des Romans selber.

FAZIT:

Weil Du fehlst ist ein kluger Roman, der sich gleich mit mehreren sensiblen Themen auseinander setzt. Sprachlich fein umgesetzt und auch vom Konzept her überzeugend, ist er eine sinnvolle Lektüre für Jugendliche und junge Erwachsene. Empfindliche Jugendliche sollten jedoch unbedingt die Möglichkeit haben, mit erwachsenen Personen über die verschiedenen Themenbereiche zu diskutieren.

Couch-Wertung:

6

Leser-Wertung

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Auch nur ein Buch übers Mädchensein.

Buch-Rezension von S It Dez 2013

So manche erwachsene Frau ist geradezu begeistert von diesem Buch. Es sieht frisch aus; ein bisschen selbst gemacht und das so gut, dass es ganz klar vom Profi sein muss. Aber das ist nicht der Grund. Sondern: Eine Anleitung zum Klarkommen hätten alle in dem bestimmten Alter gerne gehabt. Und so werden die Erwachsenen es jungen Mädchen stapelweise auf den Nachttisch und ans Herz legen. Damit es ihnen den kürzesten Weg durch die verunsichernden, verklemmten, peinlichen, leidvollen Phasen des Erwachsenwerdens zeigt. Und zwar den richtigen.

Mal ehrlich: auch die jetzigen Mütter hatten doch Ratgeberinnen. Eltern, Patentanten, Omas, Lehrerinnen, die ihnen gesagt haben, dass innere Werte zählen und nicht das äußere Rollenbild, dass ER nicht der richtige sein kann, wenn er verlangt, dass SIE sich völlig ändert, dass Models stundenlang zurecht gemacht werden bis sie so aussehen wie kein normaler Mensch aussehen muss, dass nicht verklemmt ist, wer mit 17 noch keinen Sex hatte und dass das nicht an der Zahnspange liegt – so in der Art ist der Tenor in vielen Kapitel nämlich.

Geholfen hat's wenig. Weil – auch das ist so ein Patentanten-Spruch – jeder seine Erfahrungen selber machen muss. Weil es unmöglich ist, das Ziel des Erwachsenseins zu erreichen ohne den Weg des Erwachsenwerdens zu gehen. Und weil eine 15-Jährige nicht nur meint, es sei ein Weltuntergang in ihrem alten Bikini und mit einem dicken Pickel im Dekolletee ins Freibad zu gehen. Es ist für sie ein Weltuntergang. Dass solche Weisheiten wirken im Laufe des Lebens, und dass sie anders wirken als wenn man mit auf den Weg bekommt, dass eine Frau immer nett, adrett und brav im Bett sein sollte – keine Frage. Aber akut, zwischen 14 und 17, hilft das alles wenig. Auch dieses Buch nicht.

Es ist nicht schlecht, die Kapitel sind zahlreich, mit den üblichen Themen und Titeln: "Lerne dich so zu mögen wie du bist", "Wie Medienbilder zustande kommen", "Schluss mit dem Traum vom Dünnsein". Es gibt viel Mode: Experimente zum Nachmachen, zum Spaßhaben, zum Selbernähen; dann Sex, Sport und jede Menge Mädchensein an sich.  "Bewusst subjektiv" nennen die drei Autorinnen die Auswahl, man könnte auch sagen, ein bisschen zusammengewürfelt wirkt es. Und möglicherweise ist es das auch: ein "best-of" ihrer Arbeit. Alle drei sind nämlich Herausgeberinnen des Missy Magazines, einer Frauenzeitschrift, die laut Eigendarstellung die "Berichterstattung über Popkultur, Politik und Style mit einer feministischen Haltung" verbindet. Und machen daneben noch was anderes: befassen sich mit Modetheorie oder arbeiten als Dozentin zum Thema Gender und Sprache.

Und richtig ist es auch nicht immer.

"Warum gibt es nur zwei Geschlechter?" heißt ein Kapitel. Die Antwort darauf lautet sinngemäß: weil das so ist. Es gibt Menschen mit Penis, das sind Männer. Und es gibt Menschen mit Vagina, das sind Frauen. An dieser Stelle möchte man den drei feministischen Berichterstatterinnen über Popkultur, Politik und Style doch raten, mal die Biologiekenntnisse aufzufrischen. Es reicht schon, bei Wikipedia das Wort "intersexuell" oder "transsexuell" einzugeben. Es gibt nämlich Menschen, die Vagina und Penis haben, Hoden und Eierstöcke; die nicht nur ein XY-Chromsomen haben oder YY, sondern  XYY. Die biologisch männlich oder weiblich sind, sich aber anders fühlen.

Insgesamt ist das Buch recht abwechslungsreich, es gibt kleine Fragebögen, Checklisten, Info-Kästen. Gut ist, dass der Text nicht so geschrieben ist, wie Menschen um die 40 sich Jugendsprache vorstellen. Nicht gut ist, dass er so geschrieben ist, dass es nur soziologisch interessierte angehende Einser-Abiturientinnen verstehen. So ist es aber und es wäre vielleicht besser, den Titel zu erweitern: "Glückwunsch, du bist ein  Mädchen und du bist in eine sehr gebildete Familie geboren worden; du verstehst nicht nur solche Sätze über die "typisch weiblichen Fähigkeiten Empathie, Besonnenheit, Teamfähigkeit, Kooperation und Kommunikationsfähigkeit, die mehr gefragt sind als Durchsetzungsfähigkeit, Konkurrenzdenken und  Dominanz". Du hast danach auch Lust, weiter zu lesen. Über die "feministischen Kämpfe, die deine Vorgängerinnen in den vergangenen Jahren ausgetragen haben"; oder über die Sportart Parcours, die "eine Bewegungsform im urbanen Raum ist, die euch die Möglichkeit bietet, euch eure Umgebung auf eure eigene Weise anzueignen", und über anderes Abstrakt-theoretische mehr.

Zum Schluss noch was Nettes: die kleinen schwarzen Eumelchen als Cartoons auf den Seiten sind witzig und niedlich; die farbigen, tanzenden Kapitelüberschriften machen gute Laune und die vielen in den Text gestreuten Fotos, die fast alle einfach nur normale Mädchen zeigen, von denen jedes so unterschiedlich ist wie Tag und Nacht.

Fazit

Eine Anleitung zum Klarkommen in der Pubertät. Klingt zu gut um wahr zu sein – und so ist es ja auch. Erstens verspricht der Titel mehr als er hält; das Buch ist ein Sachbuch vom Erwachsenwerden, mit viel Interessantem, Ermutigenden, aber auch nicht mehr. Und zweitens: durch die Pubertät muss man eben einfach selber.

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