Eine größere Welt

  • Bloomsbury, 2012, Titel: 'I denk dat bet lief de was', Originalausgabe
Eine größere Welt
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Julia Behrens
6101

Jugendbuch-Couch Rezension vonAug 2013

Leon oder über das schwierige Verhältnis zu den eigenen Eltern

Leon wächst als Waisenkind im Morvan im Osten Frankreichs auf. Das Leben dort ist nicht leicht. Seine Pflegemutter kann ihn nicht besonders leiden und sieht ihn und seine Geschwister als gute Arbeitskräfte. Es scheint niemanden zu geben, dem Leon wirklich etwas bedeutet, außer Méline, seiner älteren Pflegeschwester. Méline nimmt ihn mit in die Wälder, nimmt ihn in den Arm, wenn er traurig ist und erklärt ihm geduldig die Welt. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Méline sich in den jungen Müller verliebt – eine völlig undenkbare Verbindung und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Am Ende bleibt Leon allein zurück und beschließt nach Paris zu ziehen.

Voller Hoffnung macht er sich auf in die französische Hauptstadt um dort sein Glück zu finden. Doch ein langer und beschwerlicher Weg liegt vor ihm und auch in Paris angekommen ist Leon noch lange nicht am Ziel. Es bleibt die Frage, wer er ist, was er mit seinem Leben anfangen will und nicht zuletzt: woher er gekommen ist und wer seine Eltern sind, warum sie ihn nicht behalten haben.

Und so begibt Leon sich nicht nur auf eine Reise nach Paris, sondern vor allem auf die Reise zu sich selbst…

Eine größere Welt erzählt die Geschichte eines französischen Waisenjungen, der im 18. Jahrhundert das Wagnis auf sich nimmt, sein Leben selbst zu gestalten. Leon lebt in einer Zeit, in der das Schicksal jedes Menschen vorher bestimmt zu sein scheint, doch die Stimmen werden lauter, die rufen, dass ein Mensch sein Leben selbst in die Hand nehmen kann und selbst bestimmen kann, was aus ihm wird. Eine dieser Stimmen gehört dem Philosophen Jean Jacques Rousseau, der als Vordenker seiner Zeit galt und dessen Ideen noch heute eine große Rolle spielen.

Leons Lebensweg scheint auf seltsame Weise mit dem von Jean Jacques Rousseau verknüpft zu sein. Immer wieder begegnet ihm der Schriftsteller in seinen Texten und in seinem Wirken. Immer wieder hat das, was er sagt und schreibt Einfluss auf Leon und seine Entwicklung, bis Leon tatsächlich sich selbst findet und die Antwort auf die Frage, was ihn mit diesem Mann verbindet.

Kathleen Vereecken hat auf dies Weise wunderbar das Wirken von Rousseau mit dem Leben ihrer Hauptfigur verwoben und auf diese Weise einen historischen Jugendbuchroman verfasst.

Der Leser begleitet Leon durch sein ganzes Leben und kann anhand seiner Entwicklung einige der Ideen von Rousseau nachverfolgen. Dabei beeindrucken die vielen Details, mit denen Vereecken das Leben im Paris der damaligen Zeit beschreibt. Die Charaktere sind allesamt liebevoll und mit Ecken und Kanten gezeichnet. Die Geschichte überrascht durch einige spannende und unerwartete Wendungen. Der Schreibstil lässt sich am besten mit zart und filigran beschreiben.

Trotzdem hat das Buch einige Längen, was schade ist, da die Geschichte noch sehr viel mehr Potential birgt. Manchmal wirken die Szenen etwas aneinander gereiht, Handlungsstränge entstehen und werden wieder fallen gelassen. Das ist schade, geht so doch an mancher Stelle die Spannung etwas verloren.

Nichts desto trotz ist "Eine größere Welt" sein sehr lesenswertes Buch, weil es sich an der schwierigen Aufgabe versucht, philosophische Ideen in eine spannende Geschichte zu verstricken.

Fazit:

Eine größere Welt ist eine interessante Geschichte mit einem hohen inhaltlichen Anspruch, die das Leben der fiktiven Figur Leon mit den Ideen von Jean Jacques Rousseau verwebt. Eine tolle Idee, die an manchen Stellen noch etwas besser hätte umgesetzt werden können. Trotzdem ein schönes und lesenswertes Buch.

Eine größere Welt

Kathleen Vereecken, Bloomsbury

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