Kein zurück mehr

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

Mitten in den Wirren des ersten Weltkriegs sucht Victor Vervoort aus dem belgischen Mecheln seinen Hund Django. Inzwischen essen sie Hunde, weil es nichts anderes mehr gibt. Aber Victor muss Django unbedingt wieder haben, denn Victor hat Epilepsie und der Hund passt auf ihn auf, wenn er einen Anfall hat. Django darf auf keinen Fall geschlachtet werden. Also stiehlt Victor sich heimlich davon um ihn zu suchen. Seine Eltern hätten ihm das nie erlaubt. Trotz des Krieges lebt Victor wohlbehütet auf dem Familienanwesen. Allein in der Stadt, das wäre viel zu gefährlich, wegen der Anfälle.

Ganz anders Victors Bruder Nest, der ist an der Front. Ganz stolz ist sein Vater auf den älteren Sohn, ein richtiger Held. Dass Nest gar nicht kämpfen wollte, davon sagt der Vater nie etwas, aber Victor weiß es besser. Schon auf den ersten Metern vor der schützenden Haustür muss Victor feststellen, was Krieg bedeutet, was Menschen tun, die alles verloren haben, denen die Kinder unter den Händen weg sterben, die hungern und kein Hemd mehr am Leib tragen. So ein reicher Schnösel wie Victor kommt da gerade recht. Aber er trifft auch auf große Menschlichkeit, auf Hilfe in der bittersten Not und auf Herzlichkeit und Wärme. Und während Victor sich die 30 Kilometer nach Boom schlägt, wo Django zu sein scheint, wird aus dem überbehüteten Jungen ein Mann, der für sich einstehen kann, der das Leben gekostet hat, mit all seinen Höhen und Tiefen und der sein Wort hält.

Etwas grotesk mutet der Anfang von Zuletzt die Hunde an, in dem wir zunächst den Fleischer Prosper kennen lernen. Ausgerechnet dem ist Django direkt in die Arme gelaufen. Doch bevor Prosper ihn schlachten kann, gibt es einen Mord aufzuklären - und schon stehen wir mitten in den Verflechtungen eines Dorfes, das verzweifelt versucht, den Krieg zu überstehen. Grotesk, aber nicht unsympathisch sind auch viele der übrigen Charaktere, die de Sterck in ihrer Geschichte vorkommen lässt. Da gibt es die Frau mit dem Bart, die wunderschöne aber grausame Anna und den Sänger Flor, der mit seinen Liedern gegen den Krieg singt. Die Charaktere sind die große Stärke der Geschichte, auch wenn jede heraufbeschworene Figur mindestens einen tiefen Abgrund erkennen lässt.

Ingesamt ist die Stimmung düster, was nicht verwundert, wenn man das Thema bedenkt, doch wirkt das beim Lesen bisweilen erdrückend. Trotzdem kann man das Buch ab einem gewissen Punkt nicht weglegen, weil man wissen will, ob Victor und Django sich wieder finden, auch wenn de Sterck in ihrer oft derben Sprache oft noch derbere Szenerien beschreibt. Ein bisschen mehr Gefühl für den Leser wäre hier schön gewesen.

Auch der Aufbau der Geschichte ist nicht immer ganz nachvollziehbar. Ist der Einstieg noch recht gelungen, wirken spätere Teile der Geschichte manchmal als zu viel. Nach dem ersten Höhepunkt befinden wir uns erst auf der Hälfte der Geschichte. Die totale Verwandlung des Jungen Victor innerhalb einiger weniger Tage erscheint auch nicht immer ganz glaubwürdig.

Dennoch ist Zuletzt die Hunde ein lesenswertes Buch, weil es den ersten Weltkrieg mit seinen Abgründen und Schaurigkeiten aufgreift. Das ist eher ungewöhnlich. Und ihre Botschaft ist klar und heutzutage genauso aktuell wie vor knapp 100 Jahren: Niemand will Krieg, niemand braucht Krieg, nur die, die an der Macht sind, so wie Nest Vervoort schrieb: "Wenn man mir den Feind zeigt, sehe ich eine Mutter, einen Vater, eine Frau, Kinder. Wie kann ich schießen?".

Fazit

Zuletzt die Hunde ist eine Geschichte über den Krieg und das, was der Krieg aus Menschen machen kann. Es ist auch eine Geschichte über einen Jungen, der zu seinem Hund hält und dafür über sich hinaus wachsen muss. Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten.

Couch-Wertung:

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Rita Dell'Agnese
Blutergüsse im Gesicht

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2013

Christian will alles hinter sich lassen: seinen Vater, seine Mutter, seinen Bruder – sein ganzes bisheriges Leben. Hunderte von Meilen entfernt hat er sich eine neue Existenz aufgebaut, ist dabei, sein Leben in Ordnung zu bringen, eine Zukunft zu erarbeiten. Da steht Jace vor der Türe. Christians jüngerer Bruder muss ihm nicht erzählen, weshalb er hier ist. Sein Gesicht ist voller Blutergüsse und Platzwunden. Christian weiß, dass diese Verletzungen vom Vater stammen. Der ehrbare Richter zeigt zuhause ein ganz anderes Gesicht, ist unbeherrscht und gewalttätig. Nicht nur die beiden Söhne leiden unter seiner Gewalt, auch die Mutter. Aber sie schafft es nicht, sich ihrem Mann zu entziehen. Jace träumt davon, in Christians Nähe Fuß zu fassen und die Mutter aus den Klauen ihres Mannes zu befreien. Sein großer Bruder aber sieht die eigene Existenz durch das Auftauchen des Jüngeren in Frage gestellt. Denn erst seit er untergetaucht ist, hat er Ruhe vor den Nachstellungen des Vaters. Jetzt, da auch Jace geflohen ist, müssen die Brüder damit rechnen, dass der Vater alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Söhne zu finden. So ist Christian hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, seinen Bruder zu schützen und dem Bedürfnis, sich gegen die ganze Familie abzugrenzen. Jace spürt, dass ihn sein Bruder nicht vorbehaltlos willkommen heißt. Gleichzeitig spürt er, dass die Wut seines Vaters auch in ihm zu wachsen beginnt.

Der Roman Kein Zurück mehr lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Swati Avasthi mehr als nur Vorstellungskraft in ihren Roman hat fließen lassen. Die Autorin kommt mit ihren Schilderungen den Protagonisten so nahe, dass deutlich wird, wie realistisch die Szenerie ist. Tatsächlich bringt die Autorin einen reichen Erfahrungsschatz in Sachen "häusliche Gewalt" mit. Sie weiß nicht nur, weshalb die Mutter von Christian und Jace den gewalttätigen Mann nicht schon längst verlassen hat, sie weiß auch, wie sehr die Söhne mit sich ringen mussten, um die Familie zu verlassen. Das alles mag für Menschen, die noch nie mit dieser Form von Gewalt in Berührung gekommen sind, unerklärlich sein. Nach Avasthis Roman dürften sie zumindest einen Eindruck davon bekommen haben, welche Mechanismen in einer solchen Situation spielen.

Swati Avasthis Roman ist eine wichtige Lektüre für junge Menschen. Die vom Verlag vorgesehene Zielgruppe von 13 Jahren scheint zwar angesichts der komplexen, zwischenmenschlichen Geschichte etwas tief angesetzt, doch werden Gespräche mit reiferen Personen helfen, mit dem Stoff umzugehen. Denn durch die Nähe, die die Autorin zu erzeugen vermag, holt sie die Leser sehr dicht ans Geschehen heran. So dicht, dass leicht der Eindruck entstehen kann, in den ganzen Gewaltkreislauf irgendwie eingebunden zu sein. So diffus gewalttätige Menschen auf ihre Umwelt - nicht die von der Gewalt direkt Betroffenen – wirken, so diffus nimmt auch der Leser wahr, was mit den Beteiligten – vor allem aber mit Jace – passiert. Der Leser spürt, dass hier etwas schief läuft und er am liebsten eingreifen möchte. Er spürt aber auch, wie ohnmächtig ein Außenstehender dem Thema gegenüber ist, wenn nicht die richtigen Schritte unternommen werden. Swati Avasthi zeigt jedoch nach und nach auf, wo die Hilfe einsetzen kann und welche Maßnahmen dazu führen, dass sich alle – oder nahezu alle – Beteiligten aus der Gewaltspirale befreien können.

FAZIT

Die Autorin zwingt die Leser dazu, sich mit dem Thema Gewalt auseinander zu setzen. Sie tut dies auf eine konstruktive und Hoffnung bringende Art. Zum Schluss steht die Aussage im Raum, dass es sich lohnt, der Gewalt entgegen zu treten, selbst wenn es aussichtslos scheint.

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