Zuletzt die Hunde

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

Als Sahra in den Flieger nach Istanbul steigt schwirren ihre Gedanken noch immer von dem Chaos der letzten Tage. Ihre Mutter hat ihr gesagt, es tut ihr Leid. Sahra hasst Sie dafür, dass ihre Mutter nicht mit ihr und ihrem Vater glücklich sein kann sondern ihr diese Frau jetzt wichtiger ist. Mit ihrem Vater ist Sahra auch nicht besonders zufrieden, weil der seine Mutter einfach ziehen lässt ohne um sie zu kämpfen. Wo ist der eifersüchtige Türke, der die Familie mit eiserner Hand regiert? Zumindest denken ihre deutschen Freunde so über Sahras Papa. Aber Sahras Vater ist der liebste Mensch der Welt, der sie in all ihren Entscheidungen unterstützt und über die Vorstellung, dass seine Frau oder Tochter ein Kopftuch tragen müssten nur lachen kann. Über Katta dagegen denkt Sahra keine Minute nach. Sie ist für Sahra gestorben. Nachdem Katta ihr gebeichtet hat, dass sie jetzt mit Karl geht und die Geschichte mit ihrer Mutter für einen Witz hielt, hat Sahra sie wutschnaubend rausgeworfen.

Als Sahra am Flughafen in Istanbul herzlich von ihrer Familie begrüßt wird, kann sie für eine gewisse Zeit ihre Probleme vergessen. Sie fühlt sich in dem Haus ihrer Großmutter, in dem sie als Kind mit ihren Eltern lebte, sofort wieder heimisch. Mit ihren beiden Cousinen albert sie herum und saugt alle vertrauten Gerüche, Geräusche und Orte in sich auf. Doch auch hier kann sie ihren Problemen nicht auf Dauer entfliehen. Ma und Baba rufen an, Katta schreibt unzählige SMS, die Sahra sofort löscht, und irgendwann muss sie ja auch wieder zurück und sich ihrem Alltag stellen. Die Frage ist nur wie.

Die Autorin Deniz Selek verbindet mit Zimtküsse eine typische Herz-Schmerz Geschichte mit dem orientalischen Flair von 1001 Nacht. Sie versteht es die aufgewühlte Gefühlswelt eines Teenagers zwischen erster Liebe, Pickeln, Schulstress und Familiendramen nicht banal wirken zu lassen. Durch die Ich-Perspektive, aus der Sahra ihre Erlebnisse schildert, wirkt die Erzählung sehr greifbar.

Sahra lebt in zwei Welten, in Deutschland ist sie die Türkin, in der Türkei die Deutsche. Selbst fühlt sie sich zu beiden Nationen hingezogen und vermisst jedes Mal das, was sie gerade nicht haben kann. Diese innere Zerrissenheit von Sahra beschreibt die Autorin sehr bewegend, sodass der Leser ihr Leid nachempfinden kann. Dabei lässt Deniz Selek scheinbar auch autobiographische Aspekte einfließen, denn sie selbst wurde in Hannover geboren und verbrachte ihre Kindheit in Istanbul. Sie weiß wovon sie schreibt und das merkt man ihrem Text an.

Als deutscher Leser kann man sich mit Zimtküsse wunderbar in eine andere Welt träumen, da ein Großteil der Geschichte im Orient spielt und exotische Märkte, Liebeszauber und Moscheen dort zu Sahras Alltag gehören. Durch viele türkische Worte, die im angehängten Glossar erklärt werden, wirkt der Text sehr authentisch. Türkische Leser können sich dagegen ganz zuhause fühlen und Sahras Probleme umso besser verstehen.

Schade ist nur, dass nicht allzu viel passiert, weil die Handlung eher vor sich hin plätschert. Es fehlen, für meinen Geschmack, ein bisschen die Höhen und Tiefen. Aber auf Grund der charmanten und exotischen Schilderungen kommt das Leseerlebnis nicht zu kurz.

Fazit

Deniz Seleks Zimtküsse ist eine klassische Geschichte über Liebe und die täglichen Dramen des jugendlichen Alltags, gewürzt mit einer ordentlichen Portion osmanischen Zaubers. Die Geschichte lädt den Leser dazu ein, die türkische Kultur besser kennenzulernen, sodass dieser am liebsten gleich selbst den Flieger nach Istanbul besteigen würde.

Couch-Wertung:

7

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Julia Behrens
Fort mit den Lügen über Helden, die krepiert sind auf dem Felde.

Buch-Rezension von Julia Behrens Feb 2013

Mitten in den Wirren des ersten Weltkriegs sucht Victor Vervoort aus dem belgischen Mecheln seinen Hund Django. Inzwischen essen sie Hunde, weil es nichts anderes mehr gibt. Aber Victor muss Django unbedingt wieder haben, denn Victor hat Epilepsie und der Hund passt auf ihn auf, wenn er einen Anfall hat. Django darf auf keinen Fall geschlachtet werden. Also stiehlt Victor sich heimlich davon um ihn zu suchen. Seine Eltern hätten ihm das nie erlaubt. Trotz des Krieges lebt Victor wohlbehütet auf dem Familienanwesen. Allein in der Stadt, das wäre viel zu gefährlich, wegen der Anfälle.

Ganz anders Victors Bruder Nest, der ist an der Front. Ganz stolz ist sein Vater auf den älteren Sohn, ein richtiger Held. Dass Nest gar nicht kämpfen wollte, davon sagt der Vater nie etwas, aber Victor weiß es besser. Schon auf den ersten Metern vor der schützenden Haustür muss Victor feststellen, was Krieg bedeutet, was Menschen tun, die alles verloren haben, denen die Kinder unter den Händen weg sterben, die hungern und kein Hemd mehr am Leib tragen. So ein reicher Schnösel wie Victor kommt da gerade recht. Aber er trifft auch auf große Menschlichkeit, auf Hilfe in der bittersten Not und auf Herzlichkeit und Wärme. Und während Victor sich die 30 Kilometer nach Boom schlägt, wo Django zu sein scheint, wird aus dem überbehüteten Jungen ein Mann, der für sich einstehen kann, der das Leben gekostet hat, mit all seinen Höhen und Tiefen und der sein Wort hält.

Etwas grotesk mutet der Anfang von Zuletzt die Hunde an, in dem wir zunächst den Fleischer Prosper kennen lernen. Ausgerechnet dem ist Django direkt in die Arme gelaufen. Doch bevor Prosper ihn schlachten kann, gibt es einen Mord aufzuklären - und schon stehen wir mitten in den Verflechtungen eines Dorfes, das verzweifelt versucht, den Krieg zu überstehen. Grotesk, aber nicht unsympathisch sind auch viele der übrigen Charaktere, die de Sterck in ihrer Geschichte vorkommen lässt. Da gibt es die Frau mit dem Bart, die wunderschöne aber grausame Anna und den Sänger Flor, der mit seinen Liedern gegen den Krieg singt. Die Charaktere sind die große Stärke der Geschichte, auch wenn jede heraufbeschworene Figur mindestens einen tiefen Abgrund erkennen lässt.

Ingesamt ist die Stimmung düster, was nicht verwundert, wenn man das Thema bedenkt, doch wirkt das beim Lesen bisweilen erdrückend. Trotzdem kann man das Buch ab einem gewissen Punkt nicht weglegen, weil man wissen will, ob Victor und Django sich wieder finden, auch wenn de Sterck in ihrer oft derben Sprache oft noch derbere Szenerien beschreibt. Ein bisschen mehr Gefühl für den Leser wäre hier schön gewesen.

Auch der Aufbau der Geschichte ist nicht immer ganz nachvollziehbar. Ist der Einstieg noch recht gelungen, wirken spätere Teile der Geschichte manchmal als zu viel. Nach dem ersten Höhepunkt befinden wir uns erst auf der Hälfte der Geschichte. Die totale Verwandlung des Jungen Victor innerhalb einiger weniger Tage erscheint auch nicht immer ganz glaubwürdig.

Dennoch ist Zuletzt die Hunde ein lesenswertes Buch, weil es den ersten Weltkrieg mit seinen Abgründen und Schaurigkeiten aufgreift. Das ist eher ungewöhnlich. Und ihre Botschaft ist klar und heutzutage genauso aktuell wie vor knapp 100 Jahren: Niemand will Krieg, niemand braucht Krieg, nur die, die an der Macht sind, so wie Nest Vervoort schrieb: "Wenn man mir den Feind zeigt, sehe ich eine Mutter, einen Vater, eine Frau, Kinder. Wie kann ich schießen?".

Fazit

Zuletzt die Hunde ist eine Geschichte über den Krieg und das, was der Krieg aus Menschen machen kann. Es ist auch eine Geschichte über einen Jungen, der zu seinem Hund hält und dafür über sich hinaus wachsen muss. Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten.

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