Kälte

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

Shelley ist eigentlich ein normaler Teenager. 15 Jahre, pummelig, ruhig und das perfekte Opfer. Als sich ihre drei besten Freundinnen gegen sie wenden und sie eine Mobbingwelle über sich ergehen lassen muss, trägt nicht nur psychische sondern auch physische Narben davon. Ihre Mutter zieht mit ihr in die ländliche Idylle und fortan ist Honeysuckle Cottage ihr neues Zuhause. Alles scheint gut zu werden, denn sowohl Mutter als auch Tochter entspannen sich zunehmend. Liebevolle Rituale bestimmen den Alltag und die beiden Mäuse, wie sie sich selber bezeichnen, kommen zur Ruhe. Doch dann steht eines Tages ein fremder Mann in ihrem Haus … Was passiert wenn der Faden reißt und die Mäuse zu Katzen werden?

Aufgrund des Covers und Klappentextes erwartet man einen spannenden Psycho-Thriller. Zum größten Teil werden diese Erwartungen erfüllt, ein kleiner Teil bleibt enttäuscht zurück, aber dazu nun im Detail.

Wir bekommen die Geschichte aus Sicht der Protagonistin Shelley erzählt. Dieser Erzählstil kommt der Geschichte in jedem Fall zu Gute, weil Shelley eine sehr stille Person ist und viele Gedankengänge nur in ihrem Kopf thematisiert werden. Auch wird so erst das ganze Ausmaß der Mobbingattacken ihrer "Freundinnen" deutlich. Der Autor arbeitet zu Beginn des Buches mit diversen Rückblenden, die sehr gelungen angebracht wurden und so verdeutlichen, wie Shelley zur "Maus" geworden ist.

Die Charaktere haben mir insgesamt gut gefallen. Die Mutter war ein bisschen blass und man hat sich zwischendurch gefragt, was ihr wohl zugestoßen ist, dass sie so geworden ist, wie sie ist. Da die Charaktere insgesamt sehr überschaubar sind, konzentriert sich die Beschreibung sehr auf Shelley. Am Ende hat der Leser das Gefühl sie wirklich sehr gut zu kennen und ihre Handlungen teilweise schon voraussagen zu können.

Die Spannung baut sich langsam, aber kontinuierlich auf. Es handelt sich hierbei nicht um einen Thriller mit Verfolgungsjagden, Ermittlungsarbeiten oder Polizei, viel mehr werden die Grausamkeiten der menschlichen Psyche aufgedeckt. Vom Thema Mobbing bis hin zur physischen Gewalt wird klar aufgezeigt, zu was ein Mensch fähig sein kann. Dabei stellt der Autor eine glaubhafte Entwicklung der Protagonistin dar.

Mein einziger richtiger Kritikpunkt geht an den Handlungsabschnitt in der Mitte: Der Plan, den Mutter und Tochter gezwungen sind in die Tat umzusetzen (mehr kann ich ohne Spoiler nicht sagen), verläuft zu reibungslos. Deswegen flacht die Spannung in der Mitte auch stark ab, weil es keine Überraschungen gibt. Gegen Ende nimmt sie aber zum Glück wieder zu und auch das Ende hat mich zufrieden zurück gelassen.

Meine Altersempfehlung liegt im Bereich 15/16 Jahre, weil Gewalt hier deutlich dargestellt wird. Wer nichts von Blut, Knochen und verteilter Hirnmasse lesen möchte, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen.

Fazit

Wer einen spannenden (Jugend)Thriller, der in England spielt, lesen und sich darüber hinaus mit dem Thema Mobbing und Gewalt auseinander setzen möchte, liegt bei diesem Buch genau richtig. Die Geschichte besticht nicht zuletzt durch ihre glaubhafte Protagonistin, deren Psyche so einiges verkraften muss.

 

Couch-Wertung:

6

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Rita Dell'Agnese
Kann nicht ganz halten, was es verspricht.

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Feb 2013

Eine Gruppe von Schülern wird während eines Schneesturms von der Welt abgeschnitten und im einsam gelegenen Schulhaus eingeschlossen. Während mehreren Tagen wütet der Sturm so, dass jede Kontakt-Aufnahme mit der Umwelt scheitert. Ein Lehrer, der Hilfe holen will, verschwindet spurlos in der weißen Hölle. Je länger die Situation dauert, desto schwieriger wird das Miteinander. Um sich der Anspannung zu entziehen, flüchten sich die Schüler in Belanglosigkeiten und Tagträume. Nach und nach kristallisieren sich die Stärken jedes Einzelnen heraus – dieser Prozess führt dazu, dass sich die Gruppe nach einiger Zeit zutraut, sich Eis und Kälte zu stellen und den Weg in die Zivilisation zu suchen. Aus dem Abenteuer wird schnell ein tödliches Unterfangen.

Die Ansage ist klar: Nach Klappentext und Cover erwarten die Leser hier einen Psychothriller. Denn welch bessere Grundläge gäbe es, um das langsame Zerbröseln des Nervenkostüms darzustellen und aufzuzeigen, wie jeder der Eingeschlossenen mit der Situation umgeht. Leider scheint Michael Northrop vor der konsequenten Entwicklung des Plots bis hin zum Gewaltausbruch unter den Eingeschlossenen zurück zu schrecken. Er serviert eine äußerst zahme – ja, fast zahnlose - Version, bei der man die Gefahr, in der die Schüler stecken sollen, nicht so richtig wahrnehmen mag. Immerhin haben es die Schüler einigermaßen gut getroffen: Sie sind in einem sicheren Gebäude untergebracht, das ihnen die Möglichkeit bietet, ins obere Stockwerk zu wechseln und so dem drückenden Gefühl, von den Schneemassen vollständig eingeschlossen zu sein, zu entkommen. Auch Nahrung ist vorhanden, so dass die Schüler nicht ernsthaft Not leiden müssen – selbst als Strom und Wasser ausfallen.

Es mag sein, dass der Autor seinen Plot entschärft hat, um ihn "jugendfähig" zu machen. Immerhin richtet sich der Verlag mit seinen Altersvorstellungen an 13 bis 16-jährige Leser. Die zurückhaltende Art des Autors ließe jedoch ohne weiteres eine deutliche Senkung der angesprochenen Alterskategorie zu. Vor allem die 16-Jährigen dürften sich mit diesem Roman schwer tun, da er nicht zur Sache kommt, vieles nur andeutet und anderes völlig ausklammert. Den Anspruch junger Erwachsener an Spannung Dramatik vermag "Kälte" nicht zu erfüllen.

Michael Northrop hat mit seinem Roman ein Mutmacher-Buch lanciert. Die betroffenen Jugendlichen müssen über sich hinaus wachsen, um die Situation bewältigen zu können. Die Gruppe ist mehr oder weniger durch einen Zufall entstanden und kann nicht auf bereits eingespielte Strukturen zurück greifen. Hier setzt Northrop den Hebel an und beschreibt, wie sich das Gefüge innerhalb der Schülergruppe langsam wandelt. Er tut dies durch die Augen des jugendlichen Helden Scotty Weems, der nur aus Gefälligkeit einem Freund gegenüber in der Schule geblieben ist, als noch Gelegenheit war, nach Hause zu fahren. Scotty hadert zwar mit der Situation, geht aber nicht soweit, ernsthaft andere dafür verantwortlich zu machen. Das dürfte angesichts der psychischen Belastung, unter der die Jugendlichen mit der Zeit stehen, eher zu einem überzeichneten Romanhelden passen.

Der Autor pflegt einen leichten Schreibstil und kann vor allem zu Beginn des Buches mit einer dichten Atmosphäre aufwarten. Allerdings verliert der Roman je länger je mehr an Tempo. Spätestens nach der wiederholten Beschreibung von Schnee und Kälte wirkt das Bild überstrapaziert und vermag nicht mehr richtig zu fesseln. Hier wäre weniger mehr gewesen. Bedauerlich ist das, wenn man davon ausgeht, dass mit einer etwas weniger exzessiven Schilderung wesentlich mehr Atmosphäre hätte entstehen können.

FAZIT

Kälte ist ein interessanter Roman, der vor allem jüngere Jugendliche in Bann ziehen könnte. Die Geschichte hat großes Potenzial, das bedauerlicherweise nicht ganz ausgeschöpft wird. Cover und Klappentext versprechen mehr an Spannung, als letztlich geboten wird.

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