Im Spinnenetz

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Beltz & Gelberg, 2011, Originalausgabe

Couch-Wertung:

8

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Rita Dell'Agnese
Mehr Politik als Liebe

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Dez 2012

Für Deutsche Geschichte sollte man sich unbedingt interessieren, will man die Geschichte von David und Anna in ihrem vollen Ausmaß genießen können. Klaus Kordon macht es den Lesern nicht allzu leicht, er verlangt einiges an Durchhaltevermögen und Bereitschaft, auch etwas trockenere Materie durchzuarbeiten. Doch zunächst zur Handlung: Für den Gymnasiasten David ist der Besuch im Gefängnis ein traumatisches Erlebnis. Sein Großvater verbüßt dort eine Strafe, weil er sich politisch engagierte. Er ist nicht der Einzige der Familie, der für mehr Mitbestimmung und Freiheit kämpft. In der Zeit von 1890 ein gefährliches Unterfangen. Auch David selber spürt den Wunsch nach mehr Demokratie. Er träumt von einer gerechteren Welt. Erst recht, als er in der Praxis seines äußerst sozial denkenden Onkels August die junge Anna kennen lernt, die trotz bitterer Armut aus Sorge um ihren kleinen Bruder zum Arzt gekommen ist. Durch Anna lernt David eine ihm bis anhin unbekannte Welt kennen. Und er muss erkennen, dass er – bisher aufgrund seiner familiären Herkunft selber ein Außenseiter der Gesellschaft – keine Ahnung hatte, unter welchen Umständen Menschen in Berlin leben.

Klaus Kordon lädt seine Leser in eine von starken Bildern geprägte Welt ein. Mit leisen, aber eindringlichen Tönen schildert er die gesellschaftliche Situation und die politische Entwicklung jener Zeit. Dazu bedient er sich eines Geflechts von geschickt gewählten Persönlichkeiten. Jede Szene lebt von einer bis ins Detail gestalteten Atmosphäre, die einen tiefen Einblick in die Verhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert zulässt. Diese solide Aufbauarbeit geht allerdings zulasten des Erzähltempos. Gerade für einen Jugendroman entwickelt sich die Geschichte eine Spur zu langsam. Nur wer sich ernsthaft für die Demokratie-Bestrebungen interessiert, wird hier aus dem Vollen schöpfen können. Die vorsichtigen und umsichtigen Skizzierungen einer politisch höchst brisanten Zeit verlangen vom Leser eine echte Auseinandersetzung mit der Thematik. Wer dazu nicht bereit ist, wird sich am Spinnennetz die Zähne ausbeißen. Denn Kordon legt spürbar mehr Gewicht auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung als auf die Liebesgeschichte von David und Anna.

Mit David hat Klaus Kordon einen gut formbaren Charakter gewählt. Der heranwachsende Gymnasiast gibt dem Autor die Möglichkeit, seinen Protagonisten zunächst mit einer gewissen Naivität an die Sache herangehen zu lassen, um ihn mehr und mehr zu einem politisch mündigen Menschen heranwachsen zu sehen. Diese Entwicklung macht auch der Leser in gewisser Weise mit. Er kann sich – ähnlich wie David – nach und nach einen Überblick über die Situation verschaffen und wird die Zusammenhänge immer deutlicher erkennen können. Die zweite starke Figur, Anna, steuert durch ihre Lebensumstände im Armenviertel und mit ihrer unverblümten Berliner Schnauze wiederum eine ganz andere Sichtweise bei und rundet damit das Bild optimal ab. Wer noch mehr wissen will, wird mit dem umfangreichen Nachwort und einem recht üppig ausgefallenen Glossar gut bedient.

Obwohl Teil 3 einer Trilogie steht Im Spinnennetz auch als eigenständiger Roman gut da. Wer die ersten beiden Teile nicht kennt, findet sich schnell zurecht und hat – anders als bei vielen anderen Romanen – nicht ständig den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Die Geschichte von David und Anna spricht ausschließlich für sich und ist keine klar zuzuordnende Fortsetzung, die darauf baut, dass die Leser die vorangehenden Teile gelesen haben. Dennoch zeigt sich der Verlag vorbildlich und macht auf der hinteren Klappe darauf aufmerksam, dass man hier den dritten Band einer Trilogie in Händen hält. Das ist eine löbliche Ausnahme auf dem Gebiet der Trilogien.

FAZIT

Klaus Kordon schließt seine Jacobi-Trilogie mit einem fundierten und wunderbar konzipierten Roman ab. Allerdings verlangt dieser von den Lesern politisches Interesse und persönliche Reife. Sonst könnten die detaillierten Ausführungen über das Politsystem schnell mal zu einem Stimmungskiller werden.

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