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Rita Dell'Agnese
Gänsehaut und ein bitterer Geschmack im Mund

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Dez 2012

Hat nationalsozialistisches Gedankengut heute noch eine Chance, sich in den Köpfen einer aufgeklärten Gesellschaft festzusetzen? Viele würden nun mit Überzeugung den Kopf schütteln. Autor Daniel Höra vertritt eine andere Meinung. Mit Braune Erde zeichnet er den Weg einer Dorfgemeinschaft nach, die sich manipulieren und in just diese Gedankenwelt lotsen lässt. Höras Roman ist dabei so vielschichtig wie enttarnend und aufklärend.

Um die Mechanismen aufzuzeigen, mit denen die Gesellschaft in die gewünschte Richtung gelenkt wird, skizziert Höra das Bild eines kleinen Dorfes in Mecklenburg. Die Perspektiven sind schlecht, die jüngeren Dorfbewohner ziehen weg. Wer zurück bleibt, fühlt sich vom Leben verraten. Die einst aktive Gemeinschaft verliert sich, Hilfsbereitschaft und Pflege von Freundschaften haben einer dumpfen Resignation Platz gemacht. Teenager Ben ist einer der Dorfbewohner. Er lebt nach dem Tod seiner Eltern bei einer Tante, die ihn lediglich aus Pflichtgefühl aufgenommen hat, den Zugang zu dem ihr fremden Wesen des Jungen aber nicht finden kann. Ben fühlt sich als Außenseiter, lediglich geduldet und unverstanden.

Da ziehen neue Bewohner ins leer stehende Gutshaus. Die beiden Familien richten nicht nur das verfallene Haus wieder her, sie hauchen dem versiegten Dorfgeist neues Leben ein. Ben fühlt sich zu den beiden Familien hingezogen. Besonders der Anführer des Clans, Reinhold, macht auf Ben Eindruck. Der Junge verbringt mehr und mehr Zeit mit den neuen Bewohnern, streift mit den etwas älteren Zwillingen Konrad und Gunter durch die Gegend oder genießt die Nähe der jungen Freya. Je mehr Ben aber von der politischen Einstellung der Familie erfährt, desto unbehaglicher wird ihm dabei. Nur: Er ist schon so tief mit den Leuten verbunden, dass er sich nicht mehr traut, sich abzugrenzen. Erst recht nicht, da auch die anderen Dorfbewohner voll des Lobes über die "Neuen" sind.

Daniel Höra setzt bei der geschickten Psychologie ein, die die neuen Gutshausbewohner anwenden. Die Art, wie sie das Dorfleben prägen, wirkt zunächst zukunftsgerichtet. Sie reden von Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte und von Heimatgefühl. Damit treffen sie den wunden Punkt vieler: Die, die sich verraten geglaubt hatten, sehen plötzlich wieder eine Perspektive, fühlen sich verstanden und in eine Gemeinschaft aufgenommen. Höra ist ein hervorragender Beobachter. Er schildert, wie die Hilfsbereitschaft der neuen Bewohner Türen öffnet und sehr schnell Nähe schafft, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem fremden Gedankengut nicht mehr zulässt. Ebenso geschickt stellt er die langsame Stigmatisierung des kritisch denken Mannes im Dorf dar. Ohne dessen Mahnung zu beachten, fügt sich Ben in den Mob ein, der sich den Kritiker zur Brust nimmt. Denn den Neuen ist es gelungen, mit Anschuldigungen Stimmung gegen den "Feind" zu machen.

Die Vorgänge in dem Mecklenburgischen Dorf erinnern nicht von ungefähr an die Machtübernahme Hitlers. Die Parallelen sind gewollt. Höra bricht die damaligen Ereignisse herunter auf die gesellschaftliche Entwicklung in einem kleinen Dorf – und verbindet sie gleichzeitig mit den aktuellen Tendenzen in Richtung Nationalsozialismus. Wer Braune Erde mit der nötigen Offenheit liest, wird um Gänsehaut und einen schalen Geschmack im Mund nicht herum kommen. Denn der Autor lässt keinen anderen Schluss zu, als den, dass sich diese Situation jederzeit an jedem Ort so oder ähnlich abspielen könnte. Dazu trägt nicht nur der ausgereifte Plot sondern auch die ausgezeichnete Figurenzeichnung bei. Daniel Höra versteht es, den einzelnen Charakteren so viel Tiefe zu verleihen, dass man sich des leisen Unbehagens nicht erwehren kann, sobald man mit den "Neuen" im Dorf konfrontiert ist. Denn die Ausstrahlung der Figuren ist ausgesprochen intensiv und vermittelt den Eindruck, den entsprechenden Personen direkt gegenüber zu stehen.

FAZIT

Daniel Höra hat mit Braune Erde einen bemerkenswerten Roman geschrieben, der nicht nur Jugendlichen sondern auch Erwachsenen in jeder Hinsicht empfohlen werden kann.

 

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