03.2012 Die in Berlin lebende Autorin Anne C. Voorhoeve hat mit "Unterland" einen weiteren Roman geschrieben, der sich mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Das beeindruckende Buch über das Schicksal der 12-jährigen Alice, die mit ihrer Familie von Helgoland vertrieben wurde, zeigt auf authentisch-berührende Weise, wie stark der Alltag der damaligen Kinder und Jugendlichen in der Nachkriegszeit vom Überlebenskampf geprägt war. Gleichzeitig erzählt "Unterland" auch die Geschichte einer kleinen, roten Insel, die sich – ganz wie ihre Bewohner – nie hat unterkriegen lassen. Eine spannende, fast unglaubliche Geschichte, die den Leser, gerade weil sie wahr ist, umso mehr staunen lässt.

Anne Charlotte Voorhoeve wurde 1963 geboren und studierte Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alte Geschichte in Mainz und Maryland (USA). Anschließend arbeitete sie ein Jahr als Assistentin an der University of Maryland. Später, nach einem Volontariat in der Redaktion einer medizinischen Fachzeitschrift, war sie als Verlagslektorin und Redakteurin in der Öffentlichkeitsarbeit eines evangelischen Klosters tätig. 2000 wollte sich Anne Voorhoeve ganz dem Schreiben widmen und machte sich als Lektorin selbstständig. Sie begann ihre Karriere mit dem Drehbuch zu der MDR/Arte-TV-Koproduktion "Lilly unter den Linden", das von der Leipziger Polyphon 2002 verfilmt wurde. In dem gleichnamigen Roman, der zwei Jahre später erschien, erinnert sich eine junge Frau an ihre Erlebnisse als westdeutsche Jugendliche in der DDR. Der Roman kam 2005 sogleich auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Danach folgten 2007 "Liverpool Street" über die Flucht der Juden nach England und, im Jahr danach, "Einundzwanzigster Juli", der aus Sicht einer 14-jährigen Angehörigen die Geschehnisse um das  Hitler-Attentat am 20. Juli erzählt.

Mit "Unterland" hat sie nun den vierten Roman geschrieben, der sich mit zeitgeschichtlichen Themen auseinandersetzt, die Deutschland im 20. Jahrhundert maßgeblich verändert und geprägt haben. Anders als bei "Lilly unter den Linden", hat die 1963 geborene Autorin das Deutschland des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit nicht miterlebt.

Jugendbuch-Couch:
Liebe Frau Voorhoeve, wie sehr müssen Sie sich in die Welt ihrer Protagonistinnen hineinversetzen, dass es Ihnen gelingt, ihre Lebensgeschichten mit dem damaligen Alltag so überzeugend und authentisch erzählen?

Anne C. Voorhoeve:
Ich brauche zunächst einmal Bilder dazu – Fotos, Dokumentarfilme, auch Tondokumente –, um die Handlung beim Schreiben wie einen Film vor mir sehen zu können. Einige wichtige Rollen besetze ich mit Schauspielern, eine Methode, der sich viele Autoren bedienen, um das Geschehen in ihrem Kopf lebendig zu machen. Mit der Zeit steckt man dann immer tiefer in der Geschichte, lebt darin, träumt davon, und diese andere Zeit erscheint überhaupt nicht mehr fremd.

Jugendbuch-Couch:
In "Unterland" ist es die zwölfjährige Alice, in "Lilly unter den Linden" die dreizehnjährige Lilly, die aus ihrer Perspektive einen einschneidenden Teil unserer Geschichte erzählen. Sind Ihre jugendlichen Protagonistinnen stets fiktiv – oder finden Sie bei Ihren Recherchen die "echte" Person zu der Geschichte, also diejenige, die Ihr Bild beeinflusst und Sie zu diesem Charakter inspiriert?

Anne C. Voorhoeve:
Bisher war das nicht der Fall. Allenfalls von Ziska aus "Liverpool Street" kann man sagen, dass sich hinter ihrer Geschichte ursprünglich mehrere echte Personen verbargen, aus denen ich eine einzige Figur gemacht habe – aber im Laufe der Handlung wurde dann so viel hinzuerfunden, dass es sich schließlich doch wieder um eine fiktive Figur handelte.

Jugendbuch-Couch:
Sie verbinden die Vermittlung der deutschen Geschichte mit der Erzählung einer fesselnden Lebensgeschichte. Welchen Vorteil hat das beim Schreiben? Hat man als Autor dadurch mehr Freiheiten oder macht es manchmal auch Probleme?

Anne C. Voorhoeve:
Die fiktive Lebensgeschichte soll die historische Geschichte spiegeln, sodass man mitunter eine ganze Weile danach suchen muss. Ansonsten birgt die Fiktion nur Vorteile, weil man seiner Fantasie recht freien Lauf lassen und eine spannende Dramaturgie aufbauen kann. Spielen reale historische Figuren mit, wie die Stauffenbergs in "Einundzwanzigster Juli", hat die Erzählperspektive einer fiktiven Figur den zusätzlichen Vorteil, den Schutz der Persönlichkeit der echten Figuren zu wahren.

Jugendbuch-Couch:
Wie kam Ihnen die Idee zu "Unterland" bzw. über Helgolands Geschichte zu schreiben?
Was finden Sie an der Geschichte Helgolands besonders reizvoll – gerade im Hinblick auf die jüngeren Leser/innen?

Anne C. Voorhoeve:
Vor Jahren stieß ich im Fernsehprogramm auf den NDR-Dokumentarfilm "Bomben auf Helgoland", worunter ich mir überhaupt nichts vorstellen konnte. Obwohl ich wahrlich schon viel über den Zweiten Weltkrieg gelesen hatte, war mir dieses Kapitel der Geschichte unbekannt und schon allein deshalb bin ich gleich darauf angesprungen. Die ganze Brutalität und bittere Konsequenz des Krieges trifft selbst diese winzige Insel in der Nordsee – vielleicht können jüngere Leser/innen damit etwas anfangen. Überdies kann man das Thema Vertreibung hier noch einmal anders als gewohnt erzählen, nämlich mit einem glücklichen Ausgang.

Jugendbuch-Couch:
In "Unterland" tritt James Krüss aus gutem Grund selbst in der Handlung auf, was hat James Krüss im Kampf um die Wiederbesiedlung Helgolands geleistet? Wie wichtig waren für Sie die Gespräche mit seiner Schwester?

Anne C. Voorhoeve:
James Krüss hat als junger Mann eine Zeitung für die überall auf dem Festland verstreuten Helgoländer initiiert und verfasst. Das war unwahrscheinlich wichtig für sie: zu wissen, dass sie immer noch Helgoländer waren, dass sie zusammengehörten, dass sie ein gemeinsames Ziel hatten und es nicht aus den Augen verlieren durften. Die Gespräche mit Erni Rickmers, der Schwester von James Krüss, waren eine wahre Fundgrube für den Roman. Vieles steht in Sachbüchern zum Thema, aber nicht alles – die Geschichte von dem einzigen Überlebenden der Verschwörung zum Beispiel, den Alice und Henry für den "Verräter" halten, ist nicht allgemein bekannt. Ich war auch außerordentlich dankbar, dass da jemand war, der Fragen beantworten und Fehler korrigieren konnte.

Jugendbuch-Couch:
Das Helgoländer Friesisch, das die Einheimischen "Halunder" nennen ist immer noch ein aktiv gesprochener Dialekt auf Helgoland. Sind die in "Unterland" verwendeten Anreden der Familienmitglieder ("Ooti" für Oma, "Mem" für Mama und "Foor" für Vater) typische und immer noch gebräuchliche Ausdrücke? Haben Sie auch ein wenig Halunder gelernt?

Anne C. Voorhoeve:
Diese Anreden sind immer noch in Gebrauch. Mir selbst gefällt ja am besten der "Grofoor" für den Großvater. Wenn man als Nicht-Friese Halunder hört, versteht man praktisch kein Wort; es kann den Helgoländern direkt als Geheimsprache dienen. Einige wenige Ausdrücke habe ich aufgeschnappt, die ich wiedererkennen würde, aber das ist auch schon alles.

Jugendbuch-Couch:
In "Unterland" springt Alice häufig in der Zeit, von der sie erzählt. Doch der Leser/die Leserin hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Wie gelingt es Ihnen bei Ihrer Arbeit den Überblick zu behalten?  Arbeiten Sie mit einem "Storyboard" oder etwas Ähnlichem? Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Roman beginnen?

Anne C. Voorhoeve:
Kolleg(inn)en, die sich konzentriert hinsetzen und ein Storyboard erarbeiten können, das bis zum Schluss trägt, haben meine volle Bewunderung. Mir selbst kommen die besten Ideen erst beim Schreiben der Szenen, sodass ich zwar mit einem kurzen Exposé starte, mich aber in der Regel recht schnell davon verabschiede. Ich muss dabei in Kauf nehmen, dass ich mir zwischendurch ziemlich viel den Kopf zerbreche, stecken bleibe oder Schritte zurückgehen muss, bis alles "stimmt". Eine gute Zweitfassung ist wichtig bei dieser Vorgehensweise, da wird dann noch einmal ordentlich gestrafft.

Jugendbuch-Couch:
Wäre vielleicht auch ein anderes geschichtliches Ereignis – etwa im 19. Jahrhundert -  für Sie ein reizvolles Setting, um eine Geschichte zu erzählen, oder können Sie sich auch vorstellen einen Roman zu schreiben, in dem die Geschichte keine oder kaum eine Rolle spielt ?

Anne C. Voorhoeve:
Im Drehbuchbereich habe ich so etwas schon gemacht, auch in einer Kurzgeschichte für die Anthologie "Zu Hause ist, wo ich glücklich bin". Aber einen Roman ganz ohne historische oder politische Bezüge zu schreiben, kann ich mir momentan nicht vorstellen, weil das einfach Dinge sind, die mich persönlich beschäftigen. Die meisten Autoren schreiben ja Bücher, die sie selbst gern lesen würden.

Jugendbuch-Couch:
Wie kam es, dass Sie sich vor allem der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts angenommen haben? Was bedeutet Ihnen diese Arbeit für die Jugendliteratur ?

Anne C. Voorhoeve:
Dass es bislang um die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geht, hängt hauptsächlich damit zusammen, dass man noch auf Zeitzeugen dieser Epoche trifft. Diese Menschen waren damals jung – im Alter meiner Erzählfiguren, im Alter vielleicht auch derer, die die Bücher lesen. Möglicherweise kann das etwas Verbindendes sein zwischen Damals und Heute.

Jugendbuch-Couch:
Wie wichtig ist Ihnen die korrekte geschichtliche Wiedergabe der Ereignisse?

Anne C. Voorhoeve:
Natürlich ist man bestrebt, möglichst keine Fehler zu machen. Ich versuche mich vor Drucklegung noch einmal abzusichern, indem ich das Manuskript an Zeitzeugen und/oder Experten für diese Epoche schicke, trotzdem passiert es leider manchmal doch. Einige Fehler sind von Lesern entdeckt worden, die mir geschrieben haben. Wofür ich sehr dankbar bin, denn man kann die entsprechenden Stellen in der Taschenbuchausgabe korrigieren.

Jugendbuch-Couch:
Wie sehr haben Sie Begegnungen mit Zeitzeugen geprägt – mögen Sie uns davon erzählen?

Anne C. Voorhoeve:
Das ist ziemlich beeindruckend. Auf ein Schloss eingeladen zu werden oder mit der Schwester einer Schriftstellerlegende am Kaffeetisch zu sitzen, ist mir nicht gesungen worden und vor meiner ersten Begegnung mit Graf Stauffenberg war ich ganz schön nervös. Es war auch noch nicht ganz klar, ob er mit dem Buchprojekt einverstanden sein würde – und damit, selbst zu einer Romanfigur zu werden! Aber dann war er doch so unkompliziert und offen, dass ich für alle künftigen Begegnungen mit Zeitzeugen Mut gefasst habe. Natürlich muss man vorsichtig vorgehen. Viele haben, wenn überhaupt, selbst ihren nächsten Angehörigen erst Jahrzehnte nach dem Krieg von ihren Erlebnissen erzählt und sie tun es nur deshalb, weil sie wissen, dass die, die dabei waren, immer weniger werden. Befragt man verschiedene Zeitzeugen zum selben Thema, stößt man mitunter auch auf Widersprüche, weil Erinnerungen trügen können oder sich die Erlebnisse der Betreffenden über die Jahre mit Dingen vermischen, die sie selbst "nur" gelesen haben. Dennoch sind die Begegnungen unschätzbar, unvergesslich, wohl das größte Privileg dieses Berufs.

Jugendbuch-Couch:
Was können wir vielleicht heute aus der Geschichte lernen?

Anne C. Voorhoeve:
Unser Land, wie wir es heute kennen, ist ohne unsere jüngere Geschichte einerseits nicht zu verstehen. Andererseits bin ich mittlerweile sehr skeptisch, was das Lernen aus der Geschichte betrifft. Trotz der abschreckenden Beispiele aus dem zurückliegenden Jahrhundert, die buchstäblich in Bild und Ton für jeden abrufbar sind, erleben wir wieder Rassismus, Völkermord, staatliche angeordnete Folter, Pogrome. Wir leben mit der Existenz von Lagern, in denen den Gefangenen eines demokratischen Landes jegliches Recht auf Teilhabe an den Errungenschaften verwehrt wird, die angeblich Fundament unserer politischen Kultur sind. Wir nehmen Menschen in anderen Teilen der Welt ihre Existenzgrundlage und jagen sie, wenn sie als Flüchtlinge kommen, skrupellos zurück ins Nichts, wir nennen uns dabei auch noch "christlich"! An das "Nie wieder", das wir Deutschen uns wie ein Mantra zurufen, mag ich da kaum noch glauben. Gudrun Pausewang hat in einer Veranstaltung einmal sinngemäß gesagt, dass jeder Mensch zu jeder Zeit zu allem fähig ist, und damit hat sie, fürchte ich, recht. Wir Menschen scheinen prädestiniert zu sein, die gleichen Fehler immer wieder zu begehen. Aber darf man sich damit abfinden und schweigen? Ganz bestimmt nicht! Dass wir zu allem fähig sind, heißt nicht, dass wir keine Wahl haben.

Jugendbuch-Couch:
Würden Sie uns verraten, ob Sie schon wieder an einer neuen Buchidee/neuem Drehbuch arbeiten? Und wenn ja, wovon wird es handeln?

Anne C. Voorhoeve:
Im nächsten Buch wird es eine Wiederbegegnung mit Ziska, der Erzählerin aus "Liverpool Street" geben, aber mehr kann ich noch nicht verraten. Man soll ja möglichst nicht gackern, bevor das Ei gelegt ist.

Jugendbuch-Couch:
Vielen Dank für das Interview!

  

Stefanie Eckmann-Schmechta, März 2012.