Elisabeth Etz

10.2019 Julian Hübecker im Gespräch mit Elisabeth Etz, über ihr neues Buch "Morgen ist woanders".

Jakobs Geschichte ist keine universelle Geschichte, es ist die Geschichte einer weißen, gebildeten, heterosexuellen, männlichen Figur, der viele Türen einfach nur auf Grund dieser Eigenschaften offenstehen.

Jugendbuch-Couch: Nach Ihrem erfolgreichen Roman „Nach vorn“, das von der Krebserkrankung eines jugendlichen Mädchens handelt, folgt nun Ihr neustes Jugendbuch, das jedoch in eine völlig andere Richtung geht. Was sind es Ihrer Meinung für Themen, die Jugendliche heutzutage bewegen, und wie bauen Sie Ihre Bücher darauf auf?

Elisabeth Etz: Generell ist ein großes Thema meiner Bücher das der Identitätsfindung – das ist glaube ich ein universelles Thema für Jugendliche allgemein und war es immer schon. Identitätsfindung an sich ist aber natürlich noch keine Geschichte, und da wird es jetzt etwas schwierig für mich, diese Frage zu beantworten. Ich kann nämlich gar nicht sagen, wo meine Ideen herkommen und warum ich gerade über die Themen schreibe, über die ich schreibe. Ich habe jedenfalls nicht die Jugendlichen von heute vor Augen, für die ich dann schreibe. Es ist eher so, dass Geschichten in mir entstehen und ich mich dann freue, wenn Jugendliche heutzutage die auch tatsächlich gerne lesen.

Jugendbuch-Couch: Auffallend ist die ungewöhnliche Idee Ihres Buches: IYH – It’s your home, wo Privatpersonen ihr Heim für Durchreisende anbieten, was Jakob aber ausnutzt, um seinem Stiefvater aus dem Weg zu gehen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Elisabeth Etz: IYH ist eine fiktive Website die auf der Idee von real existierenden Websites wie Couchsurfing, Hospitality Club, etc. beruht. Vor zehn Jahren habe ich Couchsurfing auf Reisen ziemlich viel genutzt um einerseits Geld zu sparen und andererseits Leute im jeweiligen Land kennenzulernen. Ich habe auch immer wieder über Couchsurfing Leute bei mir übernachten lassen. Mich hat fasziniert, wie intensiv man sich dadurch auf Menschen einlässt, die man danach meistens nie wieder sieht. Ich hatte Lust, auszuprobieren, einmal in meiner eigenen Stadt couchzusurfen und so vielleicht Lebenswelten kennenzulernen, die neben mir existieren, von denen ich aber vielleicht gar keine Ahnung habe. Habe ich natürlich nie gemacht, aber so ist die Idee zum Buch entstanden.

Jugendbuch-Couch: Nun hat Jakob in seinem Abenteuer viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Wussten Sie von Anfang an, wie Jakobs Reise verlaufen würde, oder wurde Ihnen das erst im Laufe des Schreibprozesses klar?

Elisabeth Etz: Das wurde mir erst im Lauf des Schreibens klar. Die Idee zum Buch entstand bereits vor zehn Jahren (als ich selbst also noch viel über Couchsurfing unterwegs war). Damals hatte ich das Grundgerüst schon im Kopf, das hat sich über die Jahre hinweg aber ziemlich verändert. Viele Figuren und Szenen sind erst viel später dazugekommen und einige, die ich zu Beginn drin hatte, habe ich wieder gestrichen.

Jugendbuch-Couch: Neben der Haupthandlung rund um Jakobs Roadtrip führen Sie noch Hamid ein, einen Flüchtlingsjungen, der in Österreich Asyl sucht. Warum war es Ihnen wichtig, diesen Side-Plot mit aufzunehmen?

Elisabeth Etz: Mir war es wichtig, Jakob im Laufe der Geschichte erkennen zu lassen, wie privilegiert er ist, obwohl er sich in einer schwierigen Situation befindet. Wir – ich selbst eingeschlossen – leben unser Leben ja so, als ob wir die Norm wären. Wir gehen davon aus, dass das, was uns passiert, anderen genauso passieren könnte. Und da war mir wichtig, zu zeigen, dass das so nicht stimmt. Dass Jakob z.B. einfach beim Ikea schlafen kann, an Bahnhöfen abhängen kann, weil er weiße Haut hat und einen österreichischen Pass. Dass Hamid aber von dort vertrieben wird, auch wenn er einfach nur genau dasselbe tut wie Jakob.

Mir war es auch wichtig, Leute wie Andi zu zeigen, die unheimlich freundlich und hilfsbereit sind, wenn jemand aus Europa kommt. Aber sobald jemand aus einem Kriegsgebiet von außerhalb kommt, unterstellen sie ihm gleich etwas Bösartiges. Das ist auch eine Erfahrung, die ich bei Couchsurfing gemacht habe: Ich wurde immer positiv aufgenommen, viele haben mir einfach so ihre Wohnungsschlüssel gegeben. Und manchmal waren das die gleichen Leute, die sich dann plötzlich rassistisch geäußert haben. Da habe ich gemerkt, wie privilegiert ich bin in meinem Reisen, was für Türen mir offenstehen, nur weil ich einen EU-Pass und weiße Haut habe. Das ist etwas, was uns viel zu wenig bewusst ist. Jakobs Geschichte ist keine universelle Geschichte, es ist die Geschichte einer weißen, gebildeten, heterosexuellen, männlichen Figur, der viele Türen einfach nur auf Grund dieser Eigenschaften offenstehen. Deshalb war mir die Geschichte von Hamid so wichtig.

Jugendbuch-Couch: Sie halten das Ende recht vage und lassen den Leser im Dunkeln, wie es für Jakob in diesem Abenteuer weitergeht. Schlussendlich schreiben Sie: „Dann greife ich zum Telefon und wähle.“ Wollen Sie uns nicht doch verraten, wem sein erster Telefonanruf gilt?

Elisabeth Etz: Wen er als erstes anruft? Ich nehme mal an, Nadine? Oder vielleicht Nils, um zu wissen, was mit Hamid los ist? Oder seine Mutter, weil sie ja die Einzige ist, die sich in ihrer Nachricht auf den darauffolgenden Tag bezieht und daher vermutlich bald eine Antwort möchte?

Sie sehen, ich schreibe Fragezeichen – so klar ist es einfach nicht. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass er sich im Laufe der nächsten Woche bei allen meldet (außer bei seinem Handyanbieter vermutlich). Generell war es mir wichtig, ein positives Ende zu schreiben, auch wenn es ein offenes ist. Also positiv in dem Sinne, dass Jakob von unheimlich vielen Seiten Unterstützung bekommt und eine Chance, sein Leben wieder ein bisschen zu 'normalisieren', wenn er diese Unterstützung annimmt (und ich gehe davon aus, dass er das tut).

Jugendbuch-Couch: Beim Tyrolia-Verlag sind nun bereits zwei Ihrer Jugendbücher erschienen, die auch in Deutschland sehr gut angekommen sind. Manifestiert sich bereits eine neue Idee für ein weiteres Buch oder brauchen Sie nach Beenden eines jeden Buches erstmal eine mentale Pause?

Elisabeth Etz: Eine mentale Pause brauche ich nicht, wohl aber eine zeittechnische. Ich bin im Moment noch in Karenz mit meinem derzeit 15 Monate alten Sohn und das Schreiben muss gerade um ihn herum passieren. Die letzten Monate der Arbeit an 'Morgen ist woanders' waren sehr intensiv und deshalb freue ich mich jetzt einmal darüber, auch wieder ein bisschen Zeit für anderes zu haben.

Ideen für zwei weitere Bücher habe ich jedoch schon und es ist nur eine Frage der Zeit (und der Kinderbetreuung), wann ich mich wieder hinsetze und losschreibe.

Das Interview führte Juian Hübecker im Oktober 2019.
Foto © Tyrolia Verlag

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