Heartstopper Season 2

Serien-Kritik von Theresa Mürmann

Endlich hat das Warten ein Ende: Die Netflix-Erfolgsserie „Heartstopper“ geht in eine neue Runde. Schon Wochen und Monate vor dem Release am 3. August war die Vorfreude riesig, erste Szenen wurden geteilt und die beliebten Schauspieler*innen, deren Cast übrigens derselbe ist, fieberten dem Herauskommen der zweiten Staffel ebenso entgegen. Weiter geht’s mit acht Folgen an der Truham und Higgs. Oder, wie Nick und Charlie sagen würden: „Hi.“

Die Story der zweiten Staffel basiert hauptsächlich auf dem dritten Band der Graphic-Novel-Reihe, die ursprünglich als Webcomic startete. Wir erinnern uns an Nicks (Kit Connor) und Charlies (Joe Locke) erstes richtiges Date am Strand, bei dem Nick sein Outing-Vorhaben verkündete. Endlich sollen alle in der Schule und im Freundeskreis wissen, dass er bisexuell ist. Bereits in dieser letzten Folge der ersten Staffel erzählt er seiner Mutter, die übrigens erneut von der bezaubernden Olivia Colman (u.a. bekannt aus „The Crown“) gespielt wird, dass Charlie sein fester Freund ist. An diese positive Erfahrung knüpft die neue Staffel an, als Nick Charlie davon am nächsten Tag in der Schule erzählt. Die beiden sind sich sicher: So schlimm wie bei Charlies Outing kann es gar nicht werden… oder?

„… I’m bi actually“

Nicks großes Ziel ist es, sich vor der gemeinsamen Paris-Reise der Truham und Higgs geoutet zu haben. Ein Kuss auf dem Eiffelturm - das wäre ein Traum. In anderen Filmen oder Serien würde das einfach nur kitschig klingen, doch in „Heartstopper“ sind Aussagen wie diese absolut passend und wirken authentisch. Diese jungen Menschen wollen etwas erleben, die Welt kennenlernen und einfach nur frei sein. Frei sein, in dem was sie tun und in dem, wen sie lieben.

Und wenn man zwischendurch mal denkt, nun flattern ein bisschen viele Schmetterlinge durch den Raum, offenbart Tao (William Gao) seine Liebe zu schrägen Indie-Filmen, wird ein bisschen Selbstironie draufgestreut („Why are we like this?“) oder steht Charlies Schwester Tori (Jenny Walser) wieder schlürfend in der Ecke. Tatsächlich ist „Heartstopper“ aber wirklich ein kleines Phänomen: An sich ist die Storyline recht basic, doch die Charaktere, ihre Authentizität und das absolute Plädoyer für eine starke queere Community begeistern weit über die eigentliche Zielgruppe hinaus. Kein Wunder, dass auch das Merchandising boomt: Die Online-Shops bieten eine ganze Bandbreite an Shirts, Sweater, Tassen etc. mit beliebten Zitaten, Cartoon-Elementen oder auch Fotos der Schauspieler*innen. Bei dieser Euphorie ist schon fast klar, dass bereits die dritte Netflix-Staffel bestellt wurde.

„Everthing’s gonna be perfect“

Zurück zur Handlung: Ein Happy End ist das, was sich vor allem Charlie wünscht. Er möchte Nick vor allen fiesen Reaktionen der anderen beschützen, damit er nicht das gleiche Mobbing durchmachen muss, wie er selbst es erfahren hat. Alles wird gut werden, davon ist er überzeugt. Doch hinter aller Verliebtheit und allen bunten Blättern, die über den Bildschirm wehen, hinter jeder überschwänglichen Umarmung und Leichtigkeit blitzen immer wieder Charlies seelische Verletzungen aus der Vergangenheit auf. Ein Trauma, das sich seine Wege der Verarbeitung sucht. Wege, die den Schmerz nur kompensieren, aber nicht heilen. Nick bemerkt, wie sehr Charlie noch immer darunter zu leiden hat, und versucht Brücken zu bauen, um zu seinem Freund durchzudringen. Von Folge zu Folge wird die Beziehung intensiver, tiefgründiger und vertrauensvoller. Dennoch kann selbst eine innige Partnerschaft nicht alle Probleme alleine bewältigen.

Wahre Freundschaften

Nachdem Nick erkennen musste, wie sehr Homophobie in seinem Rugby-Team und unter seinen ehemaligen „Freunden“ verbreitet ist, hat er nahezu all diese Kontakte abgebrochen. Wirkliche Freundschaft erfährt er nun in der Clique aus Charlie, Tao, Elle (Yasmin Finney), Darcy (Kizzy Edgell), Tara (Corinna Brown) und Isaac (Tobie Donovan).

Während der Fokus der ersten Staffel noch ganz klar auf der sich entwickelnden Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren Nick und Charlie lag, nehmen in der Fortsetzung die Nebenfiguren einen viel größeren Raum ein. Dass zwischen Elle und Tao mehr als nur Freundschaft ist, bahnte sich schon in der ersten Staffel an. Ihre etwas schwierige Annäherung gleicht einer perfekten Mischung aus Humor, Angst und vor allem Liebe. Gao und Finney überzeugen auch dieses Mal wieder absolut in ihren Rollen und es macht einfach nur Spaß ihren Schlagabtauschen zuzusehen.

Nachdem Tara in der letzten Staffel ihr Coming-out hatte und unter den zahlreichen Anfeindungen in ihrem Umfeld litt, sind sie und Darcy nun nach außen ein glückliches Paar. Darcy weiß in jeder noch so schwierigen Situation die Stimmung aufzuheitern. Doch bei einer Sache scheinen Humor und Selbstironie nicht zu helfen, denn Tara merkt, dass ihre Freundin etwas bedrückt. Darcy fällt es schwer über ihre Gefühle zu sprechen und so steht ein riesengroßer Elefant im Raum, bis es nicht mehr geht und es zur Eskalation zu kommen scheint.

Fehlt nur noch jemand für Isaac, der ständig seine Nase in einem Buch hat. Oder? Er fühlt sich zunehmend unwohl in seiner Haut zwischen all den Pärchen. Er weiß nicht wirklich, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein. Isaac erkundigt sich bei seinen Freunden, wie es ist, Gefühle für jemanden zu haben, und versucht, eine solche Verbindung zu einem anderen Menschen auch bei sich zu spüren. Mit seiner Figur wird ein wichtiges und noch viel zu wenig beachtetes Thema angeschnitten. Nur so viel soll verraten werden: Dürfte man Isaac ein neues Buch empfehlen, wäre es wohl „Loveless“ von Alice Oseman.

Sehr gelungen ist auch der Umgang mit Ben, der sich Charlie gegenüber, wir erinnern uns, alles andere als fair verhalten hatte. Heimliches Knutschen in der Schule war okay, aber niemals hätte sich Ben als Charlies Freund geoutet. Im Gegenteil, Charlie wurde von ihm gedemütigt, hingehalten und ausgenutzt. Sein Charakter ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sehr die eigene sexuelle Identität verwirren kann und wie wichtig es ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen und Gefühle nicht zu unterdrücken. Ben wirkt im Laufe der Folgen dadurch zunehmend wie eine tragische Figur, der man so gerne einen kleinen, nett gemeinten Schubser geben würde.

So, everything is perfect?

Es ist sicher schon herauszuhören: Wem die erste Staffel von „Heartstopper“ gefallen hat, wird auch die Fortsetzung lieben. Würde man fragen, ob es „Heartstopper 2“ an irgendetwas fehlt, dann wäre es vielleicht ein glückliches Hetero-Pärchen. Und ein paar andere Kleinigkeiten fallen hin und wieder auf: Obwohl der Cast für die Klassenfahrt nach Paris tatsächlich dort gedreht hat, wirken einige Szenen nicht ganz so realistisch (z.B. vor dem Louvre). Auch die Tatsache, dass Charlie fast als Letzter erfährt, dass Nicks Vater gebürtiger Franzose ist und vorher nicht aufgefallen ist, dass sein Freund die Sprache fließend spricht, kann man nicht ganz glauben. Aber das nur nebenbei, denn Auswirkungen auf das überzeugende Gesamtbild hat das alles nicht.

Fazit

Ein Glück, dass in diesem Jahr noch der fünfte Graphic-Novel-Band erscheinen soll. So lässt sich die lange Wartezeit bis zu Staffel drei gut überbrücken.

Bilder: © Netflix

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