Nur ein einziges Leben

Film-Kritik von Carola Krauße-Reim / Titelmotiv: © EuroVideo Medien

Mut hat keine Altersbeschränkung

Im Zweiten Weltkrieg war Frankreich ab November 1942 komplett von der deutschen Wehrmacht besetzt. In den Pyrenäen hatte das zunächst nur geringen Einfluss auf das tägliche Leben - zu abgelegen waren viele Ortschaften. Nur kleine Verbände waren in manchen Orten untergebracht, um die Grenze nach Spanien zu sichern und Flüchtlinge aufzuspüren ...

Durch wahre Begebenheiten inspiriert

Nur ein einziges Leben basiert auf dem Buch Warten auf Anya des britischen Schriftstellers Michael Morpurgo, der auch die Vorlage für den Film Gefährten von Steven Spielberg lieferte. Morpurgo beleuchtet ein Kapitel der Shoah, das bis jetzt nur wenig bekannt ist: die Flucht von Juden auf dem Chémin de la Liberté über die Pyrenäen ins freie Spanien. Dieses gefährliche Unterfangen war ohne die Hilfe von Einheimischen nicht möglich, denn die Wege führten über hohe Pässe, durch eine unwegsame Gegend. Morpurgo - und jetzt auch Regisseur Ben Cookson (Almost Married) - haben diesen stillen Helden ein Denkmal gesetzt. In dem hochkarätig besetzten Film wird die Geschichte von Jo, seiner Familie und von Benjamin und seiner Tochter Anya erzählt.

Jo kennt keine Furcht und hilft

Nach einer Bärenattacke auf seine Schafherde lernt der 12-jährige Hirte Jo den Fremden Benjamin kennen. Bis dahin war das Leben des Jungen wenig beeinflusst vom Krieg; doch jetzt erfährt er, dass Benjamin Jude ist und sich bei  seiner Schwiegermutter, der Witwe Horcada, versteckt, um auf seine Tochter Anya zu warten, von der er getrennt wurde. Mit ihr will er über die Berge nach Spanien in die Freiheit fliehen. Anya lässt auf sich warten - aber andere jüdische Kinder finden den Weg zu Benjamin, und bald ist das ganze Haus voll. Aber die Flucht muss immer wieder aufgeschoben werden, weil deutsche Soldaten im Ort stationiert werden, die entlang der Grenze patrouillieren. Jo versorgt die Flüchtlinge mit Nahrung, was aufgrund der schlechter werdenden Lage immer schwieriger wird. Doch dann kommt Hilfe …

Spannend, emotional und hochkarätig besetzt

Nur ein einziges Leben ist ein Film über ein wenig bekanntes Kapitel der Shoah - aber auch über Freundschaft, Zusammengehörigkeit und vor allem über Mut. Und er zeigt auch, dass so mancher Offizier das Ende des Krieges herbeigesehnt hat, während andere bis zum Schluss an ihrer Macht und Überheblichkeit festhielten. Kenntnisse über diese dunkle Zeit sind von Vorteil, um die Geschichte gänzlich zu verstehen, denn es wird nur wenig ins Detail gegangen. Das Schicksal der Kinder wird nur angeschnitten, sie stehen nicht im Mittelpunkt. Der Hauptaugenmerk liegt auf Jo und den Dorfbewohnern, die einfallsreich versuchen, die Soldaten auszutricksen. Der junge amerikanische Schauspieler Noah Schnapp (Stranger Things) verkörpert den Hirten Jo. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen, gut eingesetzter Mimik und ausgezeichnetem Spiel ist er die perfekte Besetzung für diese Rolle. Mit diesem jungen Protagonisten können sich Jugendliche identifizieren.Seine Geschichte zeigt, dass Mut nicht vom Alter abhängt: Jeder kann mutig sein, anderen helfen und für seine Überzeugungen einstehen – egal wie alt er ist. Mit Jean Reno (Die purpurnen Flüsse) als Grandpère, Angelica Houston (Die Addams Family) als Witwe Horcada und Thomas Kretschmann (Das Boot) als freundlicher Wehrmachtsoffizier sind auch die anderen Hauptrollen hochkarätig besetzt. Trotz des traurigen Themas ist der Film nicht düster, denn der Optimismus behält die Überhand; und wenn dann auch noch eine zarte Liebesgeschichte zwischen Grandpère und Witwe Horcada gesponnen wird, scheint schon fast wieder die Sonne. Die Spannung kommt natürlich nicht zu kurz, denn bis zum Schluss steht die Flucht auf der Kippe, und als sie dann nicht mehr aufzuschieben ist, hofft und bangt man mit den Kindern, Benjamin und auch den Dorfbewohnern, die durch ihre Hilfe ihr Leben riskieren.

Ein Film nicht nur für Jugendliche

Die FSK gibt den Film ab 12 Jahren frei, was nachzuvollziehen ist, denn es wird weitgehend auf Gewalt verzichtet – ganz ohne kommt auch dieser Film nicht aus. Dialoge, Spiel und Szenen sind der Altersgruppe angepasst, was manchmal dazu führt, dass nicht alles vollständig ausgespielt wird. Manche Szene wirkt etwas hölzern und mancher Dialog etwas kurz. Aber das ist nur eine nahezu nichtige Kritik, denn Drehbuch, Schauspieler und auch ganz wunderbare Landschaftsaufnahmen setzten das Thema so hervorragend um, dass Nur ein einziges Leben einfach ein guter Film ist. Es macht Spaß, ihn zu sehen, egal ob Jugendlicher oder schon etwas älteres Semester. Und eins ist gewiss: Eine Träne wird mit Sicherheit fließen, denn zum Schluss wird es noch einmal so richtig emotional.

Fazit

Nur ein einziges Leben ist ein Film, der unter die Haut geht und den Zuschauer nicht nur 105 Minuten lang in den Bann zieht – er hallt noch lange nach. Regisseur und Schauspieler setzen mit diesem Film den oft unbekannten Fluchthelfern, die ihr Leben für verfolgte Juden einsetzten, ein würdiges Denkmal und helfen dadurch mit, das Vergessen zu verhindern.Eine Vorkenntnis zu den Geschehnissen der Shoah wäre gut, aber man könnte den Film auch als Anlass sehen, sich tiefer mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zu befassen.

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Bilder: © EuroVideo Medien

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