Verwünscht nochmal

Film-Kritik von Yannic Niehr

10 Jahre sind vergangen, seitdem Zeichentrickprinzessin Giselle von Königin Narissa aus ihrem Märchenkönigreich Andalasien ins Manhattan unserer Welt katapultiert wurde, dort wider Erwarten die Liebe in Form von Anwalt Robert fand und entschied - anstatt zu ihrem Prinzen Edward zurückzukehren -, gleich dort zu bleiben. Mittlerweile haben Giselle und Robert ein eigenes Kind, doch auch alle Hände voll zu tun mit Roberts Tochter Morgan, die sich mitten im schwierigsten Teenager-Alter befindet. Schien anfangs alles perfekt, so sind Giselle und Robert mittlerweile doch gar nicht mehr allzu glücklich mit ihrem Leben. Also wird ein Tapetenwechsel beschlossen, und kurzerhand zieht die kleine Familie in den malerischen Vorort Monroeville.

Morgan ist von dem Umzug nicht begeistert. Um ihr eine Freude zu machen, meldet Giselle sie beim Schulball an, der von der örtlichen Übermutti Malvina Monroe ausgerichtet wird. Morgan ist die Aktion jedoch so peinlich, dass es zum großen Zerwürfnis zwischen ihr und Giselle kommt. Niedergeschlagen muss Giselle feststellen, dass es im wahren Leben kein endgültiges Happy End gibt. Zum Glück haben Edward und Nancy (Roberts Ex, die vor 10 Jahren nach Andalasien auswanderte, um an Edwards Seite zu regieren) aus ihrer Heimat als Einweihungsgeschenk einen Zauberstab mitgebracht. Diesen nutzt Giselle kurzerhand, um ihre Welt in ein Märchen zu verwandeln.

 

Doch wie immer gilt: Pass auf, was du dir wünschst! Denn auch die heile Märchenwelt birgt so manchen Fallstrick. Immerhin sollte Giselle nicht außer Acht lassen, dass es sich bei ihr um eine Stiefmutter handelt – und die kommen im Märchen nur selten gut weg. Nicht zuletzt hat ihr Zauber aus Malvina auch noch die böse Königin gemacht, die sie immer schon hatte sein wollen …

„Was my ever-after just temporary?“

Verwünscht aus dem Jahr 2007, welcher sämtliche Klischees der Disney-Klassiker liebevoll parodierte, avancierte schnell zu einem Überraschungshit für das Studio. Da ließen Fortsetzungspläne nicht lange auf sich warten. Umso länger allerdings hat es gedauert, bis das Sequel tatsächlich produziert wurde und nun seit dem 18.11.2022 exklusiv auf dem Heimbildschirm bei Disney+ zu sehen ist; in der aktuellen Reboot-Welle (man siehe auch die lang erwartete Fortsetzung des Halloweenhits Hocus Pocus) könnte der Zeitpunkt kaum günstiger sein. Hinter der Kamera ist ein fast komplett neues Kreativteam versammelt, welches wagt, in die großen Fußstapfen des Vorgängers zu treten. Während Kevin Lima, Regisseur des Erstlings, schon vielen berühmten Disneyblockbustern seinen Stempel hatte aufdrücken dürfen, wurde mit Adam Shankman nun jemand gewonnen, der bislang vor allem mit Musicalverfilmungen und Tanzkino von sich reden machen konnte. Die neue Drehbuchautorin Brigitte Hales hat dank ihrer Arbeit für die TV-Serie Once upon a Time Erfahrung mit modernen Märchen-Neuauflagen.

Den frischen Wind backstage spürt man durchaus: Im Vergleich zum Vorgänger kommt Verwünscht nochmal deutlich flotter daher, und es steht weniger auf dem Spiel, sodass man sich eher in einer Fernsehserie statt einer großen Filmproduktion wähnt. Ungeachtet dessen merkt man den Machern den Respekt vor dem Original an – und den Spaß, den sie daran haben, diese Welt mit einer neuen Geschichte zu erkunden, welche für Disneyfans natürlich wieder einige Easter Eggs bereithält.

„Jump down a rabbit hole, go climb a beanstalk …“

Filmisch werden alle Register gezogen, um ein einladendes Märchen zum Leben zu erwecken: Die Magieeffekte sind regelrecht bezaubernd, und natürlich bekommt man auch wieder das farbenfrohe Reich Andalasien zu sehen. Die Sequenzen strahlen zwar nicht ganz so viel Wärme aus wie in Teil 1, trotzdem ist es immer mehr als willkommen, in der CGI-Ära noch traditionellen Zeichentrick zu sehen. Sobald Giselle ihren Wunsch ausgesprochen hat, wird der biedere Vorort durch pittoresken Weichzeichner gezogen und erstrahlt prunkvoll, bunt und magisch – ein interessanter Dreh verglichen mit der Kulturschock-Story aus dem Original.

Amy Adams wirkt so, als hätte sie die Rolle nie abgestreift. Sofort kauft man ihr die blauäugige, doch für neue Erfahrung offene Prinzessin wieder ab. Und erfreulicherweise darf sie in diesem Teil auch ganz neue, amüsante Facetten offenbaren – ein Spagat, der ihr wie am Schnürchen gelingt. Grey’s Anatomy-Star Patrick Dempsey bleibt hingegen etwas blass, war aber auch schon im Vorgänger nie Fokus der Geschichte. Die Show stiehlt ihm Gabrielle Baldacchino, welche die Rolle seiner Tochter Morgan von Rachel Covey erbt, um glaubhafter eine Teenagerin zu verkörpern. Auch James Marsden als Edward und Idina Menzel als Nancy machen genau dort weiter, wo sie aufgehört haben, und machen das Wiedersehen damit zu einer wahren Freude. Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich Comedienne Maya Rudolph, die ihre böse Königin köstlich verdorben im Stile der großen Disneyschurken der Vergangenheit anlegt (an dieser Stelle: Die Kostüme sind ein wahrer Augenschmaus!). Unterstützt werden sie von einem soliden Nebenensemble mit einigen bekannten Gesichtern.

Ein waschechtes Disney-Musical steht und fällt natürlich mit seinem Soundtrack. Hier durften zum Glück die Altmeister Alan Menken und Stephen Schwartz wieder Hand anlegen und schufen Musik, die Disneykitsch mit modernen Elementen verbindet und in punkto Songanzahl den 1. Teil locker in die Tasche steckt. Zwar sind diesmal nicht alle Songs im gleichen Maße Instant-Ohrwürmer, doch die Highlights haben es umso mehr in sich: Das Intro weckt Erinnerungen an schwelgerische Eröffnungschorale à la Alice im Wunderland oder Bambi, Giselle und Morgan machen beide das Beste aus ihren großen Solos, Idina Menzel bekommt endlich die verdiente Power-Ballade auf den Leib geschrieben, und wo noch ein Kritikpunkt am Original das Fehlen eines Schurkensongs für Susan Sarandon war, so kriegt man hier in Form eines wahren Showstoppers sozusagen gleich zwei zum Preis von einem!

Thematisch werden dankbarerweise neue Wege gegangen: Handelte Verwünscht noch davon, dass die Liebe meist sehr viel komplexer daherkommt als im Märchen (was Disney in den Folgejahren häufig wieder aufgriff; man denke nur an Die Eiskönigin), geht es diesmal u.a. um eine nostalgische Sehnsucht nach einer heilen Welt der Vergangenheit (wodurch er spannende Metaebenen eröffnet), aber auch um den Konflikt zwischen Generationen, die Macht liebevoller Erinnerungen und die Erkenntnis, dass das Leben kein fixes Happy End braucht, um schön zu sein.

Fazit

Verwünscht nochmal mag nicht derselbe Soforthit sein wie Verwünscht, istjedoch ein überraschend kompetentes Sequel, das dem Original nacheifert, indem es Augenzwinkern mit emotional aufrichtiger, familientauglich magischer Fantasy-Unterhaltung paart und so Disneykennern sowie Anhängern des Erstlings ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürfte.

 

Bilder: © Disney

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