Was wir dachten, was wir taten von Lea-Lina Oppermann

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel Was wir dachten, was wir taten, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Beltz & Gelberg , 180 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: »Wir werden Dir erzählen, was wirklich passiert ist. An diesem Tag. In diesen 143 Minuten. Wir werden Dir erzählen, was wirklich passiert ist.«

Draußen läuft ein bewaffneter Eindringling auf den Schulfluren herum. Die Klassenzimmer sollen verschlossen werden und die Schüler Ruhe bewahren, sagt der Direktor in seiner Durchsage – Amokalarm.

Drei Menschen berichten, was wirklich passiert ist an jenem Morgen, an einem ganz normalen Schultag. Mark Winter, Außenseiter, selbstbewusst und ein Querdenker, kann Lehrer A. Filler nicht leiden. Mark hat ihn – wie so viele andere Schüler – durchschaut. Fiona Nikolaus ist eine sehr gute Schülerin, sie ist angepasst und ehrgeizig, für sie hegt Herr Filler Sympathien – aber auch umgekehrt bewundert Fiona ihren Lehrer. Doch in dieser Ausnahmesituation ist der sonst so coole und beherrschte Lehrer sogar eine Enttäuschung für sich selbst.

Durch einen Trick gelingt es dem Amokläufer mit einer Geisel in den Klassenraum zu gelangen. Doch die vermummte Gestalt will nicht nur die Klasse in Angst und Schrecken versetzen, der Eindringling hat auch Forderungen. Es scheint mehr und mehr, als habe er noch eine Rechnung mit einigen Schülern offen. Die »Aufgaben« die der Lehrer und einige der Schüler erfüllen müssen, bewegen sich von harmlos über geschmacklos bis hin zu grausam, ja geradezu sadistisch – und sind am Schluss sogar tödlich. Es scheint, als habe die schwarze Gestalt die Makel der Ausführenden als auch die der Opfer genau studiert und erkannt. Er entlarvt Täter – derjenige, der die Aufgabe ausführen muss – und Opfer – der oder diejenige, die diese Tat über sich ergehen lassen muss – mit seinen gestellten Aufgaben. Nur, wer ist dieser Mensch, dass ihre dunkelsten Geheimnisse kennt?

Während draußen ein großes Polizeiaufgebot die Schule umzingelt, spielen die Menschen im Klassenraum um ihr Leben. Wie weit werden sie gehen, um ihr eigenes Leben zu schützen?

Lea-Lina Oppermann greift das Thema des Amoklaufs an Schulen auf sehr persönliche Weise auf, denn der Täter will nicht einfach nur sinnlos morden, er will die Menschen in dem Klassenraum demütigen – ja für immer demontieren – vor allen Augen.

Aus drei Perspektiven schildert die Autorin eine bestimmte Situation, oder lässt die Geschichte einfach fortlaufen, wobei sie die Perspektiven immer wieder geschickt wechselt. Stets auf die Eskalation gefasst, wirkt es zu Anfang etwas mühselig, sich durch die Pattsituation der unterschiedlichen Perspektiven zu lesen. Als die Forderungen – in Form von einzelnen Briefen – buchstäblich auf den Tisch kommen, nimmt die Geschichte aber deutlich an Tempo auf. Nicht nur, dass man auf jede der 10 Forderungen gespannt ist, auch wie die eingesperrten Geiseln darauf reagieren werden, bleibt fesselnd. Natürlich kann man in den hier dargestellten 143 Minuten nur kurze Einblicke erhaschen – eine Nähe zu den Protagonisten entsteht dadurch nicht. Vielmehr bleiben wir auf unserer Seite der Bühne und können nur mit gemischten Gefühlen verfolgen, was als nächstes geschieht.

Wir sehen, wer welche Schwächen hat, womit man einen Menschen der Lächerlichkeit preisgeben kann, wie man ihn für seine Arroganz bestraft, wer es verdient hat und wer sich immer noch anständig verhält, obwohl man es anders erwartet hätte. Es ist ein wenig wie bei den sieben Todsünden, betrachtet man den Grund der Bestrafung: da gibt es Eifersucht, Diebstahl, Ehrgeiz, Stolz, Arroganz, blinde Verliebtheit, falsches Vertrauen und auch eine gut verborgene Verzweiflung im Hinblick auf die Magersucht eines Mädchens.

Die Autorin führt uns an die Betroffenen heran, wir erfahren nur kurz etwas über sie, bevor wir deren Demontage und teilweise die Genugtuung der anderen Mitschüler miterleben. Die Gedanken sind frei – allen anderen bleiben auch die unschönen Gedanken unserer Hauptdarsteller verborgen. Und es wird deutlich, in uns allen schlummert diese Schadenfreude. Aber wann muss man eingreifen und dem »Spiel« ein Ende setzen? Wir alle sind Voyeure in diesem Spiel. Wir Leser aber auch die Akteure selbst, solange sie nicht selbst betroffen sind.

Vielleicht fragen sich viele Leser/innen wie sie sich selbst verhalten hätten. Sehr gut trifft Lea-Lina Oppermann den Ton, als allen klar wird, dass sie wirklich in Lebensgefahr schweben und in jeder Sekunde sterben können. »Was wir dachten, was wir taten« ist auch ein Psychogramm einer ganzen Schulklasse, die sich unmittelbar vom Tod konfrontiert sieht.

Obwohl Oppermann die Situation so manches Mal eskalieren lässt, findet sie doch kluge Wege, das Schlimmste zu verdeutlichen – ohne es wirklich darzustellen. Das finde ich sympathisch und damit ist dieser Roman auch bereits etwas für die 14-jährigen, die mit solchen Schilderungen bereits umgehen können. Dennoch, ganz so glimpflich kommt so mancher Mitschüler nicht davon.

Am Ende bleibt man nachdenklich zurück. Vielleicht sollten wir gerade die stillen Menschen um uns herum nicht vergessen. Denn es sind doch die »Unsichtbaren«, die am meisten sehen, weil sie selbst wiederum nicht gesehen werden.

Fazit:

So bleibt ein zum großen Teil kurzweiliger Thriller von nur 180 Seiten, der viele kurze Einblicke in die Gedanken und Gefühle einer Gruppe bietet, die in einer absoluten Ausnahmesituation steckt. Es werden keine Antworten gegeben, aber es bleibt doch eine Frage: Gehen wir mit unseren Mitmenschen so um, wie wir selbst gerne behandelt werden möchten?


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