Das Gegenteil von oben von Oliver Uschmann

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2009 bei script5 , 336 Seiten. ISBN 3839001005.

ab 16 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte: »bedenkliche Beobachtungsrituale & skurriles Gedankenchaos«

[Jugendbuch des Monats – März 2010]
Dennis lebt mit seiner Mutter in einem der Bahnhofshochhäuser. Er ist viel allein und vertreibt sich die Zeit mit seiner Playstation – oder damit, mit seinem Fernglas die Mieter im Nachbarhaus zu beobachten. Über die Gewohnheiten einiger Mieter weiß er sehr genau bescheid, und wenn er es für nötig hält, mischt er sich sogar in ihr Leben ein. Beobachtet er zum Beispiel einen Streit, schreibt er einen sogenannten Code Yellow, der die Streitenden zum Nachdenken anregen soll. Und der alten Dame im Haus gegenüber lässt er zur Beschäftigung häufig intelligente Rätsel oder Sudokus zukommen.
Und dann passiert es: Der kleine Sohn des Hausmeisters verschwindet, und kurz darauf entdeckt Dennis, dass im Keller des Nachbarhauses Merkwürdiges vor sich geht.
Er muss aktiv werden – und dabei versinkt er im absoluten Chaos und erlebt mehr als eine Überraschung.

Oliver Uschmann legt mit seinem ersten Jugendroman eine wirklich außergewöhnliche Geschichte vor. Es geht vornehmlich um das Alltagsleben des etwas sonderbaren aber gerade dadurch liebenswerten Dennis. Einerseits ist er ein völlig normaler, fast schon überdurchschnittlich intelligenter 15jähriger, andererseits ist er ganz eindeutig ein wenig gestört. Zu allem und jedem denkt er sich umgehend ganze Entstehungs- oder Lebensgeschichten aus und verbindet dabei Playstation-Spiele mit Dingen, die er gelesen oder aufgeschnappt hat, auch wenn es nur klitzekleine Kleinigkeiten sind.

»Spielt er das Leben oder lebt er das Spiel?« (Oliver Uschmann)

Die immer gleichbleibenden Rituale der Personen und Mieter um ihn herum scheinen ihn zu beruhigen und geben ihm Sicherheit – was deutlich wird, sobald etwas anders als sonst läuft.
Seine Mutter, die getrennt vom Vater lebt und Fragen über diesen ignoriert, ist ein Organisationsgenie, das Beruf und Haushalt perfekt unter einen Hut bekommt. In dieser Mutter-Sohn-Zweisamkeit gibt es ebenfalls Rituale: die Treffen mir der Oma, mit dem Onkel, der Ablauf von Weihnachten … Wenn man nun an Langeweile denkt, liegt man völlig falsch! Dank Uschmanns lockeren, abwechslungsreichen Schreibstils hat man viel zu Lachen, während man Dennis kennenlernt, doch natürlich kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass irgendetwas in seinem Leben ganz und gar nicht stimmt:
Er ist zu viel allein und hat keine Freunde. Sein ehemals bester Freund Christoph provoziert ihn beständig und ist gemein zu ihm, und da sie in eine Klasse gehen, kann er ihm nicht einmal ausweichen. Dummerweise ist auch Dennis’ Angebetete Lara in derselben Klasse, was seinen zaghaften Versuch, sie zu erobern, enorm erschwert.
Außergewöhnlich sind Dennis Probleme und sein Leben also nicht, doch trotzdem ist es enorm spannend, ihn zu begleiten und seinen kuriosen Gedankengängen zu folgen. All die Anspielungen und Bezüge auf aktuelle Spiele und Filme sind ebenfalls Magnet.
Faszinierend sind zusätzlich die vielen Kleinigkeiten und Merkwürdigkeiten, mit denen Uschmann Dennis’ Umfeld ausschmückt, so dass man sich sofort heimisch fühlt.
Ob es nun der beständig erweiterte Schriftwechsel an der Fahrstuhlwand ist, die Verschwörungstheorien der Oma, der chlorverseuchte Pool auf dem Hausdach oder die drei türkischen Provokanten vor der Videothek – all diese Besonderheiten sind nicht nur amüsant, sondern sorgen für den richtigen Eindruck des Lebens in einem bahnhofsnahen 14stöckigen Wohnturm mit ca. 150 Mietparteien.

Das große Drama in Dennis’ Leben schleicht sich ganz langsam durch die Hintertür hinein.
Es beginnt mit dem Verschwinden des Hausmeistersohns. Eigentlich kein Grund zur Besorgnis, immerhin gab es vorher Streit in der Familie und eine Trennung ist wahrscheinlich. Doch da Dennis die Berichte über Kinderschänder (Marc Dutroux) nicht aus dem Kopf bekommt, spielen seine Gedanken verrückt, zumal er entdeckt, dass im Keller des Hauses etwas vor sich geht.
Dass ausgerechnet in dieser Zeit eine Klassenfahrt ansteht, es zu einem üblen Zusammenstoß mit Christoph kommt, all seine Fortschritte bei Lara zunichte gemacht werden und er immer dringender etwas über seinen Vater erfahren möchte, erschwert seine Lage.
Nicht einmal der Student Ingo, der in der Videothek unten im Haus arbeitet, in Dennis’ Auftrag die Code Yellows verteilt und als einziger von seinem bedenklichen Beobachtungshobby weiß, ahnt, was in Dennis vorgeht, geschweigedenn seine Mutter.

Dennis Leben gerät aus den Fugen, seine Gedanken spielen verrückt, er ist überfordert und kann nicht länger nur ein Beobachter sein. Was wirklich im Keller des Nachbarhauses vor sich geht – darauf kommt man im Leben nicht! Der Leser erlebt eine Überraschung nach der anderen, und immer dringender fragt man sich, wie Dennis das ausbrechende Durcheinander wohl überstehen wird.

FAZIT  

Oliver Uschmann präsentiert mit »Das Gegenteil von oben« ein wahres Feuerwerk an Ideen, Anspielungen, Geschichten und Verrücktheiten, ohne jemals den ganz normalen Pubertätswahnsinn oder die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aus den Augen zu verlieren. Mit Dennis lernt man eine einzigartige Hauptperson kennen, die einerseits normal, andererseits aber völlig verrückt ist. Wenn man humorvolle Geschichten voller Überraschungen und Skurrilitäten mag, sollte man sich den Einblick in Dennis’ Leben nicht entgehen lassen.

Eure Meinung zu »Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben«

Mimi zu »Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben« 21.05.2012
Ich stimme der Rezesion oben genau zu (außer das dieses Buch meiner Meinung nach das zweite Jugendbuch dieses Autors ist, denn "Nicht weit vom Stamm" hat mir sogar noch einen Tick besser gefallen und ist vorher erschienen). Das Buch ist spannend, gefühlvoll, witzig und tiefgründig. Es steckt ein gewisser Sinn dahinter und es unterhält trotzdem ausgezeichnet. Der Protagonist ist so symphatisch, dass man es kaum ertragen kann wie er in seinen verwirrten Gedankengängen von einer unguten Situation in die nächste taumelt und trotzdem kann man sich nie so sicher sein, ob er im Grunde nicht doch recht hat. Der arme Junge fühlt allen Ballast der Welt auf seinen Schultern, dabei will er doch nur normal leben! Hört sich nicht lustig an? Ist es aber! Uschmann hat einfach eine einzigartige Art zu schreiben in der die Normalität ihre Skurrilität entfaltet und ganz nebenbei Weisheiten des Lebens vermittelt werden. Und nach meiner Erfahrung mit "Nicht weit vom Stamm" habe ich mich schon darauf gefreut auch in diesem Roman wieder vor Augen geführt zu bekommen, dass jeder Mensch, auch wenn es erst nicht so scheint, etwas symphatisches hat, und ich wurde nicht enttäuscht!
Dein Kommentar zu Das Gegenteil von oben

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