Interview mit Ursula Poznanski

Copyright: Doris BretterbauerIm Oktober 2011 hat Ursula Poznanski für "Erebos" den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury erhalten. Im November ist ihr neuer Roman "Saeculum» erschienen. Für die Dezemberausgabe der Jugendbuch-Couch haben wir mit der Autorin ein E-Mail-Interview geführt.

Jugendbuch-Couch:
Liebe Ursula, schön dass du dir Zeit für ein Interview nimmst. Erzählst du uns kurz etwas über dich und darüber, wie du zum Schreiben gekommen bist?

Ursula Poznanski:
Ich habe immer schon gerne geschrieben, anfangs aber nicht mit der Absicht, tatsächlich Bücher zu schreiben oder gar zu veröffentlichen. Der Gedanke begann erst Gestalt anzunehmen, als ich Anfang dreißig war. Damals dachte ich mir, ich versuche es mal, und es hat erstaunlich schnell geklappt.

Jugendbuch-Couch:
Am Anfang standen Kinderbücher, soweit feststellbar. Gab es davor noch etwas, wie die Teilnahme an Kurzgeschichtenwettbewerben?

Ursula Poznanski:
Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich einmal am Allegra-Kurzgeschichtenwettbewerb teilgenommen (oder ich wollte teilnehmen, so genau weiß ich es nicht mehr). Der einzige Wettbewerb, bei dem ich mit Feuereifer und aller Energie dabei war, war ein Drehbuchwettbewerb des ORF. Damals habe ich mich mit einem Haufen Büchern zum Drehbuchschreiben versorgt, Originaldrehbücher gelesen, etc. und eine neunzigminütige Liebeskomödie geschrieben.

Jugendbuch-Couch:
Ist der Wechsel zu Jugendbüchern eine bewusste Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt gewesen, vielleicht, weil du komplexere Geschichten erzählen wolltest, wie dies in «Erebos» und «Saeculum» geschieht?

Ursula Poznanski:
Ich habe, während ich Kinderbücher geschrieben habe, parallel die ganze Zeit an einem Jugendroman gearbeitet, über fünf Jahre lang. Mit dem habe ich mich, als er fertig war, auch bei meiner jetzigen Agentur beworben. Dort wollte man zwar mich, nicht aber das Buch, das überhaupt nicht in die aktuellen Anforderungen des Markts passte. Deshalb habe ich dann – quasi als Ersatz – «Erebos» geschrieben. Jugendbuch stand also immer auf meinem Plan.

Jugendbuch-Couch:
Gibt es erzählerische Jugendsünden, die du nicht auf deiner Website veröffentlichen würdest?

Ursula Poznanski:
Es gibt eine Mappe voller Gedichte im Stil von Erich Fried, nur viel schlechter, natürlich. Eines davon habe ich ein wenig verändert und einer Figur in «Erebos» «angehängt", der Rest bleibt aber sicherlich im Dunkel meiner Schublade.

Jugendbuch-Couch:
Stehst du morgens um sechs auf, machst Frühsport, erledigst die Vormittagsarbeiten bis acht und beginnst dann mit der Arbeit? Wie dürfen wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Ursula Poznanski:
Jeden Tag anders. Im Optimalfall beginne ich etwa um zehn Uhr Vormittag zu schreiben, in Wahrheit gibt es aber enorm viel Drumherum, das erledigt werden muss. Mails, Anfragen, Interviews ;-) Meistens schreibe ich also am Nachmittag und am Abend; erst wenn die Deadline näher rückt, beginne ich Mails und Ähnliches zu ignorieren und halte mich an meinen eigentlichen Plan.

Jugendbuch-Couch:
Entwickelst du zu Beginn der Arbeit an einem Buch ein Konzept, in dem die Handlung, die Orte und Figuren schon klar beschrieben sind? Weißt du zu Beginn schon, worauf alles hinausläuft? Oder ergibt es sich beim Schreiben?

Ursula Poznanski:
Ich weiß, worauf es hinausläuft. Das muss ich wissen, sonst kann ich nicht so schreiben, wie ich es möchte. Ich habe aber keinen detaillierten Szenenplan, dem ich nur noch folgen muss. Zwischen den fixen Stationen gibt es Raum für spontane Entscheidungen.

Jugendbuch-Couch:
Woher kommen die Ideen für deine Figuren? Liegst du an Schulen und Universitäten auf der Lauer, mit Fernglas, Diktiergerät und Tarnausrüstung? Stellst du beim Fernsehen fest: das ist er oder sie...?

Ursula Poznanski:
Dass ich mir Vorbilder im realen Leben suche, ist sehr selten. Und auch dann klaue ich meist nur eine bestimmte Eigenschaft oder ein besonderes Merkmal. Im Normalfall entstehen die Figuren alle in meinem Kopf, sind wahrscheinlich eine Mischung aus diversen unbewusst gespeicherten Eindrücken, die eine gewisse Eigendynamik entwickeln.

Jugendbuch-Couch:
Versuchst Du ein Ensemble von Figuren mit bestimmten Merkmalen abzudecken, bevor du zu schreiben beginnst? Oder fängst du mit einer oder wenigen Figuren an, und beim Schreiben drängt sich plötzlich jemand auf, oder eine Figur fehlt?

Ursula Poznanski:
Bevor ich zu schreiben beginne, habe ich auf jeden Fall die wichtigsten Personen fix im Kopf. Ab und zu kommt unverhofft noch eine dazu, steht plötzlich da und sagt etwas – die nehme ich dann mit. Streichen kann ich sie notfalls immer noch, meistens stellt sich aber später heraus, dass ich die Figur dringend brauche, dass sie also eine Funktion im Plot erfüllt, von der ich zum Zeitpunkt ihres Auftauchens noch gar nichts wusste.

Jugendbuch-Couch:
In "Erebos» nimmst du dir viel Zeit, auf die Gefährdungen einzugehen, die mit Online-Rollenspielen verbunden sind. Auf deiner Website hast du ergänzend ein paar Internetadressen angegeben, die Sachinformationen zu diesem Problemfeld beinhalten. Hast du mit «Erebos» ein Anliegen, das über die Unterhaltung hinausgeht?

Ursula Poznanski:
Ich will mir auf keinen Fall das Motto «Computerspiele sind böse und gefährlich» auf die Fahnen heften. Wenn es ein Anliegen über die Unterhaltung hinaus gibt, dann hat es mit dem Thema Manipulation zu tun. Die Erebos-Spieler sind ja nicht per se suchtgefährdet, wie ich das bei den meisten realen Computerspielsüchtigen vermuten würde, sondern sie werden in diese Sucht gezielt hineinmanipuliert.

Ich glaube nicht, dass Erebos den Charakter eines Plädoyers für oder gegen etwas hat, aber wenn eine Botschaft drin steckt dann die, dass man die Dinge hinterfragen und das eigene Denken nie abschalten sollte.

Jugendbuch-Couch:
In der Verbindung zwischen der Realität und dem Spiel Erebos geht es nicht nur um die psychischen und sozialen Aspekte der Spielsucht, sondern um Straftaten, die im Rahmen des Spiels begangen werden. Ist dies eine Romanidee, oder hast du bei deinen Recherchen erfahren, dass es hierfür Befunde gibt?

Ursula Poznanski:
Das ist eine Romanidee, dazu habe ich keine realen Parallelen entdeckt.

Jugendbuch-Couch:
Ein anderes wichtiges Thema, das du in «Erebos» ansprichst, ist das der Kontrolle und Macht. Erebos übt zwar einen unheimlichen Reiz auf die Spieler aus, wird aber erst dadurch wirklich gefährlich, dass die Spieler nicht verstehen, was es mit dem Spiel auf sich hat. Welche Absichten damit verfolgt werden, wie sie manipuliert werden. Ebensowenig verstehen sie, was es bedeutet, ihre Aufträge in der Realität auszuführen. Begreifen die Jugendlichen Erebos als Spiel, tatsächlich aber ist es ein Instrument zur Ausübung von Macht?

Ursula Poznanski:
Ja – das spricht jetzt an, was ich ein Stück weiter oben gemeint habe. Erebos ist ein als Spiel getarntes Manipulationsinstrument – deshalb ist auch die Manipulation ein viel zentraleres Thema als die Spielsucht. Und natürlich spielt Macht eine große Rolle: Wenn ich etwas unbedingt will, und sei es nur ein weiteres Level in einem Spiel, und dafür Dinge tue, die ich eigentlich nicht tun möchte, dann hat derjenige, der mich trotzdem dazu bringt, Macht über mich.

Jugendbuch-Couch:
Interessant ist natürlich der Kunstgriff, dass die Spieler zur Wahrung von Anonymität Nicknames wählen. Jeden von ihnen scheint die Frage zu beschäftigen, welcher Mitschüler sich hinter welchem Nick verbergen könnte. Aber die Frage, wer sich hinter dem Spiel verbirgt, die wird lange Zeit gar nicht gestellt. Sicher kein Zufall, oder?

Ursula Poznanski:
Nein, daran denkt man ja auch erst mal nicht. Das Spiel ist einfach da und wird gespielt; wo es seinen Ursprung hat, fragt sich der «normale» Spieler, der es z.B. aus dem Internet downloadet, auch nur selten, glaube ich.

Jugendbuch-Couch:
Während die Frage, wer hinter dem Spiel steckt, in «Erebos» durchaus Sinn hat, erscheint sie in «Saeculum" zumindest bis kurz vor Schluss als sinnlos. Weil die Spieler keine Wahrnehmung für die übergeordnete Spielebene haben? 

Ursula Poznanski:
Bei "Saeculum» ist die Frage eher die, ob man es mit natürlichen oder übernatürlichen Erscheinungen zu tun hat. Gibt es Flüche? Wenn nein, warum bewahrheiten sie sich? Was tut man, wenn man plötzlich keine andere Erklärung mehr hat als die übernatürliche und wenn gleichzeitig das eigene Leben bedroht ist?

Jugendbuch-Couch:
In «Erebos» stellst du einige Bezüge zur antiken Mythologie her, in «Saeculum» zum Mittelalter. Gibt es für dich eine Linie, die aus der Antike kommend, über das Mittelalter in die moderne Fantasy führt?

Ursula Poznanski:
So genau habe ich mir das noch nie überlegt, aber da ist sicherlich etwas dran. Nur, dass die Elemente, die wir heute als phantastisch klassifizieren, damals reale Bestandteile der Kultur waren: Götterwelten, Sagen, Zauberei, übernatürliche Erscheinungen. Heute kann man sich fast alles wissenschaftlich erklären, das Geheimnis ist uns abhanden gekommen. Ich für meinen Teil bin mir sicher, dass die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen einen großen Teil der Faszination und des Erfolgs von Fantasy ausmacht.

Jugendbuch-Couch:
War der Übergang, den die beiden Romane vom Online-Rollenspiel zum Live-Rollenspiel beschreiben, folgerichtig? Geschichten schreiben bedeutet ja auch, dass man Probleme lösen will. Gibt es in Live-Rollenspielen, in «Saeculum», Probleme, die sich nicht im Umfeld von «Erebos» hätten lösen lassen? Oder ist es lediglich eine Variation?

Ursula Poznanski:
Da war mein gedanklicher Zugang ein anderer. Ich wollte immer schon eine Geschichte in einem Agatha Christie-ähnlichen Setting schreiben. Ein abgeschlossener Raum – bei ihr sind es eingeschneite Züge, unerreichbare Inseln, eingeschneite Herrenhäuser. Bei mir sollte es der Wald werden, aus dem man nicht mehr entkommen kann. Aber warum geht eine Gruppe junger Leute so tief in den Wald, dass sie wirklich von der Zivilisation abgeschnitten ist? Genau, weil es Live-Rollenspieler sind. Das Spiel war hier also mehr Mittel zum Zweck als Anlass der Geschichte.

Jugendbuch-Couch:
Wird die Erzählung in «Saeculum» zur Fantasy, als die Gruppe unter der Erde Zuflucht sucht? Es ist kaum vorstellbar, dass das Szenario, welches sich den Spielern dort bietet, über Jahrhunderte unentdeckt geblieben sein soll.

Ursula Poznanski:
Das finde ich persönlich nicht so unwahrscheinlich. Die Gegend ist einsam, dort sucht niemand gezielt.

Jugendbuch-Couch:
In «Saeculum» gibt es diese sehr seltsame Figur Doro. Sie wirft Runen, interpretiert die Lage einzelner Runen auf dem Boden, beschwört Ereignisse und arbeitet daran, dass diese Ereignisse eintreten. Dabei wirkt sie, als wäre sie nicht ganz bei sich. Für ihre Orakel müsste sie vollständig und eindeutig formulierte Fragen stellen. Man darf daran zweifeln, dass sie dies macht. Die anderen Spieler sehen sie nur immer abseits bei nebulösen Beschwörungen und nehmen sie nicht ernst. Warum akzeptieren die meisten sie am Ende dennoch als Magierin? 

Ursula Poznanski:
Da muss ich Doro verteidigen, sie formuliert ihre Fragen ganz genau nach den Regeln, überhaupt ist sie in allem, was mit Runen, Handlesen, etc. zu tun hat, enorm präzise. Im Wald ist sie nur deshalb neben sich, weil sie als einzige – zumindest anfangs – die durch den Fluch drohende Gefahr ernst nimmt. Sie hat einfach Angst. Als sich nach und nach alles, was vorhergesagt ist, bewahrheitet, und Doro mit dem, was sie prognostiziert hat, Recht behält, schlägt sich einer nach dem anderen auf ihre Seite.

Jugendbuch-Couch:
Manche Dinge in «Saeculum" erscheinen beim Lesen unplausibel, Handlungen fahrlässig, ihr Sinn wird aber in anderen Zusammenhängen klar. Dadurch erscheint uns Lisbeth in der Szene, in der sie den Verlust ihres Medaillons bemerkt, hart und unsympathisch. Es kommt wiederholt vor, dass wir unsere Einschätzung einer Figur korrigieren müssen. Ein Stilmittel zur Erzeugung von Irritation, oder eine tiefere Absicht?

Ursula Poznanski:
Es ist doch auch im echten Leben so, dass wir erste Eindrücke von Personen, die uns begegnen, später manchmal korrigieren müssen. Ich finde es reizvoll, wenn es einem bei fiktiven Persönlichkeiten ähnlich geht.

Jugendbuch-Couch:
Betrachtet man den Buchmarkt für Jugendliche, verkaufen sich derzeit düstere Bücher sehr gut. Darunter sind Dystopien der Renner. Deine beiden Jugendromane werden vom Verlag als Thriller bezeichnet. Beide sind spannend, aber auch düster. Warum, glaubst du, lesen Jugendliche heute verstärkt solche Bücher? Sind die dunklen Literaturentwürfe die logische Konsequenz aus Gegenwartserfahrungen?

Ursula Poznanski:
Eigentlich heißt es ja, in guten Zeiten lesen die Menschen traurige Bücher, in schlechten Zeiten lustige (bei Filmen soll es genauso sein). So gut sind die Zeiten im Moment zwar nicht, ich könnte mir aber vorstellen, dass die Dystopie ihren Reiz daraus zieht, dass sie meist nach einer Katastrophe spielt. Die ist überstanden, und es haben Menschen überlebt, das ist schon mal etwas Positives. Oft bauen sie auch eine neue Gesellschaft auf, und ich denke, danach sehnen sich heute viele Jugendliche.

 

Almut Oetjen

Dezember 2011


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