Copyright: Sven OliverInterview mit Jutta Wilke

Liebe Jutta, schön dass du dir Zeit für ein Interview nimmst. Stell dich doch bitte kurz vor und erzähl uns, wie du zum Schreiben gekommen bist.

Ich wollte einmal Schauspielerin werden, wurde dann aber blöderweise Rechtsanwältin, weil ich einmal im Leben mehr auf meinen Kopf als meinen Bauch gehört habe. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich den Mut fand, diese Entscheidung rückgängig zu machen, aber irgendwann habe ich es dann doch geschafft, habe meine Zulassung zurückgegeben und meine Robe an den Nagel gehängt. Für die Schauspielkarriere war es dann schon ein bisschen zu spät, zumal ich inzwischen auch eine Großfamilie hatte, aber das Schreiben ist der Schauspielerei gar nicht so unähnlich.

Geschrieben habe ich schon immer gerne, als Kind überwiegend Theaterstücke mit dramatischen Helden, die alle einen Heldentod starben und die ich natürlich alle selbst gespielt habe. Noch heute wirft mir meine Agentin vor, ich würde zu oft und zu gerne in meinen Exposés morden, was dann regelmäßig dazu führt, dass ich meine Plots noch einmal überarbeiten muss.

Ich liebe meine Kinder, von denen ich fünf habe im Alter zwischen 5 und 20 Jahren, meinen Garten, den ich allerdings meistens machen lasse, was er will, und vor allem das Meer, an dem ich irgendwann gerne einmal leben möchte.

 

Stand für dich schon immer fest, dass du für Kinder und Jugendliche schreiben möchtest?

Ja, das war mir von Anfang an klar.
Wobei ich gar nicht ausschließen möchte, dass auch Erwachsene meine Bücher lesen. Ich freue mich, wenn sie das tun. Ich sehe mich selbst auch gar nicht so sehr als Kinder- und Jugendbuchautorin, sondern mehr als Geschichtenerzählerin. Wenn ein Geschichtenerzähler im Orient auch kindliche Zuhörer hat, wird er seine Geschichte so erzählen, dass sie auch von dem jungen Publikum verstanden wird. Das ist mein eigentliches Ziel: Geschichten zu schreiben, die von möglichst vielen gelesen werden können und sich nicht ausschließlich auf Erwachsene oder Kinder beschränken.
Dazu kommt noch etwas anderes: Kinder sind in meinen Augen die kritischsten Leser. Wenn du Kinder mit deiner Geschichte nicht packst, legen sie das Buch gnadenlos weg. Ihnen ist egal, welcher Name auf dem Buchrücken steht. Für mich ist das eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.

 

Deine Kinder- und Jugendromane erscheinen im Coppenrath Verlag. Wie bist du eigentlich bei Coppenrath gelandet?

Ich habe eine ganz wunderbare Literaturagentin, Michaela Hanauer aus München. Sie hat "Holundermond» verschiedenen Verlagen vorgestellt, u.a. eben auch dem Coppenrath Verlag. Zu meiner riesengroßen Überraschung hatten mehrere Verlage Interesse an dem Manuskript bekundet. Wir konnten uns also ganz in Ruhe aussuchen, welcher Verlag am besten zu dem Buch passen würde. Ein Luxus, wie ich inzwischen von vielen schreibenden Kollegen weiß.

 

«Holundermond» ist Anfang des Jahres erschienen und heimst eine gute Rezension nach der anderen ein. Magst du uns kurz erzählen, was das Besondere an «Holundermond" ist?

Ich glaube, das Besondere an "Holundermond» ist einmal die Tatsache, dass es zwar ein Kinderbuch (ab 10 Jahre) ist, aber durchaus auch von Erwachsenen gelesen werden kann. Es ist fast zu einem All-Ager geworden.
Ein klassisches Kinderbuch zeichnet sich ja zunächst einmal durch die kindlichen Protagonisten aus, die hat «Holundermond» natürlich auch: Nele und Flavio.
Aber darüber hinaus gibt es auch erwachsene Protas, auf die ich fast genauso viel Gewicht gelegt habe.  Wer sich für Nele schon zu alt fühlt, kann in diesem Roman mit ihrem Vater Jan ganz genauso mitfiebern und  –leiden.
Dazu kommt eine Mischung aus Abenteuer, Mysterie, Krimi und einem Hauch Phantastik, die sogar Jungs zum Lesen bringt. Mein Verlag nannte «Holundermond» einen «Dan Brown» für Kinder. Ich glaube, das trifft es ganz gut.

 

Im August ist «Bitte zweimal Wolke 7» in Coppenraths «Rebella»-Reihe erschienen.
Bitte erzähl uns doch kurz, wer bzw. was «Rebella" eigentlich ist und warum dein Jugendroman so gut in die Reihe passt.

»Rebella« ist ein Label aus dem Hause Coppenrath.
Am besten einfach mal anschauen unter www.rebella.de
Unter diesem Label erscheinen aber nicht nur hübsche Accessoires wie Handtaschen, Notizbücher oder Schminkutensilien, sondern eben auch die »Rebella«-Romane.
»Rebella«-Romane sind jeweils Einzeltitel für Mädchen zwischen 12 und 16, in denen es vor allem um die Liebe, aber auch ums Erwachsenwerden, um Höhen und Tiefen in der Pubertät und um das erste Mal geht.
Coppenrath versucht, mit dem Label »Rebella« und den Büchern dazu eine Lücke zu schließen für die Mädchen zwischen der rosaroten Mädchenwelt und ihren Serien, die ja durchaus auch ihre Berechtigung haben, und der Erwachsenenwelt.
Karo in "Bitte zweimal Wolke 7» steckt richtig drin, mitten in diesem Schlamassel. Sie träumt vom ersten Mal, ohne dass sie wirklich weiß, wie sie das angehen soll. Verhütung und auch die eigene Körperwahrnehmung sind deshalb ein ganz wichtiges Thema im Roman. Dazu kommt die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Platz innerhalb einer nicht mehr heilen (im klassischen Sinne), aber doch eigentlich liebevollen Familie. Karos Eltern leben getrennt und Karo lernt im Lauf der Geschichte, dass die Welt durch Veränderungen zwar anders, aber nicht zwangsläufig schlechter wird. Und dass das Loslassen von alten Vorstellungen und Wünschen oft völlig überraschend neue schöne Momente oder Erkenntnisse beschert.

 

Hauptperson Karo und ihre beste Freundin Kim sind beide 15 Jahre alt, und Karo will vor dem Ende der Sommerferien unbedingt noch ihr erstes Mal erleben.
15 Jahre, das erste Mal – realistisch in der heutigen Zeit?

Ich habe mich vor dem Schreiben recht intensiv mit diesem Thema befasst, hatte Kontakt zu pro familia und auch zum Bundesministerium für Familie und Jugend. Das schon allein deshalb, weil ich erst einmal herausfinden wollte, ob dieses erste Mal vor dem 16. Geburtstag rein gesetzlich überhaupt erlaubt wäre. In den Gesprächen (es ist übrigens erlaubt) wurde mir schnell klar, dass meine Einschätzung sehr realistisch war. Natürlich haben nicht alle Mädchen bereits mit 15 Jahren das erste Mal Sex, aber doch sehr viele. Aus diesem Grund gibt es ja auch die kostenlose Pille bereits für Mädchen ab 14 Jahre.

 

Karo hält sehr lange daran fest, dass der attraktive Stefan der ist, mit dem sie ihr erstes Mal erleben will. Schon der Klappentext deutet an, dass genau der irgendwann nicht mehr so traumhaft schön und unwiderstehlich ist.

Schön bleibt er natürlich schon ;-), aber Karo sieht ihn plötzlich mit anderen Augen.

Karos Pläne sind ja ein wenig ungewöhnlich. Hier geht es am Anfang nicht darum, dass sie verliebt ist und zwar so sehr verliebt, dass sie mit diesem Jungen auch schlafen möchte. Auslöser für ihren Wunsch ist ja eine Wette mit Kim. Und dann sucht sie sich eben sehr gezielt für diese Wette ein in ihren Augen attraktives und passendes Opfer. Es ist abzusehen, dass das so nicht funktionieren kann, zumindest nicht, wenn man auch auf seine eigenen Gefühle hört und die lassen sich nun mal nicht manipulieren.

Stefan interessieren Karos Gefühle überhaupt nicht, ihn interessiert nur ihr Körper und das, was er damit machen könnte. Ich gebe zu, das ist für Karo eine recht harte Erfahrung, die ihr aber auch zeigt, wie wichtig es ist, in Sachen Liebe auch und vor allem auf den Bauch zu hören.

 

Was ist so wichtig am ersten Mal? Und wie wichtig ist es, mit wem man es erlebt?
Glaubst du, dass Jugendliche bei ihrer Wahl wirklich zunächst nur auf das Äußere achten?

Lach – was für eine Frage ;-)
Was ist wichtig am Sex? Warum wird Sex immer und immer wieder zum Thema in der Literatur? In all seinen Facetten?
Vermutlich liegt es mit daran, dass Sex uns ganz auf uns selbst zurückwirft, dass wir Sex nur dann als wirklich schön und befriedigend erleben können, wenn wir hier einfach wir selbst sind, ohne uns zu verstellen oder eine Rolle zu spielen. 

Das erste Mal katapultiert uns in die Erwachsenenwelt, ist fast so etwas wie ein Initiationsritus auf dem Weg ins Erwachsensein. Ich glaube schon, dass diese erste Erfahrung prägend sein kann für unseren weiteren Umgang mit unserer Sexualität. Dadurch, dass dem ersten Mal so viel Bedeutung beigemessen wird, ist es auch oft mit sehr hohen Erwartungen verbunden, die natürlich genauso oft auch enttäuscht werden. Eigentlich wünsche ich jedem jungen Menschen, dass er sich locker und unbefangen auf sein erstes Mal einlassen kann und dass er es vor allem mit einem Menschen erlebt, der ihn nicht unter Druck setzt und ihm die Zeit lässt, die er braucht zum Erwachsenwerden.

Natürlich glaube ich nicht, dass Jugendliche bei der Wahl ihres Partners nur auf das Äußere achten, aber ich habe die Geschichte um Karo und Stefan u.a. deswegen so etwas überspitzt angelegt, um eben zu zeigen, wie hoch die Erwartungen an das erste Mal sein können und wie leicht man sich hier zu etwas drängen lässt, zu dem man so eigentlich noch gar nicht bereit ist.

 

In deinem Roman deutest du neben dem ersten Mal Themen wie Selbstbefriedigung (ganz sacht), Verhütung sowie die Folgen mangelnder Verhütung (deutlich) und Cybersex (ebenfalls deutlich) an.
Gibt es Regeln, wie weit man bei der Beschreibung dieser Themen in einem Jugendroman gehen kann? Wie viel Aufklärung muss man als Autor in dieser Hinsicht bieten?

Ich weiß nicht, ob es wirklich Regeln gibt. Die letzte Instanz ist natürlich mein Verlag bzw. meine Lektorin.
Es gab einige Szenen, in denen ich noch etwas weiter gegangen war als es jetzt tatsächlich im Roman steht, das wurde dann nachträglich vom Lektorat entschärft. So hatte Karo in meiner ersten Fassung durchaus auch erotische Fantasien in Bezug auf ihren Mathelehrer und Stefan hatte die Hand etwas gezielter platziert als «nur» im Oberteil des Badeanzugs.
Eventuell spielt da aber auch von Seiten des Verlags noch ein anderer Gedanke eine wichtige Rolle:

Die «Rebella»-Romane sind ja gedacht für Mädchen ab 12, eher sogar für ältere. Die Rebella Artikel werden aber – und das weiß der Verlag – durchaus auch von viel jüngeren Mädchen, zum Teil von 8- und 9-jährigen gekauft. Das muss man sicher berücksichtigen und eben einkalkulieren, dass diese Rebella-Fans durchaus auch zu dem einen oder anderen Roman greifen, der noch gar nicht für sie gedacht ist.

Zum Thema Aufklärung hat mir meine Freundin Antje Babendererde einmal erzählt,  dass erwachsene Leser ihres Jugendromans «Libellensommer» vor allem kritisierten, dass die eine einzige einschlägige Liebes- und Bettszene der beiden Protas ohne irgendein Wort zu Verhütung stattfand.

Ich habe dieses Buch auch gelesen und für mich hätte jedes Kondom im Text die Romantik dieses Augenblicks zerstört. Hier wird diese Zwickmühle deutlich: Schreibe ich einfach eine wunderschöne Szene wie in «Libellensommer» oder verwende ich das Thema, um ganz nebenbei auch aufzuklären?

Coppenrath hat ja vor den «Rebella»-Romanen ein Aufklärungsbuch herausgegeben: «Von wegen Augen zu und Licht aus». Von daher geht die Tendenz der «Rebella»-Romane auch sehr in diese Richtung: Nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären.

 

Chatten, Cybersex, Online-Communities – Wie wichtig ist es heutzutage für Jugendliche, sich im Internet auszutauschen, online Kontakte zu knüpfen und auch virtuelle Zärtlichkeiten auszutauschen?

Sich im Internet auszutauschen und auch online Kontakte zu knüpfen, ist sehr wichtig für Jugendliche. Ich habe gerade heute meinen Sohn (17) gefragt, wie viele aus seiner Klasse NICHT bei Facebook sind. Seine Antwort: Keiner. Alle sind da.

Das ist erstmal eine Tatsache, der wir Erwachsene uns stellen müssen. Verabredungen werden heute per SMS gemacht, Hausaufgaben im Chatroom besprochen. Das geht bei meinen größeren Kindern übrigens so weit, dass Lehrer per Email Übungsaufgaben schicken oder Stundenplanänderungen im Internet bekanntgegeben werden.

Da ich selbst ein Internet-Junkie bin, gehe ich mit dieser Entwicklung relativ gelassen um. Und virtuelle Zärtlichkeiten auszutauschen, kann durchaus auch schön sein und Spaß machen.

Es wird viel über die Gefahren des Internets, vor allem der Chatrooms geredet, die ich auch gar nicht in Abrede stellen will. Aber ich sehe eben auch die positiven Seiten: Man kann zum Beispiel einen Kuss auch erstmal nur virtuell austauschen und ausprobieren, wie fühlt sich dieser Gedanke bei mir an, was empfinde ich, wenn ich mir das vorstelle. Das bietet die Möglichkeit, einfach erstmal zu testen, mag ICH das, was da passiert, oder geht mir das alles viel zu schnell.

 

Glaubst du, dass dies gefährlich ist? Verlieren Jugendliche den Bezug zur Realität, wenn sie zu viel im Internet unterwegs sind?

Es gibt ja bereits eine Menge Bücher, die auf die Gefahren des Internets hinweisen. Ich kann nur für meine Kinder sprechen, natürlich reden wir auch über die Gefahren. Trotzdem sehe ich, dass sie mit beiden Beinen sehr viel fester in der Realität stehen als so mancher Erwachsene, der sich in den Tiefen der virtuellen Welt verliert. Das liegt vielleicht daran, dass die Kinder heute mit dem Internet groß werden. Ein Leben mit dem Internet gehört heute zur Realität, nur für uns fühlt es sich immer noch ein bisschen an wie eine Parallelwelt.

Ich stelle mir oft vor, man hätte die ersten Telefonbesitzer gefragt, ob nicht ihre persönlichen Gespräche darunter leiden, wenn sie ihre Gesprächspartner vermehrt am Telefon haben.

 

Internetkontakte und virtueller Austausch kommt in vielen Jugendromanen noch etwas kurz, obwohl beides längst zum täglichen Leben dazu gehört.
Woran, meinst du, könnte das liegen?

Das hat meines Erachtens zwei Gründe.
Zum einen ist da natürlich immer noch die Angst der Verlage, etwas ganz selbstverständlich erscheinen zu lassen, das eben auch Gefahren birgt. Vergleichbar vielleicht mit der Zurückhaltung, jugendliche Protas in Büchern Alkohol trinken zu lassen, auch wenn sie es vom Alter her dürften und in der Realität ja auch tun.
Zum anderen macht jedes Gramm Technik einen Roman weniger zeitlos. Deshalb vermeiden wir Autoren das oft gerne, da zu sehr ins Detail zu gehen.
Karo in «Bitte zweimal Wolke 7» besitzt einen iPod. Schon in zwei oder drei Jahren, wenn nicht schon früher, werden die jugendlichen Leser über diesen Begriff stolpern und das Buch als hoffnungslos altmodisch empfinden. Einfach weil diese Dinge sich zur Zeit unglaublich schnell entwickeln und ändern. Es ist einfach ein schriftstellerischer Trick, technisches Zubehör – wo es nicht benötigt wird –  besser etwas außen vor zu lassen, wenn man seinen Roman möglichst zeitlos gestalten möchte.

 

Wie weit ist man als Autor verpflichtet, auf die Gefahren hinzuweisen?
Gibt es Regeln, die Jugendliche im Netz dringend beachten sollten?
Und gibt es etwas, dass du Eltern raten würdest?

Ich tu mich sehr schwer mit dem erhobenen Zeigefinger, und die Rolle, Eltern etwas zu raten, überlasse ich auch lieber anderen. Ich selbst habe meinen Kindern immer einen sehr lockeren Umgang mit dem Internet erlaubt, Internetsperren, Kindersicherungen etc. gab es bei uns nie. Allerdings gab es bei mir auch schon keine Kindersicherungen an Schränken, Türen oder Herdplatten. Schon Laufställchen oder diese Anschnallgurte im Kinderwagen waren mir ein Gräuel.  ;-)
Natürlich haben wir immer mal wieder darüber gesprochen, was man im Internet tun und was man lassen sollte, aber im Grunde ist es wie mit allen anderen Gefahren auch.
Ich halte es da ein wenig mit Astrid Lindgren in «Ronja Räubertochter»:
Pass auf, dass du nicht in den Fluss fällst. Aber wenn du reinfällst, dann musst du eben schwimmen. ;-)
Oder anders gesagt: Statt mit aller Macht zu versuchen, es zu verhindern, dass ihre Kinder ins Wasser fallen, sollten Eltern ihnen lieber das Schwimmen beibringen.

Es gibt aber ein paar sehr gute Bücher, auch Romane, über die Gefahren im Netz. Spontan fällt mir da Antje Szillat ein mit ihrem Buch «Alice im Netz» oder Annette Weber mit «Im Chat war er noch so süß".
Beide Bücher haben durchaus ihre Berechtigung und weisen die Zielgruppe auf die Gefahren, die mit dem Internet verbunden sind, sehr deutlich hin.

Ich selbst sehe mich mehr als Erzähler, denn als Erzieher. Ich zeige Gefahren auf, klar, aber ich sage nicht: Ihr dürft das nicht machen, sonst passiert was ganz Schlimmes. Dazu ist mein Roman, mit dem ich ja unterhalten möchte, einfach das falsche Mittel.

 

Du selbst bist bei Facebook aktiv, unterhältst eine Website und führst nun für deinen neuen Roman ein Online-Tagebuch. Zusätzlich gehst du auf Lesereise.
Wie wichtig ist es als Autor, Werbung für die eigenen Bücher zu machen? Wie präsent muss man für seine Leser – vor allem im Internet – sein?

Zunächst einmal:
Ich mache das nicht, weil ich es wichtig finde, sondern weil es mir sehr viel Spaß macht.

Im Grunde gibt es unter den mir bekannten Autoren zwei Extreme:
Es gibt einen Kai Meyer – einen wunderbaren Kollegen, den ich sehr schätze. Kai ist  sehr aktiv im Internet, sehr dicht dran an seinen Fans, immer ansprechbar via Facebook, Twitter, Mail  etc. Man könnte meinen, der Erfolg gibt ihm Recht, aber ich weiß, dass auch Kai das nur macht, weil er es gerne macht.

Das andere Extrem ist Andreas Steinhöfel. Andreas ist kaum zu erreichen, betritt keine Foren, ist auf keiner der Social Media Plattformen zu finden.
Austausch mit Fans findet so gut wie nicht statt und trotzdem ist er einer der bekanntesten deutschen Kinderbuchautoren.
Ich denke, es gibt kein Richtig oder Falsch, jeder muss das so machen, wie es ihm liegt.
Bekannte Autoren haben natürlich zudem auch das Glück, dass ihre Verlage den Großteil der Werbung für sie übernehmen.
Für weniger bekannte Schreiberlinge bietet das Internet sicher zahlreiche Möglichkeiten, ein bisschen auf sich und ihre Bücher aufmerksam zu machen. Ich finde es toll, diese Möglichkeit zu haben, aber ich akzeptiere auch jeden, der sagt, dass ihm das zu zeitaufwendig ist. Denn Zeit kostet es in jedem Fall.

 

Wie ist eigentlich das Gefühl, laut und vor Publikum aus dem eigenen Buch vorzulesen? Hast du Lampenfieber und bist aufgeregt?

Ein bisschen Lampenfieber habe ich immer. Das gehört dazu und gibt jeder Lesung aber auch die Aufmerksamkeit, die ihr meines Erachtens gebührt.
Grundsätzlich lese ich aber sehr gerne aus meinen eigenen Texten vor.

Ich wäre immer gerne Schauspieler geworden. Als Vorleser oder Geschichtenerzähler kann ich jetzt in ganz viele verschiedene Rollen schlüpfen und bin gleichzeitig mein eigener Regisseur. Eigentlich ein Traumjob.

 

Wie bist du auf die Idee mit dem Online-Tagebuch gekommen? Gibt es dazu eine Auflage vom Verlag, wie viele Details du überhaupt verraten darfst? Was versprichst du dir davon?

Auf die Idee mit dem Online-Tagebuch (http://romantagebuch.blogspot.com) bin ich gekommen, weil ich immer wieder von jugendlichen Lesern gefragt werde, wie ich eigentlich meine Bücher schreibe. Es gibt kein Rezept für einen Roman, jeder Autor hat da so seine eigenen Methoden. Aber ich weiß noch, wie sehr ich anfangs nach den Methoden der anderen geschielt habe und versucht habe, daraus zu lernen. Deshalb dachte ich, es könnte meinen Lesern gefallen, wenn sie mir einmal von Anfang an über die Schulter gucken dürfen. Die Entwicklung eines Romans ist ja eigentlich nur vor dem Roman spannend, im Nachhinein interessiert das niemanden mehr so wirklich.

Ich habe für das Tagebuch bewusst eine Romanidee gewählt, für die es noch gar keinen Verlag gibt, noch nicht einmal einen Interessenten. Deshalb gibt es auch keinerlei Vorgaben, was ich verraten darf und was nicht. Allerdings werde ich schon aus eigenem Interesse keine Details verraten, schließlich möchte ich ja auch, dass mein Buch einmal neugierig gelesen wird.

 

Kommen wir noch einmal auf "Bitte zweimal Wolke 7» zurück.
Was ist dir an «Bitte zweimal Wolke 7» am wichtigsten?

Die Erkenntnis, dass Dinge sich verändern. Und dass es manchmal gut sein kann, sich auf diese Veränderungen einzulassen, weil sie vielleicht ganz neue, viel schönere Wege aufzeigen.
Das trifft für die Entwicklungen in der Pubertät genauso zu wie überhaupt im Leben.

 

Hast du eigentlich eine Lieblingsszene? Wenn ja, verrate uns doch bitte, welche es ist und warum!

Ich habe tatsächlich zwei Lieblingsszenen:
Meine erste Lieblingsszene ist die «Harry Potter»-Szene, als Karos Lateinlehrer plötzlich auftaucht.

Karo versucht ihre Unkenntnis und ihre Unsicherheit ja mit ziemlich flapsigen Sprüchen zu überspielen, aber eine hochgezogene Augenbraue genügt, um sie völlig aus der Fassung zu bringen. Alex so «trocken» reagieren zu lassen, hat mir viel Spaß gemacht beim Schreiben.

Meine zweite Lieblingsszene ist etwas ernsterer Natur:
Das ist der Moment, als Karo sturzbetrunken ihrem Vater in die Arme läuft bzw. er fast über sie fällt. Diese Szene ging mir richtig nah. Dieses Gefühl von Karo, so im wahrsten Sinn des Wortes ganz am Boden zu sein und der Versuch des Vaters, gleichzeitig ein «guter Vater» zu sein, aber auch irgendwo sein eigenes Leben weiterleben zu müssen und zu wollen, all diese Verwirrtheit, diese Ängste, Karos Liebeskummer, ihre Unzufriedenheit mit sich selbst, konzentrierte sich beim Schreiben auf diesen einen kleinen peinlichen Moment.

 

Karo hat ziemlich viel mit sich herumzutragen, denn neben ihrem Wunsch, bis zum Ende der Sommerferien das erste Mal zu erleben, muss sie sich u.a. mit der neuen Freundin ihres Vaters arrangieren.
Warum hast du Karo getrennte Eltern verpasst?

Zum einen ist mir das Thema Scheidung als ehemalige Fachanwältin für Familienrecht immer noch ein wichtiges Thema. Auch Nele im «Holundermond» hat Eltern, die sich gerade getrennt haben ;-)

Zum anderen konnte ich so durch die äußeren etwas verfahrenen Umstände Karos pubertäres Innenleben etwas besser verdeutlichen. Pubertät bedeutet ja auch, dass alles irgendwie durcheinander gerät, sie bedeutet Abschied von der Kindheit und das Suchen nach neuen Wegen. Diese Situation habe ich im Roman sowohl in der Innensicht der Prota, aber auch in ihren äußeren Umständen versucht darzustellen.

 

Wie wichtig ist eine beste Freundin wie Kim?

Eine gute Freundin oder ein guter Freund sind in jedem Alter und jeder Situation wertvoller als Gold.

 

Wenn man Karo genau unter die Lupe nimmt, fällt natürlich recht schnell auf, dass ihre Gefühle Karussell fahren und sie viele Fehler macht.
Ist es wichtiger, dem Leser eine Identifikationsfigur zu bieten, die ähnliche oder dieselben Probleme wie man selbst hat? Oder ist es hilfreicher, eine Figur zu bieten, zu der man Aufsehen und an der man sich vielleicht ein Beispiel nehmen kann?
Oder schließt das eine das andere gar nicht aus?

Das kommt natürlich ein bisschen auf die Geschichte an, die man erzählen möchte. In «Bitte zweimal Wolke 7» war es mir sehr wichtig, den Leserinnen zu zeigen: Ihr seid nicht allein. All diese Ängste, mit denen ihr euch auseinandersetzt, die Zweifel am eigenen Körper, die Sorgen, wie man wohl beim anderen Geschlecht ankommt, die haben andere auch. Und trotzdem man manchmal von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert, kann man auf dem Weg zum Erwachsenwerden viel Spaß haben und es ist ein spannender und schöner Weg. Eine Figur, die immer nur alles richtig macht, die immer toll aussieht und keine Fehler hat, wirkt schnell langweilig und uninteressant. Viel leichter ist es doch, sich an Protas zu orientieren, die im gleichen Schlamassel sitzen wie wir selbst und die uns zeigen: Es gibt einen Weg da raus.

 

Ganz doof gefragt: Wie sahen deine Recherchen für «Bitte zweimal Wolke 7» aus?
Woher weißt du so gut darüber Bescheid, was Mädels mit 15 Jahren beschäftigt?
Könnten auch Jungs Gefallen an deinem Buch finden?

Wenn ihr wissen wollt, ob ich Zungenküsse geübt habe – die konnte ich schon ;-)
Und ansonsten: Ich war auch mal 15. ;-)
Ganz viele von Karos Erfahrungen sind auch meine eigenen.
Dann habe ich neben meinen vier Jungs ja auch eine Tochter (20), die ich mehr oder weniger durch ihre Pubertät begleitet habe. Ich glaube, die Kunst aller Kinder- und Jugendbuchautoren ist einfach, nicht zu vergessen, wie sie als Kinder und Jugendliche gefühlt, gelebt, geliebt und gedacht haben. Dann muss man es eigentlich nur noch aufschreiben.
Das Chatten habe ich gelernt, als ich meinen jetzigen Mann in den Tiefen des Internet aufgestöbert habe.  ;-)
Latein war eins meiner Lieblingsfächer in der Schule, hier musste ich nicht viel recherchieren, ich hatte sogar Latein Leistungskurs.
Recherchiert habe ich ein wenig zum gesetzlichen Hintergrund und zur Verhütung ab 14, sowie zum Tauchkurs. Hier hat mir eine liebe Kollegin, die leidenschaftliche Taucherin ist, wertvolle Tipps gegeben.
Ob Jungs auch Gefallen an meinem Buch finden können, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Vielleicht, wenn sie wissen wollen, wie Mädchen ticken.
Schade ist, dass ich tatsächlich einen Pubertätsroman im Stil von «Bitte zweimal Wolke 7» in der Schublade liegen habe, den ich speziell für Jungen geschrieben habe und den bisher kein Verlag machen wollte. Das Argument der Verlage: Jungs kaufen und lesen keine Bücher, in denen es um die Liebe geht. Es existiert in den Augen der Verlage also keine Zielgruppe für einen solchen Roman. Als Mutter von vier Söhnen finde ich dieses Denken sehr schade, denn letztendlich wird es auch nie eine Zielgruppe geben, wenn es erst gar kein Angebot gibt.
Trotzdem hat mir das Manuskript zu meinem Jungenroman immerhin die Anfrage nach den Rebella-Romanen eingebracht.

 

Sollte jeder Jugendliche deiner Meinung nach einen Aufklärungsratgeber zur Hand haben? Was glaubst du, wo sich heutzutage die Jugendlichen ihre Informationen holen?
Wie wichtig sind in dieser Hinsicht die Eltern?

Ein Aufklärungsratgeber ist natürlich eine feine Sache, vor allem, wenn er mit dem Thema so offen und locker umgeht, wie der Ratgeber von Coppenrath.
Ansonsten bietet Aufklärung immer noch ganz klassisch die BRAVO – das war zu meiner Zeit schon so und hat sich nicht viel geändert. Darüber hinaus holen sich Jugendliche ihre Informationen heute ganz klar aus dem Internet, aber sicher auch aus dem Fernsehen oder aus Romanen wie «Bitte zweimal Wolke 7» oder auch vielen anderen Büchern, in denen es um die Liebe und das erste Mal geht.
Ich glaube, nach meiner eigenen Erfahrung als Kind und später auch als Mutter, dass die Rolle der Eltern beim Thema Aufklärung überschätzt wird.
Klar ist es schön, wenn man Eltern hat, mit denen man über alles offen sprechen kann. Aber ganz ehrlich: Wer möchte darüber schon mit seinen Eltern reden? Viele Jugendliche empfinden das Thema Sex in Verbindung mit ihren Eltern oft eher als peinlich. Sie wollen mit der Vorstellung, dass auch ihre Eltern noch Sex haben könnten, gar nicht so unbedingt konfrontiert werden und das sollte man einfach respektieren.

 

Du arbeitest bereits an einem weiteren Buch für die «Rebella»-Reihe. Darfst du uns schon etwas darüber verraten?

Ich darf sicher schon, aber ich möchte eigentlich gar nicht so viel verraten.
Vielleicht nur das:
Diesmal wird die Prota eine ganz andere, sehr eigene Einstellung  haben. Vom Thema «erstes Mal» und Liebe ist sie zunächst einmal meilenweit entfernt. Aber oft kommt es ja im Leben ganz anders, als man denkt.

 

Was liest du selbst eigentlich in deiner Freizeit? Hast du ein Lieblingsbuch?

Ich lese überwiegend Kinder- und Jugendbücher, einfach, weil es so viele tolle Bücher gibt. Ein einziges Lieblingsbuch habe ich nicht, eher eine ganze Liste von Lieblingsbüchern. Dazu gehört unbedingt «Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel, dass ich gerade zum 5. oder 6. Mal gelesen habe. Ich liebe die Bücher von Antje Babendererde, die Krimis von Kevin Brooks, habe "Numbers" von Rachel Ward verschlungen und "Arkadien" von Kai Meyer. Eigentlich bin ich also offen für fast alles – nur die Vampire gingen völlig an mir vorbei.

 

Hast du das Glückskekse-Rezept, das am Ende von "Bitte zweimal Wolke 7" abgedruckt ist, eigentlich selbst ausprobiert?

Ja klar. Mit meinen Kindern.
Allerdings haben wir nicht wirklich Glückssprüche, sondern eher richtig böse Sprüche darin versteckt ;-)

 

Hast du einen Lieblingsspruch?

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume!

 

Bezogen auf all deine Bücher: Gibt es vielleicht etwas, auf das du besonders stolz bist, das aber in noch keiner Rezension wirklich gewürdigt wurde? Oder etwas, auf dass du unbedingt hinweisen möchtest?

Stolz bin ich auf meine Familie, die meinen Traum, Kinderbücher zu schreiben und zu veröffentlichen, von Anfang an unterstützt und nie in Frage gestellt hat.
Und das ist eigentlich auch das, was ich allen mit auf den Weg geben möchte:
Glaubt an eure Träume. Nehmt sie ernst und stellt sie niemals in Frage. Dann könnt ihr sie auch leben.

 

Und noch eine letzte Frage:
Gibt es eine Frage, die du schon immer gern in einem Interview gestellt bekommen hättest, die bisher aber nie aufgetaucht ist? Wenn ja, wie lautet diese Frage und bitte verrate uns doch auch die Antwort darauf.

Ja, die Frage lautet:
Liebe Jutta, dürfen wir dir mal eine Putzfrau, einen Chauffeur, einen Hausaufgabenbetreuer, einen Koch und einen Gärtner vorbeischicken?
 – Ja, gerne. Vielen Dank! Ein Masseur wäre auch noch nett. :-)

 

Liebe Jutta, vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast! :)

Ich sage danke. Das Interview hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht!

 

 

Corinna Abbassi-Götte

Oktober 2011


nach oben

Inhalte von www.jugendbuch-couch.de:

über die Jugendbuch-Couch: