Die Rabenringe - Odinskind von Siri Pettersen

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Ravneringene - Odinsbarn, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Arctis , 656 Seiten. ISBN 978-3038800132.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Julian Hübecker: »Nur Dummköpfe entscheiden sich für eine Seite. Steh auf deiner eigenen Seite, dann lebst du länger.«

Hirka ist nicht wie andere Ymlinge, denn ihr fehlt ein Schwanz und die Fähigkeit, zu Umarmen. Daher wusste sie immer, dass sie anders ist, vor allem, da sie von anderen Kindern immer als »schwanzlos« beschimpft wurde. Doch wie anders sie ist und wie einsam dies machen würde, darauf konnte sie keiner vorbereiten. Erst als sie zum jährlichen Ritual dem mächtigen Rat gegenübersteht, wo sie auf ihre Fähigkeit geprüft werden soll, erfährt sie, welcher Gefahr sie sich stellen muss.

Wie der Aberglaube eines Reiches zum eigenen Untergang werden kann

In Ymsland geht alles seinen geregelten Gang: Die Ymlinge, menschenähnliche Wesen mit einem Schwanz, verteilen sich auf elf Reiche, wo sie keinem als dem Rat und dem Seher Rede und Antwort stehen müssen. Das Zentrum der fiktiven Welt bildet die Hauptstadt Mannfalla, deren Stadtteil Eisvaldr das Machtzentrum darstellt. Hier sitzt der Rat aus zwölf Köpfen, der das Reich verwaltet und die Befehlsgewalt über die Schwarzröcke hat, jene unsichtbar agierenden Assassinen, die für Ymsland jagen und töten.

In dieser Welt wächst Hirka bei ihrem Vater in einer Hütte in Elveroa auf, wo sie sich auf Kräuter und Tinkturen verstehen, die sie den Dorfbewohnern verkaufen. Sie führen ein einfaches Leben und halten sich größtenteils aus den Belangen anderer Ymlinge heraus. Denn Hirka ist anders als andere: sie hat keinen Schwanz. Dieser soll bei einem Wolfsangriff abgebissen worden sein. Doch nicht nur das unterscheidet sie von anderen Ymlingen. Sie besitzt auch nicht die Fähigkeit des Umarmens. Diese hat nichts mit dem körperlichen Umarmen zu tun, sondern zeigt sich in unterschiedlichen Talenten, wie dem Steinflüstern. Doch eines Tages erfährt Hirka die schreckliche Wahrheit: Sie ist kein Ymling, sondern ein schwanzloses Wesen, Odinskind oder Mensk genannt, das die Fäulnis in sich trägt. Von vielen als Mythos und Schauergeschichte für unartige Kinder angesehen, ist sie nun eine Gefahr für das ganze Reich und insbesondere für den Rat.
Von jetzt an befindet sie sich als Aussätzige auf der Flucht, auf der Suche nach Verbündeten.

Ein potentieller Kandidat wäre da Rime, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist. Doch ausgerechnet er ist der Enkel der mächtigsten Frau des Reiches, die ebenfalls einen Sitz im Rat innehat. Kann sie ihm wirklich trauen? Schließlich will Rime alles, aber nicht dem Rat beitreten. Denn dieser ist nicht so heilig und allwissend, wie er den Bewohnern Ymslands weismachen möchte. Vor allem seit dieser einen Feind in den eigenen Reihen aufgenommen hat – und der ist eine noch viel größere Bedrohung für Hirka.

Ein fantasievolles Epos, die die ganze Aufmerksamkeit des Lesers erfordert

Mit dem Auftakt der Rabenringe-Trilogie entführt Siri Pettersen in eine komplett neue Welt, die durch ihren nordischen Touch verzaubert. Mit ihrem Ideenreichtum sieht man sich einer fremden Kultur konfrontiert, die den Einstieg jedoch schwierig macht. Es ist ein Buch, auf das man sich aufgrund seiner Komplexität völlig einlassen muss, dann jedoch mit seiner Wucht überzeugt.

Obwohl Pettersen sehr flüssig schreibt und die Kapitel sehr kurz sind, fordert sie doch den Leser heraus und verlangt Konzentration, um die Zusammenhänge und Figuren im Hinterkopf zu behalten. Tatsächlich fühlt sich das erste Drittel wie eine lange Einleitung an, die den Lesegenuss ausbremst. Bevor die Geschichte also in Fahrt kommt, muss der Leser vor allem mit Hirkas und Rimes Gedanken- und Gefühlswelten vorliebnehmen, die regelmäßig wiederholt werden. So hadert Hirka verständlicherweise damit, dass sie ein Odinskind ist, was in Ymsland einer Krankheit gleichkommt.

Beim ersten Mal lesen hat man es zur Kenntnis genommen, beim zweiten Mal verinnerlicht, doch ab dem dritten Male wird es nervig, immer wieder zu lesen, dass Hirkas Vater nicht ihr leiblicher ist, oder dass sie ja eigentlich nicht in diese Welt gehört, da sie nur Verdammnis bringen wird. Ungeachtet dessen glänzt das Buch vor allem durch seine unterschiedlichen Charaktere, die detailreich und lebendig geschaffen wurden. Dabei kommen bis zuletzt immer neue Protagonisten hinzu und bereichern die Geschichte ungemein. Vor allem darin liegt wohl die Stärke um »Odinskind«: Man hat keine Erwartungen, wohin sich die Handlung entwickelt, da mit jeder Seite eine neue Überraschung auftauchen kann, die eine verblüffende, manchmal sogar schockierende Wendung nimmt. Dabei geht es nicht nur um das Schicksal von Hirka, sondern auch um politische Machtspiele, die Kultur und den Ursprung von Irrglauben.

Das Ende des Buches kann als Abschluss hingenommen werden. Doch das macht es umso spannender zu überlegen, auf welche Reise Band 2 und 3 den Leser mitnehmen werden. Da die Erscheinungstermine bereits feststehen, ist das Warten erträglicher. Denn die Geschichte wird sich mit Sicherheit zu einem Epos ausweiten.

Fazit:

»Odinskind« ist nicht für Einsteiger gedacht, da sich dem Leser die Komplexität der Welt erst nach und nach enthüllt. Wer sich daran traut, den erwartet viel Fantasie, Originalität und Schöpferkraft, die einzigartig ist.


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