City of Thieves von Natalie C. Anderson

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel City of Saints and Thieves, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei dtv , 400 Seiten. ISBN 3423740337.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Julian Hübecker: Wenn du ein Dieb sein willst, musst du als Erstes begreifen, dass es dich nicht gibt.

Rache – das ist es, was Tina antreibt. Denn vor fünf Jahren wurde ihre Mutter erschossen, und der mutmaßliche Mörder sitzt in seiner gigantischen Villa. Während er im Geld schwimmt, muss Tina sich durch die Straßen Kenias kämpfen und sich als Diebin verdingen. Als der Tag der Abrechnung endlich gekommen ist, kommt sie einer schrecklichen Vergangenheit auf die Spur.

Ein Mädchen auf der Suche nach der Wahrheit, die jedoch brutaler ist, als sie es je für möglich gehalten hätte

Natalie C. Anderson beschäftigt sich mit der Frage, was die größte Antriebskraft eines Menschen ist, der alles verloren hat. Dabei gilt es nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern den Anderen völlig zu vernichten. Das Stichwort ist »Rache«. Bereits der Graf von Monte Christo hat uns gelehrt, wie langwierig ein Rachegedanke geplant sein muss, bis er verwirklicht werden kann. So dauert es 5 Jahre, bis die jugendliche Protagonistin Tina beginnen kann, ihren umzusetzen. An dieser Stelle beginnt der Roman.

In »City of Thieves« findet man sich auf den Straßen von Sanguin City wieder, einer fiktiven Stadt in Kenia, die nach Angabe der Autorin eine Mischung aus Nairobi und Mombasa darstellen soll. Dort lebt Tina unter den Goondas, einer Straßenbande, die sie vor fünf Jahren aufgelesen haben. Big Eye, der sie fand und unter seine Fittiche nahm, lehrt sie seitdem, was man wissen muss, um als Diebin auf der Straße zu überleben. Die Umstände waren dramatisch: Sie und ihre jüngere Halbschwester Kiki mussten fliehen, da ihre Mutter in der Villa von Mr. Greyhill ermordet wurde. Mr. Greyhill ist ein reicher Geschäftsmann, der mit Gold und anderen Rohstoffen handelt und eine Affäre mit Tinas Mutter pflegte, aus der Kiki entstand. Da Tina einen Tag vor dem Verbrechen einen Streit zwischen Mr. Greyhill und ihrer Mutter mit anhören musste, in dem er dieser mit dem Tod drohte, flüchtete sie nach deren Ermordung mit ihrer Schwester. Es gelingt ihr, Kiki in einer Nonnenschule unterzukriegen, während sie ihren Plan, Mr. Greyhill zu ruinieren, mit Hilfe der Goondas in die Tat umsetzt. Der Plan sieht vor, in sein Anwesen einzusteigen, die Daten von seinem Computer zu stehlen und damit all seine Konten leerzuräumen, sowie Beweise für seine unsauberen Geschäfte zu finden. Doch etwas geht schief, denn Michael, der Sohn von Mr. Greyhill, mit dem Tina aufgewachsen ist, überrascht sie. Bestürzt über Tinas Plan überredet Michael sie, die Wahrheit herauszufinden, und beide kommen einem dramatischen Lebensweg auf die Spur.

Über die Dramatik einer fiktiven Geschichte, die auf realen menschenverachtenden Ereignissen beruht

In seiner Gesamtheit war das Buch hervorragend ausgearbeitet, da es vor allem mit Atmosphäre glänzen konnte. Man erlebt das Leben in Kenia und im Kongo, wo die Straßen und vor allem die kleineren Dörfer von Milizen kontrolliert und unterdrückt werden. Es herrscht Waffengewalt, Entführungen sind an der Tagesordnung und Frauen werden, nachdem man ihre Familien beseitigt hat, zu schlimmerem gezwungen. Dadurch, dass die Autorin bereits in Ostafrika in der Flüchtlingshilfe gearbeitet hat, führt sie dem Leser die Zustände in diesen beiden Ländern klar vor Augen. Es sind jedoch nicht nur Orte der Armut, sondern auch der Zufriedenheit und Lebensfreude, die den Menschen nicht abhandenkommt. Man merkt, dass Anderson versucht hat, beide Seiten einzufangen.

Besonders beeindruckt hat mich, dass die Autorin es geschafft hat, das Gute und Böse verschwimmen zu lassen. Selbst wer an solchen Orten Gutes tun möchte, sieht sich oft gezwungen, Verwerfliches zu tun, um andere zu beschützen. Es sind Orte, die reich an Bodenschätzen sind und das Potenzial haben, zu etwas Positivem heranzuwachsen, jedoch zu sehr unter dem Einfluss von Korruption stehen. Welche Chance kann da ein jugendliches Mädchen schon haben? Keine große. Dennoch geht es um den täglichen Kampf ums Überleben und um Gerechtigkeit, die so viele Menschen in diesen Gebieten verdient haben und vermutlich nie erfahren werden.

Den einen Punkt in meiner Bewertung habe ich für fehlende Charakterstärke abgezogen. Zwar mochte ich Tina recht gerne und konnte ihre Handlungen oft nachvollziehen, doch hat sie mich nicht komplett abgeholt. Obwohl sie Schreckliches durchmachen musste, habe ich nicht immer mit ihr mitfühlen können. Dies lag nicht an fehlender Tragik, sondern an der eher eindimensionalen Porträtierung des Charakters. Dagegen hat mich die Geschichte ihrer Mutter, die nach und nach offenbart wurde, geschockt und wütend zugleich zurückgelassen. Dass solche Menschenrechtsverletzungen heutzutage noch möglich sind, macht mich sprachlos, vor allem, da es laut der Autorin in diesen Ländern an der Tagesordnung liegt.

Fazit:

Es ist ein Buch, dessen Spannung unterhalten soll. Doch gleichzeitig regt es zum Nachdenken an, da ähnliche Geschichten Teil des Lebens in den betroffenen Ländern sind. Trotz teils schwacher Charaktere ein überzeugender Roman, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt.


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