Zartbittertod von Elisabeth Hermann

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel Zartbittertod, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei cbj / cbt , 480 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Andreas Kurth: Lehrstunde zur Geschichte auf die harte Tour

Im kleinen Meißen an der Elbe betreibt die Familie von Mia Arnholdt ein Ladengeschäft und eine Schokoladen-Manufaktur. Die Chocolatiersfamilie hat es schwer im Kampf gegen die großen Konzerne, die zu ganz anderen Kosten große Stückzahlen produzieren können. Mia hat sich entschlossen, Journalistik zu studieren, denn ihr älterer Bruder soll das Geschäft übernehmen. Für die Journalistenschule muss sie eine Recherche-Aufgabe bewältigen – die Geschichte eines Familienfotos ist zu erforschen. Ihre Wahl fällt auf das Bild mit ihrem Urgroßvater Jakob, der aus Namibia stammt.

Der bereits 93-jährige Sohn von Gottlob Herder, der neben Jakob auf dem Foto zu sehen ist, lädt Mia sofort nach Lüneburg ein, als sie ihn anruft. Doch als sie dort ankommt, ist der Senior der Fabrikanten-Familie plötzlich tot. Angeblich ist er bei einem Unfall die Treppe hinab gestürzt. Will, jüngster Spross der Familie, lädt Mia zum Bleiben ein, und die ist entschlossen, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Warum nahm Gottlob Herder den schwarzen Jungen mit zurück nach Deutschland? Warum wollte Mias Mutter nicht, dass sie zu den Herders überhaupt Kontakt aufnimmt? Steckt die Lösung in alten Unterlagen auf dem Dachboden, die Wills Opa Mia offenbar zeigen wollte?

Grausames Bild von Krieg, Rassenhass und Völkermord

In Elisabeth Hermanns Krimi »Zartbittertod« geht es eher am Rande um die Produktion leckerer Pralinen. Es geht vielmehr um große Gefühle, um familiäre Bande, aber auch um die düstere Kolonial-Vergangenheit Deutschlands. Mit diesem weitgehend unbeachteten Kapitel deutscher Geschichte hat sich Elisabeth Hermann einen durchaus spektakulären Hintergrund für ihren spannenden Roman gesucht. Und das liegt ihr sehr am Herzen, denn die Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika findet in den Lehrplänen der deutschen Schulen kaum statt, wie die Autorin anhand der Unwissenheit von Mia deutlich macht.

Elisabeth Herrmann beschreibt keine Kampfhandlungen, aber sie lässt die düstere Realität durch Tagebuch-Einträge und Zitate lebendig werden. Die Autorin zeichnet ein grausames Bild von Krieg, ungezügeltem Rassenhass und skrupellosem Völkermord. Und es wird deutlich, wie verbittert die Nachfahren der wenigen Überlebenden des Herero-Volkes sind, weil in Deutschland dieser Völkermord erst nach mehr als einem Jahrhundert als solcher anerkannt wurde.

Überraschung und Entsetzen wirken bei Will und Mia echt

In der Geschichte kommen mit Mia Arnholt, Will Herder und Emily Shipanga Arnholt drei Nachfahren von Gottlob Herder und Jakob Arnholt vor, die ihre gemeinsame Familiengeschichte anhand von Fotos und alten Aufzeichnungen ergründen. Aktiv sind dabei allerdings nur Mia und Will, Emily ist vor allem empört über die Unwissenheit der Deutschen im Hinblick auf ihre Kolonial-Geschichte in Südwest-Afrika.

Mit den kleinen Schritten, die das Duo bei seinen Nachforschungen macht, baut Elisabeth Hermann viel Spannung auf.

Als Leser will man irgendwann wissen, wie es weitergeht, und was die jungen Leute über die Vergangenheit noch so alles herausfinden. Überraschung, Scham und Entsetzen wirken bei Will und Mia durchaus authentisch. Beide hatten keine Ahnung, welche düsteren Geheimnisse in der Vergangenheit ihrer Familien zu finden sind.

Elisabeth Hermann will, dass die Leser genau hinschauen

Neben den spannenden und gefährlichen Recherchen zur Familiengeschichte gibt es Morde und lebensgefährliche Situationen, die Mia fast dazu bringen, ihre Mission abzubrechen und nach Meißen zurückzukehren. Insbesondere die Episode mit dem Maskenmann, der sie auf dem Dachboden der Herderschen Villa attackiert, setzt ihr gewaltig zu.

Mit »Zartbittertod« verbindet Elisabeth Hermann eine leidenschaftliche Bitte. Im Nachwort appelliert sie an ihre Leser: »Kümmert euch! Seht hin! Fragt nach! Woher kommt euer Essen, woher kommt eure Kleidung? Können Menschen davon leben oder werden sie wie Sklaven gehalten?«

Sie sei sonst nicht so moralisch, bekennt die Autorin, aber dieses Buch habe auch in ihr etwas ausgelöst.

Deshalb wünscht sie sich, dass die Kolonialzeit und Deutschlands Rolle darin in den Schulen mehr zum Thema gemacht werden. Wer diesen spannenden und bei aller Nachdenklichkeit unterhaltsamen Roman gelesen hat, wird diesen Wunsch der Autorin verstehen – und vielleicht auch unterstützen.

Fazit:

Ein durchweg spannender, gut recherchierter Geschichts-Thriller, der nicht nur gut unterhält, sondern vielmehr nachdenklich und neugierig macht auf die deutsche Kolonialgeschichte, die noch gar nicht so lange zurück liegt.


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