Vampire und andere Geschöpfe des Zwielichts

 

den richtigen Nerv getroffen

Natürlich gab es schon vor Stephenie Meyers »Twilight«-Saga Vampirromane!
Und natürlich gab es schon vor »Twilight« den attraktiven Vampir-Helden. Die Zeiten, in denen der Vampir als reine Horrorgestalt herhalten musste und es darum ging, ihn zu vernichten, sind schon lange vorbei.
Warum also ausgerechnet der Hype um »Twilight«? Warum Vampire?
Vielleicht brauchte die Leserschaft nach Zauberlehrlingen und Drachen eine neue Kreatur zum Anschwärmen! Demnach kam »Twilight« mit den attraktiven Cullens genau zur richtigen Zeit und hat den Romantik-Nerv der weiblichen Leserschaft voll getroffen. Alle romantischen Vampirromane, die es schon vorher gegeben hat, mussten plötzlich dem Vergleich standhalten und sich hin und wieder sogar ein wenig leidvoll die Bezeichnung »Abklatsch!« gefallen lassen.


Twilight

Fast alle Leserinnen haben sich doch irgendwie in Bella Swan wiedergefunden, und ebenso viele – Hand aufs Herz! – träumen seitdem doch von einem übermenschlich attraktiven, gefährlichen aber fürsorglichen, also einfach perfekten Partner à la Edward Cullen. Und wenn nicht wie einer der Cullens, dann alternativ vielleicht wie einer der Werwölfe? »Team Jacob« wird seit der Verfilmung von »New Moon« immer größer.
Hübsche Gesichter beeinflussen. Mehr als das faszinieren jedoch gut erzählte, mitreißende  Geschichten, in denen die Liebe nicht zu kurz kommen darf. Die »Twilight«-Saga bietet in dieser Hinsicht alles, was das Herz begehrt. Und da der Hype nicht abzuflauen scheint, tauchen immer mehr Vampirromane auf, natürlich.
Wir wären enttäuscht, wenn es anders wäre, denn nach viermal »Bella & Edward« muss doch dringend neues Lesefutter her – neue Vampire, neue Liebende, neue Intrigen, neue Gefahren, neuer Schmerz.  


Vampire Diaries

Und so wurden die »Vampire Diaries« von Lisa J. Smith wieder aus der Schublade gezogen. Diese Reihe kann es meiner Meinung nach schriftstellerisch nicht mit der wunderbaren Erzählweise Stephenie Meyers aufnehmen, als TV-Serie bietet sie jedoch seit Januar 2010 beste Unterhaltung: Zwei Vampirbrüder, einer gut, einer böse, buhlen um ein Mädchen, das seine Eltern verloren hat. Im Vergleich zu den Cullens ernährt sich der böse Vampirbruder hier keineswegs vegetarisch, was überaus erfrischend ist.
Drama, Liebe, Gefahr, Intrige, Herzschmerz, Horror – die Serie bietet alles, was die vampirbegeisterte Leserschaft wünscht. 


Highschool, College und Internat

»The Immortals« (von Melissa de la Cruz), die »Vampire Academy« (von Richelle Mead), »Die Erben der Nacht« (von Ulrike Schweikert), das »Haus der Vampire« (von Rachel Caine), Lynn Ravens Dämonen-Bücher …
Sie alle werden gelesen und geliebt, und meist geht es um junge Leute, die sich in der heutigen Zeit wahlweise mit der einzigen, wahren Liebe, dem Highschool-/ College-/ Internats-Leben, den Gepflogenheiten der High Society, gefährlichen Gegnern oder einfach mit dem Erwachsenwerden herumschlagen müssen.


House of Night

Ein wenig anders ist da sicherlich die »House of Night«-Reihe von P.C. und Kristin Cast.
Vor recht unspektakulären Internatshintergrund ist ganz klar neu, dass die Vampirgesellschaft hier von Frauen dominiert wird und die Vampire wie Menschen wirken. Die Heldin strebt nicht nur auf ein normales Vampir-Dasein zu, sie ist eine Auserwählte, verfügt über besondere Fähigkeiten und ist damit ihren männlichen Kollegen überlegen.   


Erste Übersättigungserscheinungen?

Überall stößt man auf Vampirbücher, und mittlerweile sieht man doch den ein oder anderen genervten Blick eines Buchkäufers beim Anblick dieser Schwemme.
Die ersten Übersättigungserscheinungen? Schwindet der Hype?
Ist der Vampir plötzlich nicht mehr faszinierend? Wird es langweilig, Edward Cullen als Maß aller Dinge zu betrachten und jeden anderen Vampirroman mit »Twilight« zu vergleichen?
Was auch immer mit dem Vampir als Objekt der Schwärmerei geschehen wird, sicher ist, dass die Leserschaft langsam neue Helden braucht. Und hier lohnt ein Blick auf andere Völker.

neue Helden

Dämonen, Werwölfe, Geister, Unsterbliche, Engel, Gestaltwandler …
Die Fantasy und vor allem die Geschöpfe des Zwielichts bieten wirklich alles, was das Leserherz begehrt. Anbetungswürdige Helden, starke Heldinnen, romantisch-gefährliche Geschichten.

Nicht weit von den Vampiren findet man in Cassandra Clares »Chroniken der Unterwelt« den anbetungswürdigen Dämonenjäger Jace und die selbstbewusste Clary, und mit ihnen eine Liebe, die nicht sein darf in einem Kampf zwischen Gut und Böse.

Man findet in Kai Meyers »Arkadien erwacht« Rosa Alcantara und Alessandro Carnevare, die sich trotz der erbitterten Feindschaft ihrer Clans ineinander verlieben und schließlich versuchen, das Geheimnis ihrer Art zu ergründen.

Man findet in Alyson Noels »Evermore – Die Unsterblichen« den mysteriösen Damen, der den paranormalen Lärm um die tief verletzte Ever zum Verstummen bringt.

Man findet in Kerstin Giers »Rubinrot« die völlig normale Gwendolyn, die dummerweise das Zeitreise-Gen geerbt hat und an der Seite des sympathischen Gideon durch die Zeit reist.

Man findet in Jenny-Mai Nuyens »Rabenmond – Der magische Bund« das Ruinenmädchen Minon und Lyrian, den Sohn des Tyrannen von Wynter, deren Liebe nicht nur durch ihre unterschiedliche Herkunft sondern durch Machtgier und Intrigen überschattet wird.

Man findet in Isabel Abedis »Lucian« die Schülerin Rebecca und den geheimnisvollen Lucian, die sich zueinander hingezogen fühlen und schließlich hinter das unglaubliche Geheimnis seiner Herkunft kommen.

Man findet … unendlich viel!


Engel sind die neuen Vampire

Romantischen Lesestoff gibt es wirklich genug, und ich persönlich glaube fest daran, dass Engel die neuen Vampire sind!
Doch eigentlich spielt es keine Rolle, ob es um Engel, Vampire oder andere Kreaturen des Zwielichts geht. Wichtig sind vielmehr große Gefühle, menschliche Abgründe, tödliche Gefahr, finstere Geheimnisse, Intrigen und Drama, Mut und Ehre, facettenreiche und authentisch handelnde  Charaktere, eine komplexe, gut durchdachte und schön erzählte Geschichte … Ein wenig »Romeo und Julia« oder »Aschenputtel« ist übrigens ebenfalls nie verkehrt.
Falls Vampire also langweilig werden, der Sinn aber nach romantischer Fantasy steht: Keine Sorge, Auswahl gibt es genug!

 

Corinna Abbassi-Götte

Februar 2010


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