Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow von Rainbow Rowell

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Carry on, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei dtv , 528 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: Ein mächtiger Zauberer – und eine tragische Figur zugleich

Simon Snow besucht ein berühmtes Internat für Zauberei, das in einem weitläufigen Park mitten im Nirgendwo liegt. Es ist ein geheimer Ort und nur den Magierin bekannt, »Normalen« bleibt das altehrwürdige Gemäuer verborgen. Simon fühlt sich nur hier zuhause. Er sehnt sich nach den Ferien immer wieder zurück nach »Watford«. Sonst kennt er als Zuhause nur Waisenhäuser, in denen er aufgewachsen ist. In Watford ist er auch mit seinen beiden einzigen Freundinnen zusammen: zu Agatha hält er eine eher schwebende Liebes-Beziehung, zu Peneplope hat er eine weit stärkere Bindung; sie ist seine engste Vertraute. Penelope ist überdurchschnittlich clever, durchsetzungsfähig und offensichtlich die klügste Jung-Magierin der Schule.

Ansonsten hat Simon kaum Bindungen. Er ist der »Auserwählte« und eher ein Außenseiter. Sein Protegé, der oberste Magier und der Schulleiter in einer Person, bleibt auf unerklärliche Weise distanziert. Warum er Simon in den Ferien – in denen alle zu ihren Familien zurückkehren können – in ein immer neues und schrecklicheres Heim abschiebt, ist Simon ein Rätsel und der Beweis, dass der Magier nicht wirklich seine Nähe sucht.

Durch die vermeintlich fragwürdigen politischen Position, die der Magier einnimmt, den Zugang nach Watford nicht nur den »alten Zauberer-Familien« zu gestatten, sondern auch anderen magischen Wesen, ist er in einflussreichen Kreisen höchst umstritten – und auch Simon wird mit Argwohn betrachtet.

Nach einem buchstäblich krachenden Einstieg – Simon jagt ausversehen einen Kobold in die Luft, der ihm (wieder einmal) an den Kragen will – kehrt unser Zauberlehrling nach den Sommerferien an seine Schule zurück. Und wird sogleich von Penelope mit einer unbequemen Erinnerung konfrontiert: Im »schwankenden Wald« hat es Wochen zuvor eine sehr unerfreuliche Entdeckung für Simon gegeben; er hat beobachtet, wie Agatha ausgerechnet mit Simons absoluten Erzfeind Händchen hält.

Wo wir so langsam aber sicher bei der eher überraschenden und unterhaltsamen Wendung des Romans angekommen sind, nämlich bei Baz. Simon und er sind vom »Schmelzkessel« – der die Zimmergemeinschaften zu Beginn der Schulzeit festlegt – dazu verdammt, sich ein Zimmer zu teilen. Ein sehr schönes Zimmer in einem alten Turm. Wäre Baz nur nicht in Wahrheit ein Vampir – was Simon aber leider noch nicht gelungen ist zu beweisen – und würde er nicht nach Simons Leben trachten. Simon hasst Baz mit so einer Leidenschaft, dass alle anderen um ihn herum schon weghören, wenn Simon seine Hasstiraden loslässt.

Schon grimmig auf Baz’ Ankunft vorbereitet, wartet Simon in diesem Jahr aber vergeblich darauf, dass er von seinem sarkastischen Zimmergenossen heimgesucht wird. So stellt Simon allerlei Nachforschungen an und erhebt Vorwürfe gegen Baz. Aber es scheint, dass sich außer ihm keiner große Gedanken macht. Was Simon erst recht verdächtig vorkommt und die anderen umso genervter das Weite suchen, wenn Simon davon berichtet.

Dabei haben Simon und Penelope ganz andere Sorgen, denn es herrscht seit Jahren Krieg in der magischen Welt. Es schwelt ein alter Konflikt, doch die wahre Gefahr kommt von dem »Hinterhältigen Schatten« der immer größere Löcher in die magische Atmosphäre reißt. Wo immer ein solches Loch entsteht, kann keine Magie mehr wirken. Es ist ein für Magier toter Ort.

Der große Magier ist seit Jahren auf der Suche nach einer Lösung, um den Schatten ein für alle Mal loszuwerden. Allen voran soll ihm Simon dabei helfen, er ist der mächtigste Zauberer, wie in einer Prophezeiung vorausgesagt wurde.

»Der größte Magier. Der Auserwählte. Die Macht der Mächte. Es ist immer noch eine merkwürdige Vorstellung, dass ich derjenige sein soll...«

Sagt Simon in einer der wechselnden Perspektiven dieses Romans. Tatsächlich ist er sehr mächtig; da, wo er loszaubert, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Viele andere Zauberer fürchten ihn, vor allem, weil er mit dieser Ur-Gewalt nicht umgehen kann. Um die magische Welt zu erhalten, stellt sich Simon aber tapfer dem Kampf – gegen wen oder was auch immer – selbst wenn es bedeutet, dass er jedes Mal innerlich fast verbrennt.

Eines Nachts – eine besondere Nacht, in der sich der Schleier der Toten für einen kurzen Moment hebt – erscheint die verstorbene Mutter an Baz’ Bett, das leer ist. Sie übergibt stattdessen Simon den Auftrag, ihren Mörder zu finden. Nach langem Ringen mit sich selbst, erzählt er Baz – der dann doch irgendwann, allerdings ziemlich mitgenommen nach Watford zurückkehrt – von dieser Begegnung.

In vertrauter Feinseligkeit schließen die beiden einen Pakt, in den sie auch Penelope einbinden: Sie werden den Mörder von Baz’ Mutter finden und im Gegenzug wird Baz Simon helfen, den Schatten zu vernichten …

Aufstieg und Fall – der Titel beschreibt es gut, doch zunächst begegnet uns allzu Bekanntes

Ganz ehrlich: Die anfänglichen Zutaten dieses Romans von Rainbow Rowell kamen mir äußerst bekannt vor, so bekannt, dass ich kurz davor war, das Buch wieder zur Seite zu legen. Denn dann lese ich lieber doch noch einmal den echten Harry Potter. Doch irgendwie kam mit dem Auftauchen von Baz eine ganz andere Stimmung auf. Die witzigen Dialoge und Interaktionen, die Rainbow Rowell meisterlich beherrscht, wurden mit ihm noch unterhaltsamer. Und sie streut ja doch ein paar Hinweise, die neugierig machen. Mit dem »Buch Zwei« ab Seite 155 geht es dann richtig los und Rainbow Rowell entwickelt eine ganz eigene Welt – mit einer absolut überraschenden Wendung, die mich dann so gefesselt hat, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Also, durchhalten Leute, es lohnt sich!

Vor allem Baz und Penelope sind dabei die gelungensten Charaktere – alle anderen, auch sogar Simon, bleiben seltsam distanziert. Rowell baut auch einige an sich gute Sidekicks ein, die aber mehr Raum benötigt hätten, um richtig zur Geltung zu kommen. Da Simon Snow, der schon in einem anderen erfolgreichen Buch eine wichtige Rolle gespielt hat, aber für einen Stand-Alone-Roman gedacht war, blieb dafür wohl nicht genug Raum. Die Ziegenhirtin »Ebb« soll Simons Vertraute im Herzen darstellen, die ihm stets liebevolle Geborgenheit geboten hat – erinnert auch ein wenig an Hagrid – doch ihre Rolle bleibt sehr flach und seltsam abwegig in der Geschichte.

Nachdem Rainbow Rowell »Fangirl« geschrieben hatte, ließ ihr die Fantasy-Gestalt Simon Snow keine Ruhe. Sie hat ihrem fiktiven Helden eine eigene Geschichte geschrieben, und das ist diese hier.

Vielleicht wird der Vorwurf, man findet hier allzu Bekanntes vor, etwas dadurch gemildert, dass es in dem Vorgänger-Roman von Rowell, »Fangirl«, genau um dieses Thema geht, dass sich jemand ganz und gar in der fantastischen Welt eines literarischen Helden verliert. Sie selbst -so sagt sie in einem Interview mit ihrem Verlag- war unglaublich traurig, als sie mit dem letzten Film der Harry-Potter-Reihe wusste, dass es nun endgültig vorbei war und nichts neues mehr kommen würde. Mir ging es ebenso. Und so verstehe ich es auch als eine Art Hommage an die größte und erfolgreichste Zauberer-Reihe und an die vielen Fans. Sie selbst sieht ihr Buch »Fangirl« und den Folgeroman »Simon Snow« jedoch nicht als Fan-Fiction.

»Ich konnte Simon nicht gehen lassen. Das ist mein Zugriff auf eine Figur, die ich nicht aus dem Kopf bekommen konnte …Es war mein Weg, Simon und Baz die Geschichte zu geben, die ich in «Fangirl» nur halb erdacht hatte und die ich ihnen schuldete.«

So kann man – vor allem da sich der Roman gerade zum Ende hin ganz gewaltig von dem Altbekannten entfernt und einem ebenso spannenden wie unerwarteten Plot entgegen geht – eigentlich sehr wohlwollend darauf schauen. Dadurch, dass sie jedem ihrer Darsteller – sogar den Verstorbenen – eine eigene Stimme gibt, bietet Rainbow Rowell ihren Leser*innen sehr intensive und spannende Einblicke, die dazu antreiben, immer weiter zu lesen.

Fazit:

Rainbow Rowell spielt geschickt mit den Erwartungen ihrer Leser. Entstanden ist ein Roman aus der Welt der Magie, der mit überzeugenden Nebenrollen und überraschend viel (Fein-)Gefühl verzaubert.

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