Fanatisch von Patricia Schröder

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Coppenrath , 368 Seiten. ISBN 3649624540.

ab 14 Jahren

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Jugendbuch-Rezension von Lisa Reim: Spannender Psychothriller über christlichen Wahn

Nara führt das ganz normale Leben einer 17-Jährigen: Sie hat eine beste Freundin, mit der sie alles teilt, einen besten Freund, mit dem sie eine turbulente Freundschaft verbindet und sie hat mit typischen Liebesproblemen zu kämpfen. Doch als sie plötzlich merkwürdige Drohbotschaften erhält, nimmt ihr Leben eine dramatische Wendung. Sie wird entführt, gerät mit fünf anderen Mädchen in die Hände eines christlichen Fanatikers und wird nach sechs Tagen wieder freigelassen. Doch das Martyrium ist noch längst nicht vorbei. Die Mädchen haben von ihrem Entführer die Auflage erhalten, sechs Tage lang kein Wort zu sprechen. Nara dämmert langsam, dass mehr dahinter stecken muss, als die bloße Experimentierfreudigkeit eines religiösen Fundamentalisten. Auf sich allein gestellt versucht sie sich in den Täter hineinzuversetzen, um seine dunklen Pläne zu durchkreuzen.

Mit religiösem Fundamentalismus greift Autorin Patricia Schröder ein brandaktuelles Thema auf. Anders als man erwarten könnte, geht es in diesem Fall allerdings um christlichen Fanatismus. Schröder macht dadurch auf ein Phänomen aufmerksam, das vielen (jungen) Lesern, vielleicht gar nicht so bewusst ist: Jede Religion bietet Potential zum Fanatismus, auch das Christentum. Ausufernde Moralpredigten und den erhobenen Zeigefinger muss man in diesem Fall aber nicht befürchten. Den Leser erwartet vielmehr ein Jugendthriller, der zwar aktuelle Themen wie Ausländerhass und Religions- und Kirchenkritik anschneidet, das Hauptaugenmerk aber auf die Handlung und die Gefühlswelt der Protagonistin legt. Bei Letzterem beweist die Autorin besonderes Fingerspitzengefühl, so wird eindringlich von den Strapazen der Entführung und dem allgegenwärtigen Psychoterror erzählt, dies aber stets im jugendgerechten Rahmen.

Der Anfang des Romans gestaltet sich noch relativ ruhig, das Bedrohliche schleicht sich eher langsam ein, erfährt seinen Höhepunkt in der Entführung und den dortigen Erlebnissen und entwickelt sich schließlich zu einer nervenaufreibenden Detektivarbeit an deren Ende ein spektakuläres Finale wartet. Diesem Handlungsgerüst kommt Schröders Gespür für Dramaturgie zugute. Sie versteht es nicht nur Spannung aufzubauen und über längere Strecken zu halten, sondern auch Protagonistin und Ich-Erzählerin Nara als mehrdimensionalen Charakter mit Tiefe zu etablieren. Naras Gedanken sind jederzeit nachvollziehbar, auch wenn man selber in bestimmten Situationen vielleicht anders reagiert hätte. Ihre Unsicherheit und Angst, gleichzeitig aber auch ihre Gegenwehr und ihre mutigen Versuche sich gegen das perfide Spiel zu wehren, werden beeindruckend geschildert.

Typische Thriller-Schwächen

Bei der für das Thriller-Genre typischen Fixierung auf den Spannungsaufbau bleiben oft andere Aspekte, wie Figurenkonzeption oder Glaubwürdigkeit, auf der Strecke.

So ist Nara ohne Frage eine gelungene Protagonistin, anders liegt der Fall jedoch bei einigen der Nebencharaktere. Auf der einen Seite finden wir auch hier starke Nebenrollen, die der Geschichte noch mehr Substanz verleihen. Charlotte, Naras beste Freundin, ist dafür das beste Beispiel. Weniger rund gelungen sind hingegen Naras Eltern, die bloß aus der Schublade »fürsorgliche Eltern« herausgegriffen wurden. Auch bei den anderen Entführungsopfern bekommt man den Eindruck, dass ihre alleinige Daseinsberechtigung darin besteht, die symbolische Bedeutung der Zahl sechs herauszustellen. Mehr Einblicke in ihre Schicksale hätten da für mehr Tiefgang gesorgt. Vielleicht wären dann auch kleine Logikschwächen verhindert worden, wie z.B. die Frage, warum sich alle sechs Mädchen an das Schweigegebot halten und kein einziges sich traut, die Polizei zu informieren?

Ein weiteres Problem findet sich beim Aufbau der Geschichte. Zu Beginn des Romans einen Zeitungsartikel zu setzen, der von einer Entführung und der anschließenden Freilassung der unter einem Schweigegebot stehenden Mädchen berichtet, nimmt bereits den halben Handlungsverlauf des Buches vorweg. Mehr oder weniger gelassen kann der Leser deshalb die erste Halbzeit des Romans genießen. Interessanter geht es da in der zweiten Hälfte zu, auch wenn aufmerksame Leser sehr schnell wissen werden, wer hinter den diabolischen Machenschaften steckt. Entsprechend bleiern gestalten sich manche Passagen, in denen Nara mühsam hin und her überlegt, wer denn nun eigentlich ihr Peiniger sein könnte.

Fazit

Spannender Thriller eingebettet in eine interessante Thematik. Besonders Patricia Schröders routinierter Erzählstil und ihr besonderes Gespür für die Protagonistin machen das Buch trotz kleiner Schwächen zu einem fesselnden Leseabenteuer.

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