Interview mit Mirjam Pressler

Bereits im Februar 2009 ist »Nathan und seine Kinder« von Mirjam Pressler erschienen. Am 24. November wurde der Autorin für dieses Buch der »CORINE Internationaler Buchpreis 2009« verliehen. Ich freue mich daher sehr, dass Frau Pressler bereit war, mir überaus interessante und spannende Antworten auf meine vielen neugierigen Fragen zu geben.

Jugendbuch-Couch: Ihr aktuelles Buch »Nathan und seine Kinder« basiert auf Ephraim Lessings Drama »Nathan der Weise«. Was an dieser Geschichte hat sie so beeindruckt, dass sie auf die Idee gekommen sind, einen Roman daraus zu machen?

Mirjam Pressler: Der wichtigste Grund war wohl die Ringparabel. Sie gehört meiner Meinung nach zu den Geschichten, die unbedingt tradiert werden müssen, und Geschichten, die man nicht immer wieder neu erzählt, sterben irgendwann.

Jugendbuch-Couch: In Ihrer Nachbemerkung schildern Sie, dass Sie nicht nur die Figuren lebendiger gestalten sondern ebenso den historischen Hintergrund erhellen wollten. Auf welche Weise haben Sie sich mit dem Orient auseinandergesetzt, um die Atmosphäre für die Leser greifbar zu machen? Wie ist es Ihnen gelungen, ein Gefühl für die Zeit zu entwickeln? Welche sprachlichen Herausforderungen haben sich gestellt?

Mirjam Pressler: Nun, ich kenne Israel gut, ich bin oft dort und habe auch schon dort gelebt. Und natürlich habe ich sehr viel gelesen, über die Zeit, über die Kreuzzüge, über die Verhältnisse damals. Die sprachliche Herausforderung war, eine Ebene zu finden, die auf keinen Fall modern ist und andererseits nicht altertümlich, eben lesbar und für mein Gefühl angemessen.

Jugendbuch-Couch: Bei der Ausgestaltung welcher Figur hatten Sie die meiste Freude, und gab es vielleicht eine Figur, die Ihnen rückblickend die meiste »Arbeit« gemacht hat?

Mirjam Pressler: Am meisten Freude hat mir Geschem gemacht. »Arbeit« war eher die Figur Saladins, über die ich besonders viel lesen musste.

Jugendbuch-Couch: Macht es einen Unterschied, eine Figur völlig neu zu erfinden, oder ist es einfacher, eine bereits vorhandene Figur weiter auszuformen?

Mirjam Pressler: Es ist leichter, eine Figur neu zu erfinden, als eine vorhandene auszuformen. Vor allem, wenn sie so wenig Eigencharakter hat wie Recha in »Nathan der Weise«.

Jugendbuch-Couch: Ist die Versuchung groß, Personen aus ihrem Umfeld in einem Roman zu verarbeiten?

Mirjam Pressler: Nein, ich verarbeite keine Personen aus meinem Umfeld, was aber nicht heißt, dass bestimmte Charakterzüge bestimmter Personen nicht doch in meinen Büchern auftauchen, aber dann sind sie nicht mehr zu erkennen und zuzuordnen.

Jugendbuch-Couch: Warum haben Sie sich dazu entschieden, die Geschichte Nathans anders als Lessing enden zu lassen?

Mirjam Pressler: Weil mir Lessings Ende unlogisch erschien, zu märchenhaft. Heute muss man eine solche Geschichte eben anders erzählen.

Jugendbuch-Couch: Aus Ihrer Nachbemerkung geht ebenfalls hervor, dass Sie im Vorfeld eine beträchtliche Anzahl von Büchern über die Kreuzzüge etc. gelesen haben. Haben Sie für ein Buch auch schon einmal eine Recherche-Reise unternommen?

Mirjam Pressler: Für »Nathan und seine Kinder« nicht, für »Golem stiller Bruder war ich allerdings oft in Prag, und für «Shylocks Tochter» in Venedig.

Jugendbuch-Couch: Haben Sie einen bestimmte Arbeitsweise oder einen groben Plan, nach dem Sie beim Schreiben vorgehen? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Mirjam Pressler: Ich habe nicht wirklich einen Plan, ich schreibe als Leserin. Das heißt, ich schreibe etwas, lese es durch, ändere, schreibe etwas dazu, lese wieder, so lange, bis sich der Text so liest, wie ich ihn lesen möchte.

Jugendbuch-Couch: Können Sie noch sagen, wie viel Zeit insgesamt vergangen ist – von der Idee über die Recherche bis zu dem Moment, als sie das erste Exemplar von «Nathan und seine Kinder» in den Händen hielten?

Mirjam Pressler: Mindestens ein Jahr.

Jugendbuch-Couch: Haben Sie Personen, die Ihnen mit Rat und kritischem Blick während der Entstehung ihrer Romane zur Seite stehen? Wen würden Sie als Ihren wichtigsten Kritiker bezeichnen?

Mirjam Pressler: Da ist vor allem Frank Griesheimer zu nennen, mein Lektor. Er bekommt die einzelnen Kapitel sofort zugeschickt und diskutiert sie dann mit mir. Außerdem liest bei den meisten Büchern meine Tochter Tall die verschiedenen Versionen mit und sagt mir, was ihr gefällt und was nicht. Und dann gibt es auch noch zwei Freundinnen, die ich immer um ihre Meinung bitten kann.

Jugendbuch-Couch: Haben Sie literarische Vorbilder? Ein Lieblingsbuch?

Mirjam Pressler: Als ich ein Kind war, war «Die Abenteuer von Huckleberry Finn» mein Lieblingsbuch. Ansonsten wechseln meine Lieblingsbücher immer wieder, weil ich sehr viel lese.

Jugendbuch-Couch: In Ihrer Bibliographie finden sich immer wieder Romane, die sich mit der Geschichte der Juden auseinandersetzen. Vor allem mit Anne Frank haben Sie sich intensiv auseinandergesetzt und schließlich ihre Biographie «Ich sehne mich so» herausgegeben. Ich habe gelesen, dass Sie für ein Jahr in einem Kibbuz in Israel gelebt haben. Wie ist es dazu gekommen?

Mirjam Pressler: Ich bin Jüdin, das ist vermutlich der Grund dafür, dass mich diese Themen besonders interessieren. Kibbuzim waren landwirtschaftliche Gemeinschaftssiedlungen ohne jede Hierarchie. Die Mitglieder haben gemeinsam gearbeitet, gemeinsam gegessen und gemeinsam ihre Kinder aufgezogen. Privateigentum gab es nicht. Ich fand diese Vorstellung sehr anziehend und wollte eigentlich für immer bleiben, musste aber feststellen, dass meine – nennen wir es mal soziale Reife – diesem Wunsch nicht gewachsen war.

Jugendbuch-Couch: Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht, und inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?

Mirjam Pressler: Ich habe damals sehr viel über mich selbst gelernt, darüber, wie beziehungsfähig bzw. wie wenig beziehungsfähig ich war. Außerdem: Ich habe im Hühnerstall gearbeitet, das hat aber in meinem weiteren Leben keine Rolle gespielt.

Jugendbuch-Couch: Haben Sie vielleicht einmal mit dem Gedanken gespielt, ganz nach Israel auszuwandern?

Mirjam Pressler: Ja, immer wieder einmal.

Jugendbuch-Couch: Gibt es vielleicht etwas in der israelischen Lebensweise, dass Sie in Deutschland vermissen?

Mirjam Pressler: Die Direktheit, die Unbefangenheit, die schnell geäußerte Freude.

Jugendbuch-Couch: Ist es Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrungen in Israel ein Anliegen, vor allem Jugendliche für die Geschichte der Juden zu sensibilisieren?

Mirjam Pressler: Das ist mir sowieso ein Anliegen. Die Vernichtung der Juden und der Zweite Weltkrieg waren das Entscheidende und Folgenreichste, was im 20. Jahrhundert passiert ist und darf nie vergessen werden.

Jugendbuch-Couch: Sie haben nicht nur für ein Jahr in Israel gelebt, sondern haben auch an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt und Sprachen in München studiert, und sie haben sogar einen eigenen Jeansladen geführt. Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen? Gab es einen Auslöser?

Mirjam Pressler: Bitte lest das im Werkstattbuch nach, das Euch der Verlag bestimmt gern schickt.

Jugendbuch-Couch: Und wie sind Sie zu einem Jeansladen gekommen?

Mirjam Pressler: Ich wollte mich scheiden lassen und brauchte eine Möglichkeit, für meine Töchter und mich das Geld zu verdienen.

Jugendbuch-Couch: Sie sind nicht nur Autorin sondern auch Übersetzerin und übertragen Bücher aus dem Englischen, Niederländischen und Hebräischen. Haben Sie diese Sprachen studiert? Und haben Sie im Alltag die Möglichkeit, Gespräche auf Hebräisch zu führen?

Mirjam Pressler: Studiert habe ich Englisch. Ja, ich habe israelische Freunde und Verwandte, mit denen ich nur hebräisch spreche.

Jugendbuch-Couch: Bezogen auf all ihre Bücher würde ich gern wissen: Welche Figur ist Ihnen ganz besonders ans Herz gewachsen? Gibt es vielleicht auch eine Figur, in der man Sie selbst wiedererkennen würde?

Mirjam Pressler: «Ilse» aus «Novemberkatzen» und «Halinka» aus «Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen». Ich denke, in beiden Figuren kann man bestimmte Seiten von mir erkennen.

Jugendbuch-Couch: «Nathan und seine Kinder" ist zuletzt mit dem CORINE Internationaler Buchpreis 2009 ausgezeichnet worden, doch dies war ja keinesfalls die erste Auszeichnung, die dieser Titel bekommen hat. Und vor allem ist es auch nicht die einzige Auszeichnung, die Sie als Schriftstellerin bekommen haben. Was ist das für ein Gefühl, für sein Werk mit einer Auszeichnung versehen zu werden? Gibt es vielleicht eine bestimmte Auszeichnung, auf die sie ganz besonders stolz sind?

Mirjam Pressler: Eine Auszeichnung zu bekommen ist natürlich wunderbar, man fühlt sich bestätigt, akzeptiert und so weiter. Aber dieses Gefühl hält zum Glück nicht so lange an, dass man hochnäsig wird. Der wichtigste Preis war sicher der erste, der Oldenburger Jugendbuchpreis. Denn wer braucht einen Preis nötiger als ein Anfänger?

Jugendbuch-Couch: Arbeiten Sie bereits an Ihrem nächsten Buch? Wenn ja, verraten Sie, wovon es handeln wird, oder geben einen kleinen Hinweis?

Mirjam Pressler: Ja, ich arbeite an einem neuen Buch. Nein, ich sage nicht, wovon es handelt, ich kann nicht über angefangene Manuskripte reden,

Jugendbuch-Couch: Woran erkennen Sie, dass sich eine Idee zu einem Roman ausarbeiten lässt?

Mirjam Pressler: Das ist keine Frage des Erkennens, sondern des Fühlens.

Jugendbuch-Couch: Gibt es vielleicht noch etwas, das Sie Ihren Lesern gern sagen möchten?

Mirjam Pressler: Ja, lest, lest, lest!

Jugendbuch-Couch: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um meine Fragen zu beantworten!

 

Corinna Abbassi-Götte

Dezember 2009


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