Panama von Karin Bruder

Buchvorstellung und Rezension

deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei dtv , 380 Seiten. ISBN 3423650192.

ab 14 Jahren

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In Kürze:

Liana ist sich sicher: nach dem Abitur ein Praktikum und dann Studium. Alles schön ausgedacht. Doch da schickt sie ihr Großvater, das Oberhaupt der Familie, nach Panama City. Sie soll den Sohn ihres verstorbenen Bruders abholen, der seit Jahren als verschollen galt. Angeblich sei alles in Panama arrangiert. Doch vor Ort ist natürlich alles viel komplizierter als gedacht. Selbst Zweifel an der Identität des Jungen tauchen auf. Liana will aufgeben. Doch dann entschließt sie sich, mit ihrem Neffen Pablo quer durch Panama zu reisen, um Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen. Und spätestens als sie Ruud, einen jungen Niederländer, kennenlernt, hat sie es nicht mehr eilig, in ihr altes Leben zurückzukehren.

Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: »Eine geheimnisvolle Familiengeschichte, die bis in die Wildnis Panamas führt«

Kurz nach ihrem Abitur wird Liana von ihrem Großvater, dem »Ota«, in die Schweiz befohlen. Sie erhält von ihm einen merkwürdigen Auftrag: Sie soll seinen verschollenen Ur- Enkel, ihren Neffen, nach Deutschland in seine Obhut bringen. Warum der Junge in der Deutschen Botschaft aufgetaucht ist, wer ihn dort hingebracht hat, was mit dem Jungen in all den Jahren geschehen ist, seit er verschwand, weiß niemand. Bekannt ist nur, dass Pablos Vater auf der Suche nach ihm ums Leben gekommen und dass seine Mutter ebenfalls verstorben ist.

Liana findet sich eindeutig zu jung für diese Mission – und überhaupt: Sie will schon bald ihr Studium beginnen, muss sich einschreiben und alles Weitere in die richtigen Bahnen lenken. Doch der Ota besteht darauf und ködert sie mit einem Kleinwagen, würde sie diese Mission übernehmen. Für die Familie. Wie alles für die Familie getan werden muss. Der Anwalt vor Ort, ein deutschstämmiger Panamaer, habe bereits alles geregelt. Doch als Liana in Panama-Stadt ausversehen in einem heruntergekommenen Hostal unterkommt, ist sie sich gar nicht mehr sicher, dass alles klappen wird. Auch nach der ersten Begegnung mit dem Anwalt Dr. Werner Schmid Rodriguez ist Liana kein Stück schlauer. Und so geht es weiter, durch einen undurchsichtigen Pakt von Seilschaften und Geheimnisbewahrern. Schließlich – nachdem Liana sich dem schweigsamen Pablo etwas angenähert hat – entscheidet sie sich, den Jungen aus dem Heim mitzunehmen und zu dem Bergdorf Santa Fe zu fahren, in dem ihr Bruder einst ein kleines Hotel betrieben hat und wo auch Pablo einmal gelebt haben muss.

Wie der Zufall es so will, ist sie im Hostal bereits seinem neuen Eigentümer Ruud – ein wikingergleicher Niederländer – begegnet. Sie hofft, dort in der Einsamkeit der Wildnis, auf die Spuren des Geheimnisses von Pablo zu kommen. Denn der Junge benimmt sich eigenartig einsilbig, wirkt viel älter, spricht – nachdem er zu Anfang gar nicht gesprochen hat – erstaunlich gut Deutsch, will aber partout nicht über seine Mutter sprechen. Deren angeblicher Tod gibt Rätsel auf, weshalb die Behörden die Ausreise des Jungen verweigern.

Dort angekommen, landet sie ausgerechnet bei Ruud, dem neuen Eigentümer des Hotels, das ihrem Bruder gehörte. Der immerzu fröhliche Ruud ist freundlich und hilfsbereit zu ihr, doch er ist ihr nicht geheuer, macht sie ungewöhnlich nervös. Sie will ihn auf Abstand halten. Das wird aber zunehmend schwierig, denn Pablo entwickelt zu dem gefühlvollen Mann ein enges Verhältnis. Bald schon sind die beiden unzertrennlich. Und Liana, Ruud und Pablo so etwas wie eine kleine Familie. Damit ist Pablo auch Ruud nicht länger egal. Ruud will Liana die Wahrheit aufzeigen, um beiden zu helfen, doch Liana lehnt jede Einmischung ab.

Währenddessen erweisen sich ihre Recherchen als erstaunlich schwierig. Die Einwohner von Santa Fe sind allesamt »echte Typen«, aber sehr schweigsam, was Lianas Nachfragen zu der Herkunft es Jungen, zum Verbleib der Mutter oder zum Verhältnis ihres Bruders zu dieser Frau angehen. Doch mit der Zeit entstehen mehr und mehr Widersprüche, die ihr bisheriges Bild ins Wanken bringen.

Verwirrende, aber fesselnde Geschichte

 …die schon einmal damit beginnt, dass wir in eine Situation geworfen werden, die dem eigentlichen Beginn Geschichte weit voraus liegt und in der Ruud und Liana bereits eine Verbindung haben. Sie gibt Rätsel auf und man ist überrascht, sich unmittelbar danach auf einem verschneiten Friedhof mit Liana und ihrem Großvater wieder zu finden.

Verwirrend sind auch die Familienverhältnisse. Die sich daraus ergeben, dass Lianas Mutter sich von dem einen Zwillingsbruder getrennt hat, um dann mit dem anderen Zwillingsbruder die beiden Zwillingstöchter zu bekommen. Lianas Bruder stammt vom ersten Mann ab, dem ersten Zwillingsbruder. Tut mir leid, es ist aber auch nicht leicht zu erklären. Die verwandtschaftlichen Bezeichnungen gehen jedenfalls durcheinander und man muss schon etwas überlegen, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis der eine zum anderen steht. Über diesem Familienkonstrukt thront der Patriachat der Familie, der »Ota«, und duldet keinen Widerspruch: Er will seinen Ur-Enkelsohn bei sich in Deutschland haben, so, wie er es auch mit seinem Sohn versucht hatte. Mit mäßigem Erfolg, wie sich im Verlauf der Geschichte zeigt.

Faszinierend ist die Atmosphäre, die Karin Bruder mit scheinbarer Leichtigkeit vor unserem inneren Auge entstehen lässt; Beschreibungen der Umgebung gepaart mit den Empfindungen der Protagonistin in der schwülen Hitze Panamas, den Geräuschen und Gerüchen in der staubigen, hektischen Stadt und der üppigen Natur. Dicht ist auch von Anfang die Atmosphäre, die sich zwischen Liana und Ruud entwickelt. Obwohl Liana sich mit aller Macht gegen die charmanten Annäherungsversuche des Hünen wehrt, entwickelt sie doch zusammen mit Pablo ein Gefühl für diesen Ort und dieses Hotel, und damit natürlich für Ruud, das es ihr zunehmend schwer macht wieder zu gehen.

Inmitten dieses Spannungsfeldes befindet sich Liana auch immer wieder auf den Spuren ihrer Kindheit – da sie ebenfalls in Südamerika groß geworden ist, damals noch zusammen mit ihrer Mutter.
Karin Bruders Roman liest sich angenehm abwechslungsreich, ist in seiner Sprache jedoch zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Sie macht häufig Gedankensprünge, wenn sie ihre Leser an der Innenwelt der Protagonistin teilhaben lässt, doch im Verlauf wird klarer, worum es wirklich geht, wie die Hauptperson tickt. Etwas bemüht fand ich persönlich die humorvoll-eigenwillige Kommunikation mit ihrem Großvater, die auf mich nicht so authentisch wirkt. Da diese Begebenheit unmittelbar nach dem Sprung in die Zukunft geschildert wird, fiel es mir zunächst schwer, in Lianas Geschichte zu finden. Doch ab der Ankunft in Panama-Stadt wollte ich wissen, wie das Abenteuer weiter geht, was mit Pablo wirklich geschehen ist.

Die Protagonistin, Liana, wirkt für eine so junge Frau überraschend abgeklärt, auf eine emotionale Weise geradezu resigniert. Gefühle möchte sie am liebsten sofort zurückweisen, sobald sie sich in ihr breit machen. Sie scheint eher ein sehr sachlicher, zielstrebiger Mensch zu sein. Warum Karin Bruder ihre Protagonistin so distanziert angelegt hat, bleibt zunächst rätselhaft. So hat aber der Leser über weite Strecken das Gefühl, eher außen vor zu sein. Ich hatte während des gesamten Romans nicht das Gefühl, Liana nahe zu sein. Blieb aber stets eine neugierige Beobachterin. Panama ist kein Buch, das man mal schnell durchliest – zumal das Familiengeheimnis, das hinter jeder noch so kleinen Andeutung lauert, ein fesselndes Element ist. Auch wenn es in der Mitte für meinen Geschmack ein wenig langatmig zugeht.

Dennoch: Karin Bruder bedient sich interessanter Metaphern und Perspektiven, die eher für eine etwas reifere, ältere Protagonistin sprechen. Daher würde ich dieses Buch nicht nur für Jugendliche ab 14 einstufen, sondern auch für erwachsene Leser. Im Kern ist es ein Coming-Up-Age Roman mit vielen interessanten Facetten. Denn Liana emanzipiert sich im Verlauf von ihrer Geschichte und auch von ihren sehr genauen Vorstellungen über ihr Leben.

Fazit

Wie eine Detektivin taucht Liana in eine rätselhafte Vergangenheit ein – eingebettet, in das wilde, fremde Panama erzählt der Roman von der Suche nach der Wahrheit und damit nach dem eigenen Lebensweg. Karin Bruders zweites Jugendbuch ist ein sehr atmosphärischer Roman, der seine Leser mit einer Distanziertheit mitnimmt, die eine gewisse Faszination ausübt. Ein vielschichtiges Buch, das auch erwachsenen Leserinnen gefallen dürfte.

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