Jean Webster: Lieber Daddy-Long-Legs von Jean Webster

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 1912 unter dem Titel Daddy-Long-Legs, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Königskinder , 256 Seiten. ISBN 3551560447.

 

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Jugendbuch-Rezension von Andrea Delumeau: Die 18-jährige Judy führt ein eher eintöniges Dasein in einem Waisenhaus.

Einzige Fluchtpunkte sind ihre Vorstellungskraft und ihre humorvolle Einstellung, die sich in ihren hervorragenden Schulaufsätzen niederschlägt. Ein reicher Gönner des Waisenhauses wird auf ihr Talent aufmerksam und beschließt, ihr eine Universitätsausbildung zu bezahlen, damit sie einmal Schriftstellerin werden kann. Er möchte jedoch anonym bleiben und stellt als einzige Bedingung, dass sie ihm regelmäßig Briefe schreibt, die von ihren Fortschritten berichten.

Dies ist der Ausgangspunkt von Jean Websters klassischem Briefroman, der zwar schon 1912 erschienen ist, aber nichts von seinem Humor und seiner Warmherzigkeit verloren hat und uns hier dank Ingo Herzkes hervorragender Übersetzung in einer entstaubten und frischen Neuausgabe vorliegt.

Judy hat ihren Gönner nie persönlich kennengelernt und nur flüchtig seinen Schatten erhascht, der in der Form mit seinen überlangen Beinen an einen auf Englisch genannten daddy long legs erinnert, (Weberknecht in der deutschen Übersetzung) weshalb ihre Briefe fast immer mit Lieber Daddy Long Legs beginnen.

In ihren Briefen verfolgen wir Judys Höhen und Tiefen ihrer Universitätsausbildung, die sich gemäß des amerikanischen College-systems über vier Jahre erstreckt. So erfährt der Leser am Anfang von einigen wenigen nicht bestandenen Examen oder von den großen Lücken, die Judy manchmal im Alltagswissen hat, weil sie sich eben im Waisenhaus Einiges nicht aneignen konnte, das in der Alltagskultur einer gewöhnlichen Familie gewissermaßen selbstverständlich ist. Um diese Wissenslücken zu schließen und das Versäumte nachzuholen, liest sie unermüdlich.

Wir nehmen aber auch an Judys Triumphen teil, z.B. wird sie in die College-Basketball-Mannschaft aufgenommen und eine von ihr nicht gemochte Mitschülerin nicht. Ihre Freude ist groß, als einer ihrer Artikel in der Schulzeitung ihres college erscheint und sie somit auf dem besten Weg ist, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden.

Wir lernen auch zwei ihrer Mitschülerinnen näher kennen, ihre beste Freundin und spätere Zimmermitbewohnerin Sally McBride und die hochnäsige Julia Pendelton, die sehr stolz auf ihre alteingesessene Familie ist. Der einzige Lichtblick an Julia ist ihr Onkel Jarvis, der jüngere Bruder ihres Vaters und das schwarze Schaf der ehrwürdigen Familie Pendelton. Er ist ganz und gar nicht hochnäsig, besucht die Mädchen des Öfteren und Judy versteht sich ausgezeichnet mit ihm, so ausgezeichnet, dass sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung entwickelt, die jedoch bis zum Schluss nur zart und diskret angedeutet wird.

Dass Jean Webster eine Großnichte Mark Twains ist und die Kunst des Erzählens sozusagen im Blut hat, ist beim Lesen dieses vor allem im angelsächsischen Raum modernen Klassikers offensichtlich.

Auch die liebevoll gestaltete Ausstattung ist hervorzuheben. Schon die auffallende Umschlaggestaltung, die das Schattenbild eines zylindertragenden Herrenkopfes vor geblümten Hintergrund, der an eine altmodische Blümchentapete erinnert, ist ein echter Hingucker. Zudem wird dem Leser signalisiert, dass die vorliegende Geschichte in der Vergangenheit angesiedelt ist und zugleich der Grundton dieses vielleicht altmodischen, aber nicht belanglosen Wohlfühlromans gesetzt.

Die Geschichte mag vielleicht in einer Zeit spielen, als Frauen noch lange Röcke trugen und noch nicht das Wahlrecht hatten, Judy hat jedoch sehr moderne Ansichten, was die Selbstbestimmung und Entfaltung der Frau angeht und der Leser wird durch ihre Briefe zum Zeugen ihres Entwicklungsprozesses. So wird sie z.B. unabhängiger vom Geldbeutel ihres Gönners, als sie nach den ersten zwei Studienjahren aufgrund ihrer guten schulischen Leistungen ein Stipendium gewinnt, das ihre noch ausstehenden Studienkosten vollständig abdeckt.

Einer echten Krise oder einer niederschmetternden Tragödie kann jeder Mensch mutig entgegentreten, doch die unbedeutenden Ärgernisse des Lebens mit einem Lachen abzutun ich glaube, das erfordert wirklich innere Stärke, dies ist für mich die Kernphilosophie, die Jean Webster wohl ihren Lesern ans Herz legen will, meistert Judy doch mit Humor ihre nicht immer einfache Lebenssituation. Und eben dieser Humor in ihren Beschreibungen, unterstrichen von witzigen, kleinen Skizzen, hat wohl dazu geführt, dass dieses Buch auch nach mehr als hundert Jahren nichts von seiner Lebensklug- und Warmherzigkeit verloren hat.

Fazit:

eine gelungene Neuauflage, die diesen modernen Klassiker einer neuen Generation erschließt und der man viele Leser wünscht!

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