Interview mit Boris Pfeiffer
Im Februar 2012 wurde Boris Pfeiffers Buch "One Night Stand» neu aufgelegt. Wie Covergestaltung und Klappentext verraten, geht es darin um das Thema Aids und HIV – ein Thema, das uns in einem Jugendroman lange nicht mehr begegnet ist. Grund genug, Boris Pfeiffer zu fragen, ob er Lust und Zeit für ein Interview hat.
Hatte er!
Jugendbuch-Couch:
Lieber Boris, bitte stell’ dich unseren Lesern doch kurz vor und erzähl uns, wie du zum Schreiben gekommen bist.
Boris Pfeiffer:
Ich bin 1964 in Berlin geboren, habe nach mehreren begonnenen Studienfächern und einigen Jahren als Buchhändler und Taxifahrer angefangen, als Regieassistent am Theater zu arbeiten, habe dann an verschiedenen Theatern in Deutschland und in der Schweiz als Regisseur gearbeitet und schließlich doch noch einmal studiert, nämlich Drehbuch an der Berliner Filmhochschule dffb. Ich war kurz beim Fernsehen, bin dann aber zum Kinder- und Jugendbuch gewechselt und habe auch wieder begonnen, Theaterstücke zu schreiben. Beides mache ich auch heute noch.
Angefangen hat mein Schreiben mit Gedichten, als ich etwa 12 Jahre alt war. Auf meinem Blog ´Hundehimmel’, wo ich heute ab und zu ein Gedicht veröffentliche, schreibe ich dazu: «Die Gedichte sind der Samen meiner Arbeit als Kinderbuchautor und Theaterschriftsteller." Es waren damals Gedichte über einen Streit mit meinem Vater, über den Tod meiner Hündin, aber auch über die leckerste Torte meiner Großmutter. Das Schreiben hat mich seitdem nicht wieder losgelassen. Die Texte wurden aber länger, das Theater kam hinzu, eine kurze Zeit das Fernsehen, und dann die Bücher.
Jugendbuch-Couch:
Wie dürfen wir uns deinen Arbeitsalltag vorstellen? Was macht dir am meisten Spaß?
Boris Pfeiffer:
Ich schreibe morgens und abends. Nach dem Aufstehen und bei Einbruch der Dunkelheit. Das Schreiben selbst ist das Schönste, wenn auch oft harte Arbeit. Am berauschensten ist sicherlich der Moment einer guten Idee, wenn sie auftaucht und mich in Beschlag nimmt.

Jugendbuch-Couch:
Kannst du uns bitte – trotz des bereits aussagekräftigen Titels und der eingängigen Covergestaltung – in wenigen Worten zusammenfassen, worum es in "One Night Stand» eigentlich geht?
Boris Pfeiffer:
Um den sechzehnjährigen Art, der obgleich er hetero ist, eine schwule Nacht verbringt und das ohne Kondom. Um die darauf folgenden drei Monate, die er warten muss, ehe er einen Aids-Test machen kann. Um seine Ängste und die Gedanken, die er sich in dieser Zeit macht. Was er zeigt und was er verbirgt. Und wie seine Umwelt und seine Freundin darauf reagieren.
Jugendbuch-Couch:
Das außergewöhnliche an Arts One Night Stand ist sicherlich, dass er im Rausch nicht mit einem Mädchen schläft. Warum hast du dich dazu entschieden, Art mit einem Jungen abstürzen zu lassen?
Boris Pfeiffer:
Weil ich denke, dass viele Jungen irgendwann in der Pubertät mehr oder weniger auch Mal schwul sind, auch wenn sie es nicht bleiben. Und natürlich, weil ich das so erzählen wollte.
Jugendbuch-Couch:
Was wäre vielleicht anders gewesen, wenn Art die Nacht mit einem fremden Mädchen verbracht hätte?
Boris Pfeiffer:
Das bin ich gerade neulich auf einer Leserunde auf Lovely Books auch gefragt worden. Ich habe da geantwortet: Es hätte auch ein Mädchen sein können, aber ich wollte das Thema so nicht behandeln. Ich wollte den schwulen Moment haben in der Geschichte und die daraus entstehenden Konflikte. Zudem wollte ich die pubertäre Attraktion durch einen Mann erzählen. Und dann kommt noch eine ganzes Bündel an Geschichte rund um Art in der Schule dazu und ein anderes Lügengespinst, in das Art sich begibt.
Ich denke, dass die Geschichte mit einem Mädchen statt mit einem Jungen eine ganze andere geworden wäre. Art hätte es seiner Freundin anders «beichten» können, es wäre ihm vielleicht leichter gefallen. Außerdem hätte er vielleicht mit dem neuen Mädchen zusammen sein wollen?! Was er mit Miro nicht will. Ich kann es nicht sagen. Ich müsste mir diesen anderen Roman erst ausdenken. Beide Geschichten sind auch nur schwer vergleichbar, denn es wäre für mich eine wirklich vollkommen andere Geschichte. Eine Leserin von «One Night Stand» schrieb dazu: «Ich denke auch, dass es sehr gut zur Geschichte passt.» So sehe ich das auch.
Jugendbuch-Couch:
In regelmäßigen Abständen kommt Arts Freundin Jules zu Wort. Warum genau hast du dich dazu entschieden, Passagen aus ihrer Sicht einfließen zu lassen?
Boris Pfeiffer:
Um ihre Rolle zu zeigen, um eine weitere Perspektive zu gewinnen. Ich schreibe gerne auch aus der Sicht einer Frau oder eines Mädchens. Das wurde ja bei «Baby im Bauch?» oft angemerkt, dass es erstaunlich sei, wie ein Mann so lebendig aus einer Frauenperspektive schreiben könne. Andererseits tun das doch aber Frauen umgekehrt auch oft. Jules ist für mich eine Bereicherung des Buches.
Jugendbuch-Couch:
«One Night Stand» ist bereits 2008 bei Ravensburger erschienen; Anfang 2012 kam dann die Neuauflage. Sind Jugendliche in Bezug auf HIV und Aids heute aufgeklärter als noch vor vier Jahren? Hat sich seit damals etwas verändert? Warum eine Neuauflage?
Boris Pfeiffer:
Das «Warum" müsst ihr tatsächlich den Verlag fragen. Ich denke, sie mochten das Buch einfach und wollte es noch einmal neu zeigen – mit einem nicht ganz so knalligen Cover. Das Thema ist gesellschaftlich sicherlich ziemlich gleichwertig geblieben. Oder vielleicht sogar etwas mehr in den Hintergrund gerückt. Die Fragen meiner LeserInnen und in den Schulen zeigen mir jedenfalls, dass die Aufklärung auf alle Fälle nicht vorangeschritten ist.
Ravensburger Verlag:
Sie haben nach dem »Warum« für die Wiederaufnahme von »One Night Stand« gefragt. Wir halten es für ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Thema, das Jugendlichen gar nicht oft genug ins Bewusstsein geholt werden kann. Wir haben wiederholt Rückmeldungen aus dem Handel erhalten, die ein Buch zum Thema AIDS wünschten. Deswegen legen wir den Titel neu auf.
Jugendbuch-Couch:
Erzähl uns doch bitte ein wenig darüber, wie dein Buch entstanden ist. Was hat dich dazu veranlasst, einen Jugendroman über Aids und HIV zu schreiben? Wie sahen deine Recherchen zu diesem Thema aus? Glaubst du, dass in Deutschland genug Aufklärungsarbeit über HIV und Aids geleistet wird?
Boris Pfeiffer:
Ich recherchiere zu realistischen Themen immer sehr gründlich und habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, bevor ich das Buch zu schreiben anfing. Mit Freunden, mit Ärzten, mit Beratern. Und gelesen habe ich natürlich auch. Anlass für mich, das Buch zu schreiben, war aber auch meine persönliche Erfahrung, dass ich vor vielen Jahren einmal drei Monate auf einen Aidstest warten musste und mich daran erinnert habe, was da so in mir ablief. Was die Aufklärungsarbeit angeht, sagen mir Berater, dass zu wenig aufgeklärt werden kann, weil es an finanziellen Mitteln fehlt. Ich werde demnächst für die Aidshilfe Leverkusen lesen, deren sieben ehrenamtliche Mitarbeiter sich über das Erscheinen des Buches sehr freuen, weil es ihr Anliegen gut unterstützt. Ihr Motto ist: ´Das Schlimmste an Aids ist, über Aids nichts zu wissen.’ Und generell ist Unwissen sicher ein Problem heute.
Jugendbuch-Couch:
Was genau willst und wolltest du Jugendlichen mit "One Night Stand» mit auf den Weg geben?
Boris Pfeiffer:
Die Interpretation des Buches und was jede Leserin und jeder Leser für sich daraus zieht, kann ich nicht geben oder voraussagen. Da gibt es auch kein vorheriges Wollen bei mir. Eine Geschichte entsteht bei mir immer aus einem lebendigen Kern, nicht aus einer pädagogischen Absicht. Ich beschäftige mich in einem Roman mit dem Leben, nicht mit einer Aussage. Die kommt dann ganz von selbst dazu und wird wiederum nicht von jedem Leser und jeder Leserin gleich empfunden oder gedacht. Das Buch muss in jedem Fall für sich sprechen und von jedem für sich aufgenommen werden.
Jugendbuch-Couch:
«One Night Stand» ist dein zweiter Jugendroman. In deinem ersten Roman «Baby im Bauch?» geht es um die 15-jährige Janna, die schwanger wird. Teenagerschwangerschaft – ebenfalls ein Thema, dass u.a. in die Sparte «Mangelnde Aufklärung» passt. Oder sollte man besser von Sorglosigkeit sprechen?
Boris Pfeiffer:
Ich würde das nicht so eng bewerten. Es kann viele Gründe geben. Vom gerissenen Kondom, über den Vollrausch, bis hin zu purer Gedankenlosigkeit oder auch Unwissen. Genauso gibt es aber auch jugendliche Mütter, die sich ein Kind wünschen, weil sie endlich Mal Liebe empfinden und schenken wollen. Die sich aus Einsamkeit ein Kind wünschen. Dass dieser Wunsch alleine ihr Muttersein nicht wird tragen können, ist ihnen dabei nicht unbedingt bewusst. Aber was für eine Seelenlage steht hinter diesem Gedanken?! Und da setzt auch mein Buch «Baby im Bauch?» an.
Jugendbuch-Couch:
In den letzten Jahren ging die Zahl der Teenagerschwangerschaften immer weiter zurück. Was glaubst du, woran das liegt?
Boris Pfeiffer:
Das kann ich nicht sagen. Aber werden nicht generell in Deutschland auf die letzten Jahre gesehen, weniger Kinder geboren? Und gibt es insgesamt mehr oder weniger kinderlose Frauen und Familien? Da würde ich meine Recherche ansetzen.
Jugendbuch-Couch:
Was wolltest du deinen Lesern mit «Baby im Bauch?» mit auf den Weg geben?
Boris Pfeiffer:
Hier gilt das Gleiche, was ich zu «One Night Stand» gesagt habe. Wobei ich «Baby im Bauch?" heute wahrscheinlich anders enden lassen würde. Ich würde die Geschichte noch weiter in die Zukunft schreiben und die Geburt und das Leben mit dem Kind ein Stück weit erzählen. Und auch, was dieses neue Leben in Janas Umfeld noch alles auslöst. Die Rechte am Buch liegen übrigens mittlerweile wieder bei mir. Ich frage mich, ob ich ein E-Book daraus machen soll oder nochmal einen Verlag suchen, bei dem ich es in der neuen Fassung vorlege. Was haltet ihr davon? Auf meiner Facebooksite würde ich mich über Bemerkungen dazu freuen.
(http://de-de.facebook.com/BorisPfeiffer.Autor?sk=wall&filter=2)
Jugendbuch-Couch:
Wie sah die Vorarbeit zu "Baby im Bauch?» aus? Hast du mit Betroffenen sprechen können?
Boris Pfeiffer:
Ja. Ich habe auch hier mit Freundinnen, mit Beratern, mit Frauen im Frauenhaus, mit Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen sehr ausführlich gesprochen.
Jugendbuch-Couch:
Hat dich das Schreiben von «One Night Stand» und «Baby im Bauch?» irgendwie verändert?
Boris Pfeiffer:
Ich denke, dass ich insgesamt ganz authentisch bin. Und meine Bücher sind eher Ausdruck dessen, als dass sie mich darin verändern. Was mich wirklich verändert, sind mein Welterleben, sind Auseinandersetzungen mit Menschen oder Institutionen und im besten, lebendigen Sinne meine Freunde und etwas altmodisch ausgedrückt meine Lieben. Dazu gehören wiederum ja auch meine Bücher. Also, am meisten verändert mich an meinen Büchern das, was mir durch die Menschen, die sie lesen, entgegenkommt. Auch bei den Lesungen entsteht eine ziemlich intensive Atmosphäre, von der ich sagen würde, ja, da findet was statt.
Jugendbuch-Couch:
Wenn man deinen Namen liest, denkt man natürlich sofort an die Kinderbuchserie «Drei ??? Kids». Die «Drei ???» Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews besitzen bei den Erwachsenen mittlerweile Kult-Status. Und natürlich lesen (und hören) die Kinder und Jugendlichen von heute ebenfalls die Detektivserie. Kannst du uns etwas über deine Arbeit an der Serie erzählen? Wie ist die Idee entstanden, eine Buchserie zu starten, in denen die berühmten Detektive erst 10 Jahre alt sind und ihre ersten Fälle lösen? Bist du selbst mit der Serie «Drei ???" aufgewachsen?
Boris Pfeiffer:
Ja, das bin ich. Ich war nie ein Totalfan der ´Drei ???’, aber ein eifriger Leser. Daher kannte ich die drei auch gut, als ich sie zu schreiben anfing. Die Idee zu der jüngeren Reihe kam, weil die LeserInnen jünger wurden, sich aber vor den Geschichten der älteren ´Drei ???’ oft gruselten. So wurden die Kids geboren. Die Fälle sind hier ein wenig einfacher gestrickt und etwas abenteuerlicher angehaucht. Meine Arbeit an den ´Drei ??? Kids’ ist eine ziemlich glückliche. Ich suche mir den nächsten Fall und dann spinne ich mein Garn mit Lust. Übrigens recherchiere ich auch hier gerne. Viele Details in meinen ´Drei ??? Kids’ Bänden sind absolut realistisch, wie z.B. der Schiffsfriedhof in Band 50. Auch die Schatzinsel in dem Buch geht auf eine echte Insel zurück. Das merken die meisten LeserInnen nicht unbedingt, es ist für mich aber immer ein Genuss, Geschichten um den ersten Golddollar der USA, chinesische Einwanderer oder sonstwas einzubauen. Spaß gemacht hat Ulf Blanck und mir auch das erste Theaterstück, das wir zusammen für die ´Drei ??? Kids’ geschrieben haben. Und wir werden wahrscheinlich noch eines schreiben.
Jugendbuch-Couch:
Ist es grundsätzlich ein Unterschied, für Kinder oder für Jugendliche zu schreiben? Wenn ja, was genau ist anders?
Boris Pfeiffer:
Vieles ist anders. Die Sätze für jüngere Kinder sind kürzer. Die Pointen sind unter Umständen andere. Die Gedanken sind jünger und oft freier. Die Fantasie reibt sich noch nicht so an der Alltagsrealität. Jugendliche sind doch anders als Kinder. Und so verändern sich eben auch die Bücher. Die Themen sind andere. Die Welt der Kinder ist, was die Fantasie angeht, oft größer als die der Jugendlichen oder der Erwachsenen. Andererseits ist die Welt in einem Buch für ältere Menschen komplexer erzählbar. Die ´Akademie der Abenteuer’ kann insofern mehr erzählen als ein ´Drei ??? Kids’ Band. Vor allem liegt für mich der Unterschied in den Themen, der Sprache, der Komplexität, der inneren Haltung der Figuren, der Buchlänge und dem nötigen Maß an Spannung und Witz.
Jugendbuch-Couch:
Arbeitest du bereits an einem weiteren Jugendroman? Oder gibt es bereits ein Idee für ein neues Projekt?
Boris Pfeiffer:
Ja. Ich schreibe zur Zeit mit meinem Freund Felix Huby an einem Theaterstück über den Kampf eines Jungen gegen die Armut seiner Eltern. Ich werde mit dem Ravensburger Verlag ein Kinderbuch machen. Und ich habe zwei große Ideen für phantastische Romane und eine für einen (Erwachsenen-)Thriller im Kopf. Jedes dieser Bücher wird mich aber ein Jahr oder mehr beschäftigen. Ich bin noch nicht ganz entschieden, welches Buch ich zuerst angehe.
Jugendbuch-Couch:
Welches deiner Bücher liegt dir besonders am Herzen? Und warum?
Boris Pfeiffer:
Manchmal richte ich den Blick intensiver auf eines, weil ich es vorlesen werde oder weil es gerade besonders viele Kritiken bekommt oder weil ich merke, es braucht gerade Aufmerksamkeit. Manchmal denke ich auch nur an das kommenden Buch. Es sind vielfältige, lebendige Beziehungen. Aber keines meiner Bücher liegt mir mehr am Herzen als die anderen, dazu sind sie zu unterschiedlich.
Jugendbuch-Couch:
Über was hast du dich in deiner beruflichen Laufbahn bisher am meisten gefreut?
Gibt es ein besonderes Erlebnis, das du immer in Erinnerung behalten wirst?
Boris Pfeiffer:
Oh, ja! Meine Freundschaften zu anderen Autoren und Autorinnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind etwas Wundervolles. Und die Kraft, ein Buch schreiben zu können, ist das Wundervollste überhaupt.
Jugendbuch-Couch:
Und gibt es vielleicht – zum Abschluss – noch etwas, das du deinen Lesern mit auf den Weg geben willst?
Boris Pfeiffer:
Ich habe kein Lebensmotto oder so was. Aber mein Freund Huby schrieb mir zu meinem Geburtstag: »Ich wünsche Dir Schaffenskraft, Fröhlichkeit, tausend gute Einfälle und nur den Erfolg, den du dir selbst wünschst!« Daran möchte ich mich gerne halten und das wünsche ich euch allen auch.
Jugendbuch-Couch:
Lieber Boris, vielen herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!
Fotos: Uwe Neumann
Corinna Abbassi-Götte
Juni 2012
