Bet empört sich von Christian Frascella
Buchvorstellung und Rezension
Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel La sfuriata di Bet, deutsche Ausgabe erstmals 2015 . , 288 Seiten. ISBN 3627002121.
In Kürze:
Bet, eigentlich Elisabetta, hat ein Credo: Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es. Und wenn du dabei schreien musst, heißt das, dass sich die Mühe lohnt.
Die Siebzehnjährige mit dem Charakter 'einer jungen Apachin’ und dem Herz am rechten Fleck steht mit der Welt auf Kriegsfuß mit ihrer Mutter, den Schwachköpfen aus der Schule und auch mit sich selbst. Sie lebt in Turin, einer Stadt, die einem wie eine warme Höhle oder wie eine kalte Mauer vorkommen kann. Zum Glück ist da ihre Freundin Viola. Und auch Andrea, ihr engagierter Schulkamerad, ist 'ganz in Ordnung', denn als ihrer Mutter die Kündigung droht, unterstützt er sie bei einer Streikaktion. Doch als diese gewaltsam aufgelöst wird, spürt Bet Enttäuschung und Frustration. Und noch mehr: Sie ist empört!
Über die herrschende Ungerechtigkeit, die Chancenungleichheit und Perspektivlosigkeit von jungen Menschen, die Ausweglosigkeit, die sie umgibt. Während im ganzen Land Studenten und Arbeiter zu Großdemonstrationen zusammenfinden, um gegen die Zustände zu protestieren, entschließt sich Bet zu einer Tat, die ungeahnte Folgen hat …
Jugendbuch-Rezension von Rita Dell’Agnese: »Wenn Du etwas zu sagen hast, dann sag es«
Elisabetta ist siebzehn und lebt in Turin. Eigentlich ist sie eine zurückhaltende junge Frau. Bis zu dem Moment, in dem sie zufälligerweise mitbekommt, wie eine alte Dame auf die Straße gesetzt werden soll, weil sie ihre Miete seit über einem Jahr nicht bezahlt hat. Eine junge Frau – Viola – setzt sich für die alte Frau ein und versucht zu verhindern, dass die Carabinieri sie auf die Straße setzen. Beeindruckt von Violas Mut wechselt Bet, wie sie sich selber nennt, die Position: Sie wird von der reinen Zuschauerin zur Mitwirkenden. Bet empört sich über die Ungerechtigkeit, die der alten Dame entgegen schlägt. Dank der unkomplizierten Viola erkennt die junge Frau plötzlich, dass sie etwas tun kann und muss, anstatt nur zuzusehen. Immer stärker engagiert sie sich gegen Ungerechtigkeiten. Als ihre Mutter unter Druck kommt und damit rechnen muss, ihre Arbeit zu verlieren, plant Bet einen Streik. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Schulkameraden Andrea, den sie an sich ganz in Ordnung findet. Doch die Aktion wird kurzerhand gewaltsam aufgelöst. Für Bet der Moment, in dem sie sich ganz dem Protest verschreibt. In ihrer Empörung will Bet auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Doch sie hat nicht an die Folgen gedacht, die ihre neueste Aktion haben könnte.
Sehr dicht an der Hauptperson
Der Autor bleibt den ganzen Roman über sehr dicht an der Hauptperson Bet. In Ich-Form geschrieben wird die Geschichte ganz aus ihrer Perspektive erzählt. Schon nach kurzer Zeit ahnt der Leser, dass es in Bets Leben Dinge gegeben haben muss, die sie noch immer belasten. Ihre Reaktion, auch der Mutter gegenüber zeigt, wie zerrissen Bet eigentlich ist. Durch ihre Erkenntnis, dass sie sich für andere engagieren kann, bekommt Bets Leben plötzlich Tiefe. Begleitet wird sie auf diesem Weg von ihrer neuen Freundin Viola, die in Bet mehr sieht, als diese zunächst selber in sich sehen mag. Durch Viola wächst Bet über sich hinaus. Das kommt hier absolut schlüssig zum Ausdruck. Es ist eine langsame Entwicklung, die Bet durchmacht. Eine, die von den Lesern gut nachvollzogen werden kann, auch wenn man nicht immer einverstanden ist damit, was die Hauptfigur tut.
Christian Frascella schafft es, die Verhältnisse in Turin auch für jene Leserinnen und Leser sichtbar zu machen, die die Stadt nicht kennen. Sie werden schnell vertraut mit den Gepflogenheiten der italienischen Gesellschaft im Allgemeinen, aber auch mit derjenigen von Turin im Speziellen. Da Frascella dies durch die Protagonisten seines Romans macht, wirken seine Schilderungen niemals aufgesetzt oder langweilig.
Eigener Sprachrhythmus
Etwas gewöhnungsbedürftig ist Frascellas Sprachrhythmus. Hier kommt eindeutig zum Ausdruck, dass das Buch aus dem Italienischen übersetzt worden ist. Vieles kommt in Deutsch jedoch nicht ganz so authentisch zum Ausdruck, wie es in der italienischen Fassung wohl tut – das temperamentvolle melodische der italienischen Sprache ist verloren gegangen. Den Lesern bleibt nichts anderes übrig, als sich dem ungewohnten Erzählstil zu überlassen. Hat man sich jedoch erst mal auf die Geschichte eingelassen, wird sie die teilweise etwas holprige Sprache vergessen lassen. Allerdings nur, wenn die Reife der Leserinnen und Leser stimmt. Es scheint sehr ambitioniert, das Buch auf Zielpublikum ab 12 Jahren auszurichten. Hier dürfte sich die Untergrenze an den bereits etwas reiferen 12-jährigen orientiert haben. Ich würde es eher Leser/innen ab 14 Jahren empfehlen.
FAZIT
Die Aussage von Bet empört sich hat viel Tiefgang. Es ist ein Buch, das Zivilcourage und Mut fordert und sichtbar macht, wie wichtig es ist, sich für andere einzusetzen. Die Nähe zu den handelnden Personen nimmt die Leser mit auf diesen Weg. Richtige Spannung mag aber nur vereinzelt aufkommen. Es ist also ein Buch, das sich an junge Menschen richtet, die mit offenen Augen durch den Alltag gehen und sich für gesellschaftliche Probleme interessieren.



