In Kürze:
England, Mitte des 19. Jahrhunderts Unfreiwillig gerät Richard Winters in die Hände des berüchtigsten Henkers von ganz England. An der Seite von William Calcraft führt er fortan das finstere Leben eines Henkerslehrlings, auf Schritt und Tritt begleitet von Tod, Galgen und Raben. Rasch merkt er, dass sein strenger Meister ein Geheimnis verbirgt, das seine Welt für immer aus den Angeln heben wird. Richard muss beweisen, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist. Doch als er in London ausgerechnet seine große Liebe wiedertrifft, steht urplötzlich noch viel mehr auf dem Spiel …
Jugendbuch-Rezension von Carsten Kuhr: »Der Henker auf der Jagd nach Wechselbälgern«
William Calcraft ist im Auftrag der Königin Viktoria im Land unterwegs. Seit nunmehr über 40 Jahren geht er seiner Tätigkeit nach, ist Landauf, Landab für seine Sorgfalt und Kompromisslosigkeit bekannt. Calcraft hilft verurteilte Schwerverbrecher zu bestrafen – er ist Queen Viktorias Henker.
Sein Ruf eilt ihm auch in einem kleinen Dorf abseits der Metropole voraus. Eigentlich sollte er eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, hängen; doch sein Instinkt lässt ihn zögern. Ist die Verurteilte wirklich schuldig, oder hat ihr jugendlicher Verehrer, der Sohn des örtlichen Pfarrers recht, wenn er um Gnade für sie bittet? Calcraft trifft eine folgenschwere Entscheidung. Die Verurteilte wird frei gesetzt, dafür tritt der Pfarrersohn Richard Winters als Lehrling in seine Dienste.
Zusammen ziehen sie quer durch England, von einem Schafott zum Nächsten. Dass sie dabei immer wieder auch auf seltsame, furchteinflößende Gestalten treffen führt dazu, dass Richard dem Geheimnis seines Meisters auf die Spur kommt. Calcraft macht Jagd auf die vom alten Volk, den Alben, den Menschen untergeschobenen Wechselbälgern. Und er will, dass Richard in seine Fußstapfen tritt. Im Londoner Gefängnis von Newgate legt Richard schließlich sein Meisterstück ab, doch dann gerät seine Welt vollends aus den Fugen.
Nicht nur, dass er seine alte Flamme in London wieder trifft, auch die Jüdin Rose macht ihm schöne Augen und die Gerüchte munkeln davon, dass die Alben einen neuen Angriff auf die Menschen planen – dabei ist dieser schon lang unterwegs . …
London im 19. Jahrhundert, voller Details und wirklichkeitsnah
Der in Stuttgart beheimatete Björn Springorum erzählt uns eine faszinierende Geschichte. Dabei nutzt er sein profundes Wissen um London und England zur Mitte des 19. Jahrhunderts um uns zunächst eine Metropole vorzustellen, die Realität atmet. Hier geht es wild zu, herrschen fast schon anarchische Zustände. Die Stärkeren setzten sich skrupellos durch, Leid und Elend, Hunger und Seuchen, Gestank und Armut beherrschen das Bild abseits der Nobelviertel. In diese, auch in Details sehr wirklichkeitsnah wirkende Beschreibung, hat der Autor drei Erzähler gesetzt.
Da ist zunächst der erfahrene Henker, der von Vielen angefeindet und verleumdet seiner Tätigkeit nachgeht. Ihn stößt die Sensationsgier und die Geschäftemacherei rund um die Hinrichtungen ab, er will seine Arbeit ohne große Aufregung erledigen und die Schuldigen ihrem Schöpfer übereignen.
Richard entwickelt sich im Verlauf der Handlung vom naiven Landei hin zu einem jungen Mann, der zwar viele Fehler macht, aus diesen aber lernt. Diesen Prozess, dass Fehler zum Leben und Reifen gehören, hat der Autor sehr unauffällig, aber deutlich herausgearbeitet.
Hinzu kommt dann noch die junge Jüdin Rose, die sich in Richard verliebt. Dass der Junge ihre Gefühle zunächst gar nicht bemerkt betrübt sie, wie sie ihrem Tagebuch anvertraut, hindert sie aber nicht daran, mutig ihren Weg zu gehen.
Jeweils abwechselnd erzählen Richard und Calcraft von der Jagd auf die Wechselbälger und dem Angriff der Alben. Immer wieder eingeschoben sind dann die Tagebucheintragungen Roses, die für ein ganz klein wenig Romantik sorgen. Das Gebotene überzeugt nicht nur durch die Kulisse, sondern insbesondere durch die griffigen Figuren und den unauffälligen aber gut lesbaren Stil.
Fazit
Ohne dass der Autor sich in grausigen Details verliert, präsentiert er seinen Leser einen ungeschminkten Einblick in das Leben in das London der Queen Viktoria, reichert diese Kulisse mit seinen übernatürlichen Wesen an und legt so einen Schmöker vor, der seine Leser in den Bann zieht.



