Astrid Lindgrens Mädchenromane
Woran denkt Ihr, wenn Ihr den Namen Astrid Lindgren hört?
Vielleicht an Pippi Langstrumpf? An die Kinder aus Bullerbü? An Ronja Räubertochter, Kalle Blomquist oder die Brüder Löwenherz?
Oder an all die wunderbaren lebenskluge Zitate und Weisheiten, die sie ihren Kinderbuchfiguren in den Mund gelegt hat?
Die wenigsten denken aber wahrscheinlich an Kati, Britt-Mari oder die Zwillinge Kerstin und Barbro, nicht wahr?
Daher haben wir beschlossen, Euch diese Mädels – bzw. Astrid Lindgrens Jugendromane – einmal etwas genauer vorzustellen.
Britt-Mari
»Es ist eine Unsitte, nachts im Bett zu lesen, aber herrlich.«
"Britt-Mari erleichtert ihr Herz» ist Astrid Lindgrens erstes Buch, das sogar noch vor «Pippi Langstrumpf» im Jahr 1944 erschienen ist. Zwar hat Astrid Lindgren «Pippi Langstrumpf» schon vorher bei einem Verlag eingereicht, das Manuskript wurde allerdings zunächst abgelehnt. In der damaligen Zeit war eine Mädchenfigur wie Pippi Langstrumpf aufgrund ihrer unkonventionellen Art noch kein gern gesehener Gast in der Kinder- und Jugendliteratur. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich die jungen Leser ein Beispiel an Pippi genommen hätten!!
Also schreibt Astrid Lindgren ein weiteres Buch – «Britt-Mari erleichtert ihr Herz» – und reicht es noch im selben Jahr bei einem Wettbewerb ein. Der Verlag Rabén & Sjögren sucht eine moderne, klischeefreie Geschichte für Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren.
Astrid Lindgren gewinnt den zweiten Preis und kommentiert: «Es brachte mich fast um, so glücklich war ich.»
Überraschend für die Jury war, dass Astrid Lindgren eine ganz gewöhnliche Hausfrau und keine bereits bekannte schwedische Autorin war. Immerhin wollte man mit dem Wettbewerb eigentlich renommierte Autoren dazu bewegen, sich an einem Jugendroman zu versuchen.
Gut, dass Astrid Lindgren an diesem Wettbewerb teilgenommen hat, denn so wurde uns Lesern nicht nur ein wunderbarer Jugendroman beschert, der Wettbewerb und die Veröffentlichung von «Britt-Mari erleichtert ihr Herz» ist Astrid Lindgrens erster Schritt auf ihrem Weg, eine der beliebtesten, bekanntesten und bedeutendsten Autorinnen weltweit zu werden.
Übrigens zeigt schon «Britt-Mari erleichtert ihr Herz», dass Astrid Lindgren keineswegs die damals gängige Rollenverteilung in ihren Büchern aufgreift. Ihre Mädchenfiguren sind unkonventionell und setzen sich über Regeln hinweg, ihre Mütter sind starke Persönlichkeiten, die arbeiten und nicht «nur» Hausfrauen sind. Ihre Väter sind nicht unbedingt zepterschwingende «Herren des Hauses», sondern lassen sich gern und geduldig von ihren Mädchen überstimmen.
In «Britt-Mari erleichtert ihr Herz" geht es um ein junges Mädchen, das von seiner Mutter deren alte Schreibmaschine bekommt und beschließt, sich eine Brieffreundin zu suchen. Denn einfach so drauflos tippen oder sich piesackende Zeilen mit ihrem Bruder schreiben, das wäre ja ungeheuerliche Papierverschwendung. Und so gerät sie an Kasja aus Stockholm, der sie fortan Briefe schreibt, natürlich sorgfältig auf ihrer Schreibmaschine, in denen sie über Höhen und Tiefen Alltags, die Freuden und Leiden der ersten Liebe, ihre Familie und ihre Gedanken, Sorgen und Nöte berichtet.
Astrid Lindgrens augenzwinkernder und humorvoller Ton – immer noch so erfrischend wie damals.
Kerstin und Barbro
»Das Wichtigste für ein Mädchen ist es nicht, von Jungen gemocht zu werden. Das Wichtigste ist, dass sie so ist, dass sie von ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen gemocht wird.«
Kerstin und Barbro aus "Kerstin und ich» sind, wie man am herrlich nostalgisch anmutenden Cover unschwer erkennen kann, eineiige Zwillingsschwestern. Die 16-jährigen Schülerinnen machen alles gemeinsam, haben die gleichen Ansichten, sind gleich gut (bzw. eher mittelmäßig) in der Schule und haben natürlich dieselben Freunde.
Ihr Leben ändert sich, als der Vater die Idee hat, mit seiner Familie nach Lillhamra zu ziehen, das Landgut, auf dem er selbst aufgewachsen ist. Erst als die Mutter einverstanden ist, ist die Sache beschlossen: Die Familie zieht nach Lillhamra. Ängstlich beobachtet der Vater seine geliebte Frau, denn Lillhamra ist in keinem guten Zustand. Doch die Mutter der Zwillinge ist eine tatkräftige Frau, die sich nicht abschrecken lässt und die Ärmel hochkrempelt. Lillhamra wird zu einem Zuhause für die Mädels, und trotz der vielen Arbeit leben sich Barbro und Kerstin ein, finden Freunde und genießen das Landleben.
«Kerstin und ich" ist 1945 erschienen und damit Astrid Lindgrens zweiter veröffentlichter Roman. Kerstin und Barbro sind zwei Mädchen, die so typisch für Astrid Lindgren sind. Erfrischende, das Leben in vollen Zügen genießende, Fehler machende, dazulernende, auf liebenswerte Weise respektlose, selbstironische, hübsche, gesellige – eben völlig normale, heranwachsende Mädels.
Astrid Lindgren geht in diesem Mädchenroman nicht auf die politische Situation in Europa ein. Vielleicht ein wenig verwunderlich, da sie sich doch sonst nie gescheut hat, auf Missstände aufmerksam zu machen, doch andererseits kommen wir so in den Genuss einer zwar etwas oberflächlichen, aber dennoch lesenswerten Geschichte.
Kati
"Kati in Amerika» (erschienen 1950) ist der erste Band der «Kati»-Trilogie. Weil ihr Freund Jan sich mit seinem Wissen über Amerika so aufspielt, beschließt Kati kurzerhand, selbst nach Amerika zu reisen. Dass ihre Tante, das Paradebeispiel für eine Frau der schwedischen Landbevölkerung, mitkommt, war zwar nicht geplant, aber beide machen sich auf den Weg und reisen über den großen Teich. Zunächst geht es nach New York, dann nach New Orleans und schließlich nach Chicago. Erfrischend und immer mit einer Prise Selbstironie berichtet die selbstbewusste Kati von ihren Erlebnissen und Gedanken, wobei trotz aller lustiger Unternehmungen stets auch ernste Untertöne mitschwingen. Vor allem Astrid Lindgrens Kritik am System der Rassentrennung in den USA wird immer wieder deutlich. Natürlich freut sich Kati über den ihr angebotenen Luxus, doch kein Sportwagen und keine Geschirrspülmaschine vermögen es, sie die Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung vergessen zu lassen. Als sie nach New Orleans fährt und dort mit eigenen Augen erlebt, wie die Rassentrennung gelebt wird, ist sie empört, wütend, getroffen – und macht den Mund auf. Sie wird aktiv.
Dies zu thematisieren war für ein Mädchenbuch der 50er Jahre ungewöhnlich.
Wie schon in «Britt-Mari erleichtert ihr Herz» und «Kerstin und ich» wird auch in der «Kati»-Trilogie deutlich, dass wir Leser es mit einer jungen Dame zu tun haben, die sehr gut weiß, was sie will, selbstbewusst ist und das Leben auf erfrischende und selbstironische Weise zu nehmen versteht. Kati amüsiert sich immer wieder über ihre Tante, der in den USA Vieles unverständlich erscheint. Da prallen wirklich zwei unterschiedliche Welten aufeinander, und zumindest Kati ist gewillt, das fremde Amerika gänzlich unvoreingenommen zu entdecken.
Kati setzt sich wie selbstverständlich über die der damaligen Zeit zugedachten Rolle der Frau hinweg und geht ihren eigenen Weg.
»Diese Kati hat nämlich durchaus ihre eigenen Vorstellungen vom Leben und betrachtet die den Frauen ihrer Generation zugedachte Rolle mit Skepsis und Ironie«, liest man im Nachwort von Kirsten Boie. »Nein, nein, allzu große Sorgen, dass Kati ihr Leben wie Trotzkopf oder Nesthäkchen fortsetzen wird, müssen wir uns wohl nicht machen.«
In «Kati in Italien» (erschienen 1952) und «Kati in Paris» (erschienen 1954) gehen Katis Abenteuer weiter. Hier allerdings lässt Astrid Lindgren die Tourismus-Ebene nicht hinter sich, was wohl daran liegt, dass sie bei «Kati in Amerika" auf eigene Erlebnisse und Erfahrungen zurückgreifen konnte.
Doch natürlich sind die beiden Fortsetzungen trotzdem ein großer Spaß.
Das Besondere an Astrid Lindgrens Mädchenromanen ist vor allem, dass sie – obwohl bereits in den 50er-Jahren erschienen – noch immer aktuell sind. Dies liegt hauptsächlich an den liebenswerten Mädchen, die immer mit einer ordentlichen Prise Selbstironie, viel Gefühl, Witz, Humor und dem Mut, sich über Konventionen und Vorschriften hinwegzusetzen, ihren eigenen Weg gehen. Kati, Britt- Mari, Kerstin und Barbro sind mittlerweile über 50 Jahre alt, aber es fällt leicht, sich mit ihnen zu identifizieren oder sie uneingeschränkt ins Herz zu schließen.
Neben den Kinderbüchern über Ronja, Kalle, Michel & Co. ist also ein Griff zu Astrid Lindgrens Mädchenromanen dringend zu empfehlen.
Ja, eigentlich darf man sich kein einziges Buch von Astrid Lindgrens Büchern entgehen lassen!
Und wer daran interessiert ist, noch etwas über Astrid Lindgren zu erfahren, der sollte sich folgende Bücher einmal genauer ansehen:

»Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens«
Dieser großformatige Bildband gibt einen wunderbaren Einblick in Astrid Lindgrens Leben und zeigt die Autorin in diversen Lebenssituationen. Faszinierende, interessante, bewegende Fotos kann man hier bewundern, die einen Astrid Lindgren noch einmal etwas näherbringen. Für echte Liebhaber!
»Jenseits von Bullerbü – Die Lebensgeschichte von Astrid Lindgren«
Feinfühlig, respektvoll, spannend und überaus interessant erzählt uns Maren Gottschalk die Lebensgeschichte von Astrid Lindgren, geht dabei gleichermaßen auf die beliebte Autorin wie auch auf ihre Bücher ein.
»Astrid Lindgren – Ein Lebensbild«
Vielleicht ist »Astrid Lindgren – Ein Lebensbild« von Margareta Strömstedt die umfangreichste und intensivste Biografie der beliebten Autorin.
Klappentext:
»Genau das ist sie, weltberühmt und von allen geliebt: Astrid Lindgren. Jahrzehntelang hat Margareta Strömstedt, Journalistin und Kinderbuchautorin, zahllose intensive Gespräche mit ihr geführt und Zugang zu verborgenen Seiten dieser Persönlichkeit bekommen. Daraus ist das Lebensbild eines einzigartigen Menschen und einer einzigartigen Dichterin entstanden.«
Wunderbar ist vor allem das Zitat von Astrid Lindgren, das dem Klappentext voran steht: »Ich kann beim besten Willen nicht begreifen, was ich getan habe, um so beliebt zu werden. Mir fällt nichts sein, womit ich das verdient hätte.«
Wollt Ihr noch mehr über Astrid Lindgren in Form eines Specials erfahren? Dann freut Euch schon jetzt auf die nächste Ausgabe der Kinderbuch-Couch!
Bis dahin hoffen wir, Euch auf die Mädchenromane Astrid Lindgrens neugierig gemacht zu haben.
Corinna Abbassi-Götte
Februar 2012
