Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne Freytag

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Den Mund voll ungesagter Dinge, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Heyne , 400 Seiten. ISBN 3-453-27103-3.

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Jugendbuch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta: Die erste große Liebe ein umwerfendes Ereignis

Das ist für uns alle so. Aber was ist, wenn wir uns in jemanden verlieben, den die Gesellschaft nicht so einfach akzeptieren würde? Noch immer ist es für junge Frauen und Mädchen schwierig, zur Liebe zu ihrem eigenen Geschlecht zu stehen. Vor allem, wenn es das erste Mal ist und sie sich selbst erst eingestehen müssen, dass es so ist.

Eine solche Geschichte erzählt uns Anne Freytag in ihrem Roman »Den Mund voll ungesagter Dinge«. Mich hat der Titel schon neugierig gemacht und die Story, die sich dahinter verbirgt.
Schon einmal vorweg, der Titel ist zutreffend, denn unsere junge Heldin, Sofie, die mit ihrem »Schneewittchen-Aussehen« jedem Jungen den Kopf verdrehen kann, lässt viele Dinge ungesagt. Es beginnt mit ihrem Umzug von Hamburg nach München. Ihr Vater hat eine neue Liebe gefunden. All die Jahre haben die beiden gut allein miteinander gelebt – Sofie und ihr Vater – doch auf einmal möchte er mit Lena ein neues Leben beginnen. Sofie ist dagegen, will nichts sagen, aber sie will der Sache auch eine Chance geben. Und genauso, wie sie es sich schon im Vorfeld vorgestellt hat, lebt Lena mit ihren beiden kleinen Söhnen in einem großen, behaglichen Traumhaus im Villenviertel. Alles ist so perfekt. Doch womit sie nicht gerechnet hat, ist die Freundlichkeit ihrer »Nicht-Brüder«, die Treue des kleinen struppigen Hundes, der ihr nicht mehr von der Seite weicht – und am allerwenigsten hätte sie mit dem großen Verständnis von Lena, der neuen Frau an der Seite ihres Vaters, gerechnet. Denn auch wenn Sofie sich das nicht eingestehen will, Lena ist eine sehr nette »Stiefmutter«.

Und eine Mutter hatte Sofie doch all die Jahre vermisst. Obwohl sie allen erzählt, ihre Mutter sei gestorben, schwankt Sofie immer noch zwischen Schmerz und Wut darüber, dass Ihre Mutter die Familie bereits kurz nach ihrer Geburt verlassen hat. Die genauen Gründe kennt sie nicht. Es ist daher leichter für sie, über das Thema zu schweigen.

Nachdem sich Sofie erst einmal in die oberste Dachkammer des Hauses verkrochen hat, bleibt ihr reichlich Zeit über ihr neues, sorgloses aber recht gleichförmiges Leben nachzudenken. Dann aber entdeckt sie in der Villa nebenan ein Mädchen in ihrem Alter – und zwar beim Sex mit einem Jungen. Als sie von den beiden bemerkt wird, ist es schon zu spät, um ungesehen zu verschwinden – wie peinlich! Doch Alex, das Mädchen aus dem Nachbarhaus, nimmt es ihr nicht wirklich übel. Wie es der Zufall will, ist sie mit Sofie auf der gleichen Schule und schon bald verabreden sich die beiden häufiger.

Doch irgendetwas entwickelt sich anders bei dieser Freundschaft. Nicht dass Sofie sich besonders gut in Sachen Freundschaft auskennt; sie hat nur den einen guten Freund und der lebt weit weg in Paris. Ist es also normal, dass sie Alex auf diese Weise betrachtet, dass sie plötzlich über Dinge nachdenkt, die sie sonst nie bei einem anderen Mädchen interessiert haben? Und was hatte der unglaublich intensive Kuss zu bedeuten, den sie einander beim »Flaschendrehen« gegeben haben? Und warum nur ist Sofie so eifersüchtig auf Alex’ Freund?
Sofie hat den Mund voller ungesagter Dinge – und Fragen.

Vieles an diesem Buch erinnert mich an den französischen Film »Blau ist eine warme Farbe«. Dass dieser Film zu einem Schlüsselerlebnis der beiden Mädchen in diesem Buch wird, erstaunt daher kaum. Wie die Protagonistin im Film, ist der Sex mit Jungs für Sofie eine Art Pflichtprogramm. Sie empfindet nichts dabei und fühlt sich am Ende leerer als je zuvor. Doch als sie mit Alex gemeinsam nach dem Schwimmen unter der Dusche steht und ein eindeutiges Kribbeln empfindet, muss sie sich irgendwann eingestehen, dass sie sich verliebt hat. Und zwar mit allem, was dazugehört. Wie auch im Film ist die »Angebetete« sehr viel klarer und offener. Alex hilft Sofie aus ihrem Schneckenhaus und eröffnet ihr Wege, die beide voller Glück in den zwei Wochen, in denen sie ganz allein sind, beschreiten.
Geschickt bettet Anne Freytag ihre Geschichte in den Zauber des Frühsommers, mit Sonnentagen in der Stadt und am See, mit gemütlichen Regentagen, Joggingrunden mit Hund, herrlichen Ausflügen zu schönen Lokalen. Sie zeigt ein Umfeld, das so schön und behaglich ist, dass sich die Leser/innen gleich mit wohl fühlen können.

Ja doch, die Protagonistin hat es schon recht nett, aber es dauert, bis sie sich das eingesteht. Auch eigentlich zu »schön um wahr zu sein« ist Lena, ihre neue Stiefmutter. Mit so viel Liebe und Geduld – von dem ihr Vater beides nicht mehr so recht aufbringen kann – hat wohl kaum jemand einen Menschen in seine Familie geholt. Hinzu kommt, dass Lena Ärztin ist, sehr gut aussieht und noch immer so schlank ist, dass sie mit Sofie Klamotten tauschen kann.

Damit es nicht zu idyllisch wird, baut Anne Freytag kleinere und größere Katastrophen ein, die zum Alltag einer Abiturientin wohl dazugehören. Doch die Rückkehr von Alex’ Freund führt für die verunsicherte und eifersüchtige Sofie direkt in die Katastrophe. Auch für Alex ist es nicht leicht, der Welt zu sagen, dass sie nun einmal ein Mädchen liebt. Es kommt zu einem großen Paukenschlag am Schluss, der natürlich nicht verraten wird.

Unter dem Strich bleibt dennoch ein sommerleichter Liebesroman, der zugleich auch ein Entwicklungsroman ist. Er erzählt über den Wendepunkt im Leben der Protagonistin, der zwar von gleichgeschlechtlicher Liebe mit all ihren typischen Irrungen und Wirrungen handelt, aber doch den Weg ins Erwachsenenleben markiert. Das Abitur, das die beiden Mädchen ablegen müssen ist nur ein weiterer Meilenstein dabei.

Dass die Autorin all das in ein unwiderstehlich perfektes Umfeld ansiedelt, mag einigen besonders gefallen, anderen vielleicht gerade nicht. Mich hat wenig an der unterhaltsamen und eingängigen Geschichte gestört, außer vielleicht, dass Sofies bester Freund aus Kindertagen (der bei seiner Freundin in Paris lebt) und mit dem sie ein geschwisterliches Verhältnis verbindet, sie »Flittchen« nennt, abgeleitet aus dem Spitznamen »Schneeflittchen«. Niemanden, den ich sehr gern hätte, würde ich so nennen. Aber auch das ist ja Geschmacksache, ebenso wie die häufige Erwähnung von Musiktiteln zu den unterschiedlichsten Momenten der Geschichte. Mich hat es immer ein wenig rausgebracht, aber wer sofort weiß, wie das erwähnte Lied klingt, hat es wohl auch gleich im Kopf. Passend dazu gibt es am Ende übrigens auch eine eigene Playlist.

Die Charaktere sind im Großen und Ganzen sehr typisch, von der bereits erwähnten Traum-Stiefmutter, über den besorgten Vater, dem der Geduldsfaden reißt, bis hin zu den neuen coolen Freunden, gibt es wenige Überraschungen. Dafür beschreibt Anne Freytag ihre Nebendarsteller aber sehr detailliert – wobei ich mich gewundert habe, wie viel man bei einem einzigen Blick auf einen Menschen so denken kann. Doch vor allem Sofie ist einfach cool, superhübsch, begabt, clever und schlagfertig, wenn sie es sein muss. Ich denke – egal welche Neigung die Leserinnen in sich spüren – sie werden sich gerne mit der Protagonistin identifizieren.

Fazit: Eine fast makellose Protagonistin, ein unwiderstehlicher Frühsommer und viele außergewöhnliche Momente machen diesen Roman zu einem leichten, aber dennoch emotionalen Lesevergnügen. Auch dies ist ein Weg, über gleichgeschlechtliche Liebe zu erzählen.

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