Schweigen ist Goldfisch von Annabel Pitcher

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Silence is Goldfish, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Sauerländer , 464 Seiten. ISBN 3737353751.

ab 14 Jahren

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In Kürze:

Tess hatte nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Als sie eines Nachts am Computer ihres Vaters die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt nämlich dass er eben nicht ihr Vater ist weiß sie auch, warum das so ist. Sie ist Pluto, aber ihre Eltern wollten einen Mars. Oder wenigstens eine Venus.

Was soll Tess dazu noch sagen? Ihr fehlen die Worte. Und so schweigt sie. Schweigend sucht sie ihren richtigen Vater. Schweigend unterhält sie sich mit ihrem Plastikgoldfisch, Mister Goldfisch. Schweigend verliert sie ihre beste Freundin und findet einen neuen Seelenverwandten. Und sie gewinnt die allerwichtigste Erkenntnis überhaupt: nämlich, dass Schweigen Macht verleiht aber Reden noch viel mehr.

Jugendbuch-Rezension von Andrea Delumeau: »Wird es Tess gelingen, ihren biologischen Vater zu finden und wieder anfangen, zu reden?«

Tess findet durch Zufall heraus, dass ihr Vater gar nicht ihr biologischer Vater ist, sondern dass sie ihre Existenz einem Samenspender verdankt. Diese Entdeckung wirft sie so aus der Bahn, dass sie aus Protest aufhört zu reden und nur noch schweigt. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach ihrem »richtigen« Vater.  Wird es ihr gelingen, wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen?

Eigentlich führt die fünfzehn-jährige Tess ein ganz normales Leben. Ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler und Dramaturg, der sich aber nicht einstellen will.

Da stößt sie eines Tages auf dem Bildschirm des Computers ihres Vaters auf den Entwurf eines Artikel, den ihr Vater für die Webseite einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern, die durch eine Samenspende gezeugt worden sind, in dem er schreibt, dass er nicht der biologische Vater seiner Tochter ist

Für Tess bricht daraufhin eine Welt zusammen. In der Schule hat sie nur eine Freundin, Isabel, selbst Außenseiterin wie sie, die total Tolkiens »Herr der Ringe« und dessen Fantasywelt verfallen ist. Noch dazu wird sie in der Schule wegen ihres Aussehens gemobbt und auf twitter werden unter dem hashtag #SieisteinEr hauptsächlich von einer gewissen »Blaise@Glory« hässliche Lügen über sie und ihr angeblich in Wahrheit männliches Ich verbreitet.

Weil ihr alles zu viel wird, hört sie deshalb eines Tages aus Protest mit dem Sprechen auf. Keiner kann sich erklären warum und die Eltern schleppen sie sogar zu einer Logopädin in der Hoffnung, sie so wieder zum Sprechen zu bringen. Diese sagt  jedoch, dass sie Tess nicht helfen könne und empfiehlt eine psychiatrische Beratung.

Tess bester Vertrauter ist jetzt Mr. Goldfisch, der nur von Tess in ihrem Kopf zu hören ist, und Tess’ Handeln kommentiert und ihr Ratschläge gibt.

So zum Beispiel bei der Suche nach ihrem biologischen Vater. Ihr Lieblingsfach ist Mathematik, weil sie sich in der Logik der Zahlenwelt besser zurechtfindet als im verwirrenden und oft unlogischen Alltag. Deshalb entspricht ihr neuer Vertretungslehrer in Mathematik, Mr. Richardson, wie sie und Mr. Goldfisch finden, perfekt dem Bild, das sie sich von ihrem »richtigen« Vater gemacht hat.

Wird es Tess gelingen, ihren biologischen Vater zu finden und wieder anfangen, zu reden?

Annabel Pitcher ist eine erfolgreiche Autorin, die vor Schweigen ist Goldfisch bereits Bücher veröffentlicht und mehrere Preise gewonnen hat. Sie hat in Oxford Englische Literaturwissenschaften studiert und eine Liebe zur Sprache merkt man ihren oft sehr aussagekräftigen und fast poetischen Beschreibungen an, die in ihrer Einfach- und Ungekünsteltheit oft überraschen, somit aber den jugendlichen Leser nicht über-, sondern seine Vorstellungskraft herausfordern. An dieser Stelle ist die hervorragende Übersetzungsarbeit von Susanne Hornfeck hervorzuheben, der es gelingt, diese Sprachbilder ins Deutsche zu übertragen. Die Hauptfigur der Tess wirkt trotz ihren Selbstzweifeln liebenswert und nicht nervend, sodass der Leser leicht in die Handlung miteinbezogen wird. Dazu trägt auch die Erzählperspektive in der Ich-Form bei.

Auch die Nebenfiguren überzeugen, allen voran die »verständnisvoll-sein-wollenden« Eltern, die völlig ineinander aufgehen und fast bis zuletzt Tess gegenüber vollkommen hilflos sind. Auch Anna, Tess’ Klassenkameradin, die geschickt mit ihr ein falsches Spiel treibt, verkörpert erfolgreich den Typ eines tonangebenden Mädchen, das es in fast jeder Klasse gibt. Auch die verständnisvolle Klassenlehrerin Miss Gilbert, die Kunst unterrichtet, wirkt lebensecht im Gegensatz zu Henry, in den sich Tess ein bisschen verliebt. Als Einziger versteht er Tess’ Schweigen, steht ihr bei; wirkt aber insgesamt zu schön und zu »märchenprinzartig«, um wahr zu sein.

Ihr lebenslanges Bestreben, es allen recht zu machen und vor allem die Anerkennung ihres Vaters zu erlangen, der großen Wert auf gute Noten, beeindruckende Freunde und ein erfolgreiches Auftreten in der Öffentlichkeit legt, sind ein überzeugender Einblick in den tiefen Grabens zwischen den Generationen und verdeutlichen die Unfähigkeit der Eltern, Tess’ Schweigen richtig einzuordnen und ihr zu Hilfe zu kommen.

Ein großer Teil der Handlung wird von der Schule und Tess’ Auseinandersetzung mit ihren Klassenkameraden, von denen sie wegen ihres Aussehens gemobbt wird, bestimmt. Diese Szenen wirken so aus dem Leben gegriffen, dass man ihnen anmerkt, dass die Autorin hier aus eigener Erfahrung spricht, war sie doch selbst einmal Lehrerin.

Tess’ Suche nach ihrem biologischen Vater ist sehr spannend gestaltet und treibt die Handlung schnell voran. Die Mobbing-Szenen wirken eindringlich und sind so packend geschrieben, dass der Leser nicht nur mit Tess mitleidet, sondern ihr zujubeln möchte, als sie sich Anna gegenüber in einer dramatischen Szene gegen Schluss behauptet. Ihre als Drehbuchschreiberin beim britischen Fernsehen erworbene Handwerkskunst kam der Autorin hier sicherlich zu Hilfe, ohne dass sie in billige Effekthascherei verfällt.

FAZIT

Ein spannender und packender Jugendroman mit Biss, der sperrige Themen wie nicht biologische Vaterschaft und Anpassung zur Sprache bringt und zeigt, das Schweigen zwar effektiv sein kann, aber Reden letztendlich gewinnbringender ist.

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