Jessicas Geist von Andrew Norriss

Buchvorstellung und Rezension

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Jessica´s Ghost, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Rowohlt , 224 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

ab 12 Jahren

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In Kürze:

Francis führt in der Schule ein einsames, unglückliches Leben, denn er ist der einzige Junge, der sich für Mode interessiert und selbst Kleidung näht. Das perfekte Opfer. In Jessica findet er zum ersten Mal eine Freundin. Doch Jessica ist ein Geist, der seit über einem Jahr in der Stadt herumschwebt bisher allerdings vollkommen unsichtbar. Wieso nicht für Francis? Auch die kleinwüchsige, «unmädchenhafte» Andi und der übergewichtige Roland können Jessica sehen und hören. Bald schon verbindet die vier Außenseiter eine Freundschaft, die keiner von ihnen zuvor gekannt hat. Die Frage ist: Was haben sie alle gemeinsam? Und warum ist Jessica überhaupt als Geist unterwegs?

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Francis ist ein ziemlicher Einzelgänger und versucht möglichst unter dem Radar seiner Mitschüler zu bleiben. Er wusste gar nicht, wie sehr er einen Freund braucht, bis er Jessica trifft. Sie sitzt plötzlich einfach da, neben ihm auf der Bank. Es ist kalt und Jessica trägt nur ein Cocktailkleid …

Nach dem Unterricht erwischt Francis sich dabei, dass er nach Jessica Ausschau hält. Als er sie entdeckt, trägt sie endlich etwas winterlich-warmes. Aber Jessica kann jederzeit ihre Kleidung wechseln, sie muss nur daran denken, was sie tragen möchte – und kalt ist es ihr auch niemals, denn Jessica ist ein Geist. Sie starb im Krankenhaus, so viel weiß sie noch. Seitdem kehrt sie jeden Abend in ihr ehemaliges Krankenzimmer zurück und wartet auf etwas. Sie weiß nicht auf was, aber sie hat irgendetwas verpasst, oder irgendetwas muss noch geschehen. Jessica kann sich einfach nicht erinnern. Aber sie ist froh, dass sie Francis getroffen hat, denn er ist der erste, der sie sehen kann. Die beiden schließen schnell Freundschaft. Francis, der leidenschaftlich gerne Mode entwirft und seine eigenen Entwürfe näht, ist ganz begeistert, dass er jeden Schnitt zunächst an Jessica ausprobieren kann, da sie ja jedes Kleidungsstück nachahmen kann.

Sie bleiben nicht lange allein. Da gibt es ein neues Mädchen in der Nachbarschaft und Francis wird gebeten, sich doch um das renitente Teenager-Mädchen zu kümmern. Andi schlägt gerne mal zu und das ist auch der Grund, warum sie die Schule wechseln muss. Zunächst scheint ihre Begegnung recht lahm, das gegenseitige Interesse hält sich in Grenzen. Doch dann stellt sich heraus, dass Andi Jessica ebenfalls sehen kann. Bald schon sind sie ein unschlagbares Trio: Francis kümmert sich darum, dass Andi in seine Klasse kommt und verspricht, dass er ihr hilft, ihr Temperament zu zügeln, Jessica hilft Andi heimlich im Unterricht – und Andi sorgt ihrerseits dafür, dass niemand mehr auf die Idee kommt, ihrem neuen Freund Francis noch mal auch nur ein Haar zu krümmen.
Als sich bei den Erwachsenen herumspricht, wie gut Francis unglückliche Teenager wieder auf die Spur kriegt, wird er auch von dem reichen Ehepaar Boyle gebeten, etwas für ihren Sohn zu tun. Ihr Roland will gar nicht mehr in die Schule – und Francis, Jessica und Andi können das gut verstehen, denn Roland ist wirklich sehr dick. Er steckt in einem fortwährenden Teufelskreis von Ablehnung und Fressattacken, er verbringt seine Zeit nur noch vor der Spielkonsole und hat das Leben »draußen« schon abgeschrieben. Ihre erste Begegnung verläuft zunächst gar nicht gut – doch dann sieht auch er Jessica. Warum können nur sie Jessica sehen? Was ist so besonders an ihnen, was zeichnet sie aus?

Lebensfreude – im wahrsten Sinne des Wortes

Das Schöne an Jessicas Geist ist zunächst einmal das Fortschreiten der Geschichte, ohne große Verstrickungen und überflüssige Details. Das liest sich unheimlich spannend und es macht Spaß, in der Geschichte zu bleiben, weil es nie langatmig wird. Während die Vier also so manches Abenteuer miteinander bestehen, sich gegenseitig beschützen – sogar der zurückhaltende Francis sieht rot, wenn jemand Roland blöd von der Seite anmacht -werden sie zu einer verschworenen Gemeinschaft. Sie trotzen dem Leben, sind greifbar in ihrer Haltung, ihren Leidenschaften und Interessen; es sind echte Charaktere und sie werden in Andrew Norris Erzählung lebendig.

Schließlich wird klar: Jeder der vier Freunde hatte sich schon lange abgeschrieben, ohne es wirklich vor sich selbst zugeben zu wollen. Brauchte es ein Wunder, das diese Ereignisse ins Rollen bringt? Andrew Norris gibt uns keine eindeutige Antwort darauf, aber er lässt seine Geschichte viele andere, wichtige Antworten finden.

Auch ein Wunder braucht einen genauen Auftrag

Bei aller Harmonie, da ist noch etwas; da ist zum einen die bange Frage, ob Jessicas Existenz so Bestand haben kann, was es ist, worauf sie Tag für Tag wartet. Jessica kann es allen Nachforschungen zum Trotz selbst nicht sagen. Doch die vier ahnen, dass sie etwas tun müssen, etwas Wichtiges. Ihre Vermutungen lassen sie jedoch viel zu lange in der falschen Richtung suchen. Erst in allerletzter Sekunde begreifen sie, wozu sie das Schicksal – oder was auch immer – auserkoren hat.

Es ist gar nicht so einfach, das Ende und damit das eigentliche Geheimnis, nicht zu spoilern. Nur eines möchte ich verraten: Es wird sehr spannend! Die meist humorvolle, etwas schräge Geschichte trägt einen sehr ernsten Kern in sich; und dieses Thema schwingt gleich von der ersten Seite an mit, wie ich finde. Sein Geheimnis lüftet Andrew Norris aber erst spät und auf so kluge und einnehmende Weise, dass ich hier gerne die Höchstwertung der Jugendbuch-Couch gebe.

Ja, auch dieser Coming of Age Roman handelt vom Anderssein, das Finden der eigenen Persönlichkeit – und es geht auch um Mobbing. Aber hier erzählt Andrew Norris ganz frisch und unangestrengt; unmittelbar und ehrlich. Er beweist, dass man nicht kompliziert schildern muss, wie es in einem Protagonisten aussieht, um die Leser zu erreichen. Norris findet gute Bilder und erschafft besondere Momente; er muss gar nicht so genau auf die wichtigsten Botschaften in seines Romans hinweisen, sie sind einfach da. Genau wie Jessica.

FAZIT

Eine ganz und gar ungewöhnliche Geschichte mit einer wichtigen Botschaft. Jessicas Geist kommt ohne jede Schwere daher und vermittelt mit seinem Bruch, dass ernste Themen eben auch unterhaltsam und positiv angegangen werden können, ein gutes Gefühl. Für viele ein gutes Buch, für andere vielleicht auch eine positive Bestärkung, genauer hinzuschauen oder sich Unterstützung zu suchen. Denn eines wird in Jessicas Geist klar: Keiner ist wirklich allein.

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